Literaturberichte.
5.
Lukas, Dr. Franz: Die Grundbegriffe in den Kosmogonien
der alten Völker. Leipzig, Verlag von Wına,
Frıeprıc, 1893. VII, 277 pp.
In sehr gründlicher und verlässlicher Weise stellt der
Verfasser, überall bis auf die Grundtexte zurückgehend, die
in sich verwandten Vorstellungen kosmogonischer Art aus
der Literatur der alten Völker zusammen. Er berücksichtigt
hiebei aus dem semitischen Völkerkreis Babylonier und Juden
(Genesis), aus dem hamitischen das alte Aegypten, aus dem
indoeuropäischen die arischen Völker der Inder und KEranier,
sowie vom europäischen Zweige Griechen und Römer, Kelten
und Germanen. Zunächst kommt der Werth dieser Zusammen:
stellungen als Materialsammlung in Betracht; sie erleichtert
künftig jedem Specialforscher auf diesem gewiss interessanten
aber spröden Gebiete seine Arbeit in dankenswerther Art.
Eigentliche Resultate wissenschaftlicher Art lassen sich von
vornherein kaum erwarten; über merkwürdige Parallelen und
Analogien bringt man es auf diesem Untersuchungsfelde
naturgemäss nicht hinaus. Diese zu constatiren, hat der
denkende Verfasser nirgends unterlassen, nur möchte Referent
sie deswegen nicht „Grundbegriffe“ der Kosmogonien nennen,
Es hat diese Terminologie einen Beigeschmack von Systematik
und Wissenschaftlichkeit, die denn doch auf die verworrenen
und ahnungsvollen Vorstellungen über die Weltanfänge keine
Anwendung finden, Zu bedauern ist vielleicht auch, dass
der Verfasser die primitiven Kosmogonien tiefer stehender
Völker von seiner Betrachtung ausgeschlossen hat; so namentlich
die Kosmogenien der Polynesier (Hawai, Neuseeland,
Tahiti), die malayischen Kosmogonien, die Schöpfungssagen
der nordwestamerikanischen Indianer u. s. w., für welche
bereits so bequeme und tüchtige Darstellungen im Einzelnen
vorliegen. Sicherlich hätte er für sein Material dort manche
Erläuterung, die primitive Basis überhaupt gefunden, Es ist
ein veralteter Standpunkt, der sich durch Unfruchtbarkeit
rächt, blos „die alten Völker“ in irgend einer Sache zu vernehmen.
Haberlandt.
6.
Macritchie, David: The Ainos. With 19 Plates
and 12 Textillustrations. Supplement zu Band IV
des Internationalen Archiv für Ethnographie. Leiden,
Verlag von P. W. M. Trar. 1892, 4°. XIV, 69 pp,
Die vorliegende Publication ist im Wesentlichen eine
Erläuterung einer Anzahl von japanischen Darstellungen und
Schilderungen der Ainos, und zwar sowohl der Ainobevölkerung
von Yezo, als derjenigen der Kurilen und auf Sachalin,
Die zu Grunde liegenden japanischen Quellen sind theilweise
Buchillustrationen, wie die auf Pl. I und II dargestellten von
Fayası Sıyer (XVIH. Jahrhundert), theils Kakemonos, zum
grössten Theils aus dem Besitz des ethnographischen Rijksmuseum
in Leiden und von Pu. v. SızsoLD gesammelt. Sie
zeigen uns die Ainos in ihren häufigsten Beschäftigungen.
ler Jagd, dem Fischfang und zeichnen sich durch grosse
enauigkeit aus, Ob sie immer verlässlich sind, ist eine
ındere Frage, welche nicht immer mit der wünschenswerthen
Akribie erledigt ist. Die historischen Quellen der Japaner
über die Ainobevölkerung zeigen wenigstens, dass die
japanischen Beobachter, voreingenommen und dünkelhaft, die
Zustände der Aino-Bevölkerung vielfach übertrieben geschildert
ınd phantasievoll ausgeschmückt haben. Den japanischen
Zeichnern trauen wir allerdings etwas Besseres zu, aber dass
auch sie sensationell auffassten, zeigen die beiden Ainobilder
auf S, 56 und S. 57, welche der Wissenschaftlichkeit vorliegender
Abhandlung keineswegs zur Empfehlung gereichen,
ın einem Anhang ist Einiges über die sogenannten „Aino-Inschriften“
mitgetheilt, ohne dass irgendwie Neues, was über
TERRIEN DE LACcouPERIE hinausginge, beigebracht würde. Die
rorangesandte Ainobibliographie, an sich verdienstlich, erweckt
im Leser später sich nicht erfüllende Erwartungen.
Die Ausführung der Tafeln, welche den Hauptwerth der
Abhandlung ausmachen, ist eine vorzügliche und macht der
opferwilligen Verlagshandlung alle Ehre. MHaberlandt.
Scherman, Lucian: Materialien zur Geschichte der
indischen Visionsliteratur. Leipzig, Verlag von
A. Twıiermeyver, 1892. gr.-8°. V, 161 pp.
Die vorliegende schöne Arbeit beleuchtet jenes Capitel
der menschlichen Culturgeschichte, welches wegen seines
ıhnungsvollen Themas hart an der Grenze der Philosophie
stelıt, nämlich die Geschichte der Vorstellungen vom Jenseits.
Dass sich die Behandlung dieses visionären Stoffes auf in-Jischen
Boden beschränkt und die ethnologischen Vorstufen
kaum in der wünschenswerthen Weise berücksichtigt, ist ein
Fehler und ein Vorzug der Arbeit zu gleicher Zeit. Ein Fehler,
weil den in Rede stehenden Gedankenschöpfungen und Literaturproducten
ihre letzte Basis und ihre tieferen historischen
Wurzeln damit entzogen bleiben, ein Vorzug, weil es so ein
streng geschlossener Kreis — der der indischen und zumal
Jer buddhistischen Eschatologie — ist, welcher zur Darstellung
verblieb. Die Ergiebigkeit dieses Gegenstandes für
lie vergleichende Religions- und Literaturgeschichte ist grösser,
als man wohl auf den ersten Blick denkt. Nicht nur hat der
Buddhismus durch seine Derivate in Hoch- und Ostasien eine
zrosse Zahl dieser eschatologischen Vorstellungen weit über
'hren ursprünglichen Geltungsbereich hinausgeführt und eine
zrosse Zahl von Völkern zur Fortbildung und Ausgestaltung
jener Ideen angeregt — es zeigt sich rücksichtlich dieses
Gegenstandes auch eine psychologisch interessante Menge
bedeutsamer Parallelen und Analogien auf unverwandten
Religionsgebieten. Eine Arbeit, wie die vorliegende, musste
vorangehen, ehe man daran gehen kann, das Verhältniss
zwischen dem christlichen Stoff dieser Art und dem buddhistischen
zu untersuchen. Verdienstliche Leistungen dieser Art,
allerdings ohne auf der indischen Seite der Originale mächtig
zu sein. hat bekanntlich R. Seyver in seiner „Evangelien-7.