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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

“
d

zewonnenen Lebensbegriffes bedingen die Thatsache.
dass bei den verschiedensten Völkern die Bezeichnungen
für Leben, Seele, Geist (zum Theile auch Gott) auf
bewegte Luft (Wind, Athem) zurückführen !). Nach
Sayorp bedeutet im Accado-sumerischen Ilil (in der
Zusammensetzung Mul-lil, Heer der Geister) Staubsturm
 und Geist zugleich ?). Im Aztekischen bedeutet
Ehecatl_ Wind, Seele, Leben, Schatten ®). Bei den
Zufi-Indianern sind Athem und Seele, wie bei den
Nicaraguern *) (yulio) und in der Netalasprache Californiens
 (piuts) synonym. Die Bezeichnungen der
Yakimas (einer Abtheilung der Columbian-Indianer)
für Wind und Leben beruhen auf derselben Wurzel °).
Die Eskimos gebrauchen silla für Luft, Wind, Geist und
Welt °). Für dieselben Bedeutungen gebrauchen einige
West-Australier waug ’), die Malayen Javas hava ®), die
Herero ovimpo °).
Nach den Vorstellungen der Balinesen geht die
Seele mit dem Rauche der Leichenverbrennung in
Jen Himmel und fällt mit dem Thau wieder zu
Boden, um in einen anderen Körper einzufahren !°)
Von den drei Seelen, welche die Malgaschen im mensch.
lichen Körper annehmen, wird beim Tode die eine.
aina genannt, in Luft verwandelt *!). Einige Acagchemems
 (Californier) glaubten, dass mit zunehmender
Gebrechlichkeit des Alters die Seele allmälig in Luft
aufgehe !?). Auch bei den Negern der Loangoküste
herrscht die Anschauung von dem Umherfliegen der
Seelen in der Luft (Basıran, Loango-Exp., II, 225). Die
germanische, auch slavische Vorstellung, welche Grimm
unerklärtgelassenhat, dass, wenn sichJemandaufhänge.
Sturmwind entstehe, dürfte auf dem gewaltsamer
1) Grimm leitet (D. Myth., I, 382) „Geist“ von gisan =
flari, impetu ferri, ab u, s. w., Für die Indogermanen vgl
Kon in Haurrt’s Ztsch., V, 488.
2) Sayvcre, Lect. Rel. Anc. Babyl., 145. Für die Semiten
vgl. auch Sızsecr, 1. c., 389, das hebräische Ruach (Pneuma)
bedeutet Wind und Athem.
3) Bastian, Calturl. d. alt. Amer,, II, 777.
*) Ovızno, Ternaux et Compan’s Voy, 2. Ser., Bd. III, 36
5) Bancrorrt, Nat. Races Pacif. Stat., IIT, 515. Diese Bei
spiele lassen sich aus den Vocabularien der Nord- und Südamerikaner
 sehr vermehren. Für die Bakairis verweise ich
auf v. D. StEINEN, Zweite Schingu-Exp., 362.
6) Bancrort, Nat. Races, III, 515.
r) G. F, Moor, Vocab. of W. Austr., 103. — Tyıor, Anf.
A. Cult, D, Ausg., I., 425.
8) Tyıor, Anf, d, Cult., I, 425, nach Crawrurp, Mal, Gram,
and Diet.
9) Hann, Z. d. Berl. Ges, f. Erdk. 1869. IV, 2.
10) Wıngen, Animisme, I, 62,
u) Prısz Max zu Wien, R., id. inn. Nordam., II, 206.
ı2) Bancrort. Nat. Races, II, 525.

Entweichen der Seele in die Luft beruhen *). Die Wenden
öffnen, wie die Deutschen, beim Tode eines Menschen
das Fenster, damit die Seele hinausfliegen kann.
Aus der Identität von Luft und Seele folgt mit
Nothwendigkeit die Annahme, dass der Luftraum
durch Seelengeister erfüllt ist. Nach der Ansicht
einiger Pythagoräer sind die Sonnenstäubchen nichts
Anderes als Theile der Weltseele?). Die Maoris
sagten, dass die Seelen einander im ‘Luftraume
Jrängen wie die Mosquitos ®). Die atmosphärischen:
Erscheinungen, die Vorgänge der als belebt gedachten
Sternenwelt sind ihr Werk. Lehrte doch PrrHAGorRAs
‘Jamblichus, Adhort. ad philos. 21), &v£1uwy TvVEGVTWY
tv m ro00x0ver. Wenn im Spätherbste, berichtet
Boas*), die Stürme über das Land brausen, die
See von den bisher nur leichten KEisfesseln befreien,
 wenn die losen Eisschollen aneinanderschlagen,
anter lautem Krachen sich vertheilen, sich in wilder
Unordnung aufthürmen, glaubt der Eskimo die Stimmen
 der Geister zu vernehmen, welche die Luft erüllen;
 die Geister der Abgeschiedenen klopfen an
Jie Thüren, verfolgen die Hunde, tödten Menschen
und Thiere. Die Indianer Nordamerikas fürchten
das Fallen einer Sternschnuppe wie das Rauschen
der windbewegten Blätter im Walde als Geisterspuk.
Wolkenbildungen und Gewitter galten ursprünglich
bei allen Völkern als Aeusserungen der Angehörigen
jener zahllosen Gespensterschaar.
In dieser animistischen Vorstellungsschichte wurzeln
 bekanntlich viele Mythen und Mythologien, deren
elementares Substrat zuerst von der deutschen Schule
der vergleichenden Mythologie richtig erkannt wurde;
Grimm’s scharfsinnige und feinfühlende Deutungen
hatten bereits früher die germanische Mythologie auf
denselben Pfad gelenkt. Dass ein weiterer Fortschritt
auf demselben in erster Linie von dem Ausbau einer
vergleichenden Psychologie abhängt, hat schon
MünLEnHorF eingesehen, welcher MANnHARDT die Berücksichtigung
 von E. B. Tyıor’s grundlegendem Werke
Iringend empfahl. Max Müsıser’s Auffassung der
Mythologie als quale, nicht als quid, als etwas
Formelles, nicht Substantielles, als krankhafte Sprachform
 wäre niemals aufgestellt worden, wenn nicht
eine sogenannte exacte Methode den Mythus hauptsächlich
 vom sprachlichen Standpunkte aus untersucht
und von allen übrigen Aeusserungen der Volksseele

1) Grm, D. Myth., I, 524. — Kaınpr, Huzulen, 91.
2) ArıstorELES, De anima, I, 2,
3) Tayıor, Te Ika a Maui, 104,
‘) Boas, Centr. Eskim., VI. Rep. Smiths. Bur. Ethn., 603 f.
            
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