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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

- 208

Ich- bin der Meinung, dass noch eine östliche
Gruppe dieser römischen Provinzialkeramik einzureihen
 ist oder, besser gesagt, unter ihrem Einflusse
stand. Ich meine die alten kaukasischen, mit dem
typischen Wellenornamente verzierten Gefässe, von
denen ich eine hübsche Reihe in verschiedenen
Museen sah.
In den älteren, vorchristlichen Funden des eigentlichen
 Russland und der Krim kommen sie nicht vor *).
erst im Kaukasus trifft man sie und, wie gesagt,
denke ich auch da an römischen Einfluss.
Denn obwohl das mehrfache Wellenornament im
alten Assyrien wohlbekannt war, wie uns mehrere
grosse Urnen von den Ausgrabungen DimuLAroy’s
im Louvre belehren,- so reihen sich chronologisch die
uns interessirenden kaukasischen Funde der römischen
 Zeit an und würde man hiebei sehr unrecht
thun, bei diesen an mesopotamischen sowie. an den
viel späteren slawischen Einfluss zu denken. Beide
sind zeitlich zu weit auseinander gelegen. Man könnte
sie höchstens als eine selbstständige Gruppe betrachten..
 Gefässe, mit typischen, einfachen sowie
mehrfachen Wellenlinien verziert, wurden in Jüngeren
Gräbern zu Koban”?), dann in Samthawro®)
Tschmy in Ossetien‘), Kam unta®), Redkin-Lager‘®).
in Ausgrabungen bei Suchum”) und an anderen Orten
vorgefunden °). Auf dem Kirchhofe der Tschetschenzen
bei Tchaba-erda fand sie Wszv. Mınner ®).
Es kommt also die Wellenlinie auch in anderen
vom Wohnorte der Slawen weit entfernten römischen
Provinzen vor. Obzwar sie nun ausserhalb Oesterreichs
 viel seltener auftritt, so ist doch dieses Factum
eine genügende Stütze für die Ansicht, dass dieses
typische Ornament in die prähistorische
slawische Keramik aus der vrovinzial-1)

 Unter den zahlreichen keramischen Resten der süd:
russischen griechischen Colonien fand ich im Moskauer Museum
nur ein kleines, rothes Krüglein, das mit einer einfachen
horizontalen Wellenlinie verziert war.
?) Mehrere Krügel und Töpfe werden im Museum zu
Berlin und im historischen Museum zu Moskau aufbewahrt.
8) Vgl. E. CuHanrre, Recherches anthropologiques dans Ile
Caucase (Paris 1885—1887), Bd. II, Taf. 54, Fig. 6. Bd. III
Taf. 16, Fig. 2,
*) Nach Vırcnow (Verh. der Berl. Anthrop. Ges,, 1890, S. 433)
5) Im historischen Museum zu Moskau (Saal IIN.
8) Im historischen Museum zu Moskau (Saal VI).
’) Sızow in den „Materialy po archeologiji Kawkaza“
(Moskau 1889), Bd. IT, Taf. VI, Fig. 4.
8) Aus der Umgebung von Kislowodsk, Tli-si, aus Digorien
u. s. W. (in Moskau und Wien). .
' 9) Materialy po archeologiji Kawkaza (1888), Bd. TI, Taf, IV
Fig. 1, Taf. V, Fig. 1, 2.

ömischen überging und nicht umgekehrt.
BUSCHAN irrt gewiss, wenn er derselben orientalischen
Jrsprung zuschreibt. Wir sehen dieses Ornament ja in
Böhmen häufiger schon auf den Stradonicer Scherben,
welche gewiss römischen Ursprunges sind *). Allerdings
and es dann in den von Slawen bewohnten Gegenden
3ine allgemeine Verbreitung, am frühesten in Ungarn *).
Ungarn scheint also für beide besprochene slawische
 Charakteristika gewissermassen ein Ausgangsunkt
 oder besser die erste Station (im IV. bis
YII. Jahrhundert) zu bilden, von wo sie sich zu den
westlichen Slawen verbreiteten, Wenn sich dies bestätigen
 sollte, so ist das für die Palaeoethnologie der
yestlichen Slawen sehr wichtig.

11T. Geflügelte Lanzenspitzen.
In einigen Funden an der Donau, die durch die
5-förmigen Schläfenringe charakterisirt sind, kommt
zuweilen eine besondere Art von Lanzenspitzen vor,
die wir „geflügelt“ nennen können (Fig. 279), so
z. B. bei Burg Lengenfeld in Baiern, in Gräbern von
Thunau bei Gars in Niederösterreich ®),
Der Fund von Burg Lengenfeld bewog Professor
Dr. J. Ranzg, sich im Jahre 1889 zu mir zu äussern,
lass diese Art von Lanzenspitzen slawischer Herzunft
 sein könnte. Ich weiss nicht, ob mein hochzeschätzter
 Lehrer noch heute derselben Meinung
st. Ich meinerseits habe im Laufe der letzten Jahre
lieser Frage meine Aufmerksamkeit zugewendet,
nwieweit sich diese Form in Funden der slawischen
ınd nichtslawischen Länder vorfindet, und habe die
Nahrnehmung gemacht, dass die Funde gar nicht
auf slawische Herkunft hinweisen.
Im westlichen Europa sind die geflügelten Lanzenspitzen
 ziemlich häufig, obwohl sie hier nur meist
) In der Sammlung Bereer’s zu Prag, Vgl. auch N. Lew-4ANN,
 Mon. varia populorum, I. Efossa de Stradonic, Taf 1.
?) Ich erlaube mir nebenbei auch einige moderne Beispiele
zeiner aussereuropäischen Verbreitung anzuführen. Ich sah
eine mehrfache eingeritzte Wellenlinie auf der nilaghirischen
 (Vorderindien) und auf japanischer Keramik an
ainer ganzen Reihe von im britischen Museum zu London
zufbewahrten Stücken. Ein kugeliges Gefäss aus dem Fidji-Archipel
 (in demselben Museum) ist mit einigen Reihen von
Wellenornamenten auf der oberen Hälfte geziert; auf molernen
 ägyptischen Gefässen kommt eine mehrfache verti-;ale
 Wellenlinie vor (Beispiele von verticaler Wellenlinie sind
auch aus der prähistorischen Zeit bekannt, Vgl. den Artikel
von Jenrsch in den Verhandlungen der Berliner Anthropol.
Ges, 1881, S 29). Im Berliner Museum (Nr. 647) befindet sich
ein mit einer mehrfachen Wellenlinie verziertes Gefäss, anzeblich
 aus einem Grabe auf Island stammend.
3) Dererste Fund wird in der Sammlung der Akad. in München,
der zweite im Wiener naturhistor. Hofmuseum aufhewahrt
            
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