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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

Literaturberichte.

9.
Sbornik za narodni umotvorenija, nauka i kniZnina.
Herausgegeben vom bulgarischen Unterrichtsminister.
 4°.
Im Laufe der letzten vier Jahre gab das bulgarische
Unterrichtsministerium neun umfangreiche Bücher seines
„Sbornik“ (Sammelwerk) heraus, wovon jedes etwa 800 bis
900 Seiten enthält. Es ist geradezu bewunderungswürdig, wie
rasch diese junge aufstrebende Nation seine culturelle Aufgabe
 begriff und wie würdig sich sein Unterrichtsministerium
dadurch unter den übrigen slavischen Nationen Geltung zu
machen verstand. Die Herausgabe des „Sbornik“ war ein sehr
glücklicher Gedanke, welcher beweist, dass man in Bulgarien
systematisch, einem bestimmten Ziele zustrebend, arbeitet. Die
ganze wissenschaftliche Thätigkeit wird gewissermassen vom
Centrum aus dirigirt.
Der Inhalt jedes Bandes theilt sich erstens in den wissenschaftlichen,
 zweitens den literarischen (belletristischen und
kritischen) Abschnitt; der dritte ist der Volksliteratur gewidmet.
 In Folge dessen nimmt der „Sbornik“ unter den ethnographischen
 Zeitschriften eine sehr ehrenvolle Stellung ein.
hauptsächlich auch deswegen, weil in dem ersten Theile (dem
wissenschaftlichen) wichtige Aufsätze vorkommen, welche von
bedeutender Kenntniss der Literatur zeugen.
Wir entnehmen dem Inhalte des „Sbornik“ nur dasjenige,
was sich direct auf unser Fach bezieht.
Der „Sbornik“ begann mit einem Artikel des Herrn
Dr. Sısmanov „Ueber die Bedeutung und die Aufgabe unsereı
Ethnographie“, Es ist dies eine ungemein wichtige Arbeit,
welche nicht nur die bulgarische Literatur anführt, sondern
auch einen Ueberblick über sämmtliche europäische Literaturen
bietet und die bisherigen Richtungen in der ethnographischen
Forschung ihrem Werthe nach beurtheilt. Ueberall zeigt deı
Verfasser eine grosse Belesenheit, welche unsere Achtung
verdient. Herr Sızmanov gibt eine Anleitung, wie man das ethnographische
 Material sammeln und sondiren müsse und macht
auf die Wichtigkeit dieses Studiums für die Literatur auf
merksam. Es ist dies eine der besten und grundlegendsten
Abhandlungen ihrer Art.
Im IX. „Sbornik“ gab der Verfasser einen sehr gelungenen
„Beitrag zu der bulgarischen Volksetymologie“ heraus, welcher
von gründlicher Kenntniss der Fachliteratur zeugt, dessen wir
jedoch später noch besonders Erwähnung thun werden,
Prof, Dragomanov, der bekannte kleinrussische Folklorist,
veröffentlicht hier einige umfassende Studien: „Slavische Erzählungen
 von dem Opfern des eigenen Kindes“, wonach deı
Gastgeber sein eigenes Kind opfert, damit der Gast geheil|
werde ; selbstverständlich bleibt das Kind noch ferner am Leber
{siehe den Roman von Amıs und Amır). Den Ursprung diese
Legende sucht der Verfasser in den Apokryphen, welche durcl
den Einfluss des Buddhismus entstanden sind. (In dieser Hin
sicht verweise ich auf den buddhistischen Katechismus, welche
in Hamburg herausgegeben wurde.) Dieselbe Methode, nacl
welcher der Autor den Ursprung euronäischer (besonders slavi

scher) Sagen in Indien sucht, treffen wir auch in dem zweiten
Artikel (IL. und III. Bd.) an: „Ueber die Geburt Constantin
des Grossen“, welcher die Gründung von Constantinopel und
den französischen Roman von Constantin = Canara gupta
bespricht.
Zu den Russen gelangten diese Sagen in Folge Vermittlung
Jurch Tartaren über Sibirien oder über Iranien und den
Kaukasus (Vzvo.on Münzen, Ethnogr. obor. u Ruskaja Mysl.),
zu den Südslaven aus Persien, durch die Türken nach Byzanz
und aus dem Griechischen zu den Slaven.
Im 5. Hefte erklärt DraAaomAnov auch die slavischen
Varianten einer evangelischen Legende, wie Gott einen
Menschen in einen Esel, ein Pferd, einen Ochsen etc. verwandelte.

Kaxranov gibt uns einen praktischen Ueberblick und eine
Ergänzung aller Varianten, welche nach der Ausgabe der
wichtigen Sammlung bulgarischer Lieder von MmmADINOVI (1861)
veröffentlicht wurden; da letztere schon sehr selten geworden
war, erschien sie vor Kurzem (1891) von Neuem.
Einen Beitrag zur Volksheilkunst (III.) liefert Gınöav;
zine fleissige Bearbeitung dieses Themas. Von IuıEv lesen
wir hier eine Erläuterung über bulgarische Traditionen von
Riesen, welche „Jelini, Zidove, latini“ heissen.
Ueber das bulgarische epische Lied („junaSki pesni“)
schreibt Porov; er charakterisirt besonders die einzelnen
Helden (Döte DukadinGe, Golomöse, Milos, Marko Kralevi&,
Janko ete.).
Bei den Studien des bulgarischen Epos darf man den
Vergleich mit dem serbischen nicht ausser Acht lassen, da
man sich sonst eines argen Fehlers schuldig machen würde.
Eine umfassendere Studie ist die von Herrn VorLgxov über
lie Hochzeitsgebräuche bei den slavischen Nationen, deren
{nhalt schwer anzugeben ist. Der Verfasser führt in dieser
interessanten Abhandlung nur kleinrussische Gebräuche an,
welche sich seiner Meinung nach den ursprünglichen slavischen
am meisten nähern.
Das Referat über vier Bände des „Sbornik“ beschliesse
‘ch wieder mit Herrn Sıaanxov, mit dem ich es begonnen habe.
[n einem instructiven Aufsatze schildert er eingehend die
alten Wege durch Bulgarien, welche sich mit der römischen
Strasse von Belgrad nach Constantinopel kreuzten. Ausserdem
müssen wir wenigstens die archäologischen Artikel, durch welche
die Cechen hier vertreten sind, dem Namen nach anführen:
DosrusKy (von West-Bulgarien) und die Brüder Sporen
‘„Ueber die mittelalterlichen Kirchen in Sofia, der Friedhof
7eim Schwarzen Meer“) und ILıyEv über die Numismatik.
Zu diesen umfangreichen Abhandlungen sind stets auch
Abbildungen beigefügt. Ausserdem befinden sich bei einzelnen
Nummern auch gemalte Muster der bulgarischen Nationaltrachten.

Die dritte Abtheilung enthält das ethnographische Material,
in jeder Nummer 200—300 Seiten betragend. Der erste Theil
anthält Lieder der verschiedensten Art, Weihnachtslieder,
Bettellieder, fromme, politische, Hochzeits- und Liebeslieder etc. ;
Jer zweite Theil giht Erklärungen volksmässiger Erscheinungen,
            
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