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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

- 216

auf den schmalen Feldweg zu legen. Der Name des
Verstorbenen und ein R. I. P. — requiescat in pace —
findet sich darauf gemalt.“
In dasselbe Gebiet, obwohl bereits in Tirol gelegen,
 gehören die Todtenbretter in der Gegend von
Lermoos. Die Zeitung „Der Burggräfler“ vom
17. Juli 1892 (Meran) bringt einen Bericht von
Lermoos, in welchem es heisst: „Stirbt jemand, so
wird in der Stube ein menschenlanges Brett auf
zwei Stühle und der Leichnam darauf gelegt. Nach
Beerdigung des letzteren wird in das Brett deı
Name des Verstorbenen sammt der Jahrzahl des
Sterbejahres eingeschnitzt und dasselbe über einen
Wasserdurchlass eines Feldweges gelegt, den die
Weginteressenten passiren müssen. Jeder Passant
liest den Namen des Verstorbenen und betet ein
kurzes Gebet für dessen Seelenruhe.“ Auch K. v. Hrıee.
kennt diese Leichladen und bemerkt darüber (a. a. O.,
S. 117): „Ueber die Moorgründe bei Lermoos sind
Bohlen gelegt, in welche man Namen von Abgeschiedenen
 mit Todtenkreuz und Jahreszahl einyeschnitten.“

Dies ist die einzige Localität in Tirol, welche meines
Wissens den Gebrauch der Todtenbretter in unserem
Sinne kennt; es konnte dahin, wie vielleicht auch im
tirolischen Lechthale diese Sitte mit den Einwanderern
von Bayern aus leicht thalaufwärts vordringen, da
die völkertrennende Wasserscheide weiter südlich verläuft
 ?). Dagegen muss festgestellt werden, dass diese
Sitte dem Laufe des Inn entgegen durch die Enge von
Kufstein nicht Boden gewann und dass ferner der
Pass Strub, sowie die ganze Grenze zwischen Tirol
und dem Mittel-Pinzgau der Verbreitung der Todtenbretter
 von Salzburg aus ein unüberwindbares
Hemmniss entgegensetzten. Auch im Ober-Pinzgav
sah ich von Zell. am See ab bis zum Gerlospasse
wenigstens an der Strasse keine Leichladen. (In
meiner Abhandlung „Die Todtenbretter im Böhmerwalde“,
 S. 99, 2. Spalte, Zeile 7 von oben, ist statt
Über-Pinzgau „Mitter-Pinzgau“ zu lesen.) Herr Oberst
GustAv Bancaıarı in Linz bestätigte mir, dass mit
der salzburgisch-tirolischen Grenze auch das Todten-Drettergebiet
 bezeichnet sel.
Für das Herzogthum Salzburg und die eng benachbarten
 Gebiete von Bavern hat Fräulein Marıge

1) In der Ortschaft Emmersberg im Gsiessthal (Pusterthal,
 Tirol) werden die Leichen auch auf dem Laden aufgebahrt;
 vgl. Dr. Taomas HıL.: Auf einem Bauernhofe im Gsiessthal
 in Tirol, S. 77: „Die Nändl (Grossmutter) ist vor etlen
Tahren auf dem Röächbretl /(Leichenbrett) gelegen.“

Zysw in unermüdlicher Arbeit ein ausgezeichnetes
Material zusammengestellt. Nicht weniger als 39 photozraphische
 Aufnahmen der verschiedenen Arten von
Todtenbrettern aus dem ganzen Gebiete des Herzoghumes
 Salzburg stellte sie mir zur Verfügung; von
liesen Aufnahmen sind sieben Bilder auf den Tafeln I
ınd II in Lichtdruck reproducirt. Ausserdem stellte
*räulein Eysn einen ausführlichen Fundbericht zuammen
 und trug alle Localitäten je nach der Verschiedenheit
 der Aufbewahrungsart der Leichladen
in verschiedenen Farben auf einer Karte ein, die,
wenn sie einmal vollständig abgeschlossen sein wird,
3ın sehr klares Bild der Verbreitung der Todtenhretter
 geben wird.
Fräulein Eysn berichtet: Auf dem Heuberg (bei
Salzburg), in Plainfeld, Anthering u. s. w. werden
ıoch alle Todten auf ein Brett gelegt, das später
aufgestellt oder richtiger hinausgelegt wird. Auch
'n Werfen, St. Johann, Lend%), Rauris geschieht
wohl das erstere, aber das Brett wird weiter nicht
beachtet. In den anderen Gegenden werden die
\ermeren auf der um die Stube herumlaufenden
3ank, die Wohlhabenderen auf den Betten aufgebahrt.
Die ältesten Bretter haben nur drei eingeschnittene
Kreuze und die Anfangsbuchstaben der Namen des
Verstorbenen; später werden die Kreuze, der volle
Namen, das Todesjahr und R. I. P. mit schwarzer
Jelfarbe auf das rohe Brett gemalt. Sie haben die
Form eines länglichen Trapezes, das am Fussende
lie Schmalseite, am Kopfende die Breitseite hat;
etztere ist an den Ecken ziemlich stark abgestutzt.
in neuester Zeit sind die Bretter länglich rechtıckig,
 mit schwarzem Rande verziert oder zuweilen
zanz mit schwarzer Oelfarbe bestrichen und mit
weissen oder blauen Buchstaben bemalt; um Unken
;st die Schrift auch grün oder roth”). Diejenigen
ler letzteren Jahre tragen Verse und Sprüche, um
‘‚eogang in der Mitte sogar ein gemaltes Bild, als:
lie Madonna, den Namenspatron des Verstorbenen,
7almzweige, einen Todtenkopf, Handwerkszeug u. s. w.
Meist kommt der Verstorbene (in letzterer Gegend)
zar nicht mehr in Berührung mit dem Brette und
Jieses ist eigentlich ausschliesslich nur eine Gedenktafel?).
 Die Bretter werden stets nahe der Wohnung
ı) Herr Ernest MüLnLer, Cooperator in Wien, schrieb
mir, dass er in Gastein Leichenbretter gesehen habe,
?) In Leogang sah Herr Ernest Mönner blaue und gelbe
Bretter.
3) Auch Hörmann sagt a. a. O., S. 11: „In früheren Zeiten
waren es die wirklichen Pechhretter auf welchen die Leichen
            
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