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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

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Die Frage, ob das arische Urvolk bereits den
Ackerbau kannte, ist bekanntlich in letzter Zeit
in verschiedener Weise ‘beantwortet worden. Die
ältere, lange Zeit unangefochten gebliebene Ansicht,
welche dem arischen Urvolke den Ackerbau zusprach.
fand in den letzten Jahren an MAx MüöiLer 9), A. H.
Sayvce ”), G. RexDapı ®) neue Vertheidiger. Aber auch
dass keine arische Bevölkerung schönere Formen hervorgebracht
hat und dass unter allen lebenden Stämmen nur die nordarischen
 eine: nähere Verwandtschaft erkennen lassen.“
M. Wosınsgy, Das prähistorische Schanzwerk von Lengyel
seine Erbauer und Bewohner. III, Theil, Budapest 1891, S. 236
Auch für Russland ist jetzt diese Frage endgiltig entschieden
[n den alten, theilweise noch der Steinzeit angehörenden Kurganen
 des mittleren und südlichen Russland erscheint dieselbe
 Schädelform in weitaus überwiegender Anzahl, und
A. BocnAnow, der hervorragendste Kraniologe Russlands, trägt
kein Bedenken, dieselbe für die „urslavische“ zu erklären.
Ihm sind diese leptoprosopen, dolichocephalen Menschen „Ur-Suropäer“,
 die jedoch nicht in Russland entstanden, sondern
dorthin eingewandert seien. Ueber ihre Schädelform äusserte
sich derselbe auf dem 11. internationalen Anthropologen-Congress
 in Moskau (1892) in seinem Vortrage: „Quelle est la
race la plus ancienne de la Russie centrale?“ in folgender
Weise (T. I, p. 19 du Compte-rendu): „Plusieurs anthropologues
ötrangers se sont interesses A ma collection et ont voulu
avoir des moules de mes dolichocephales, Je leur ai presente:
les series de cränes tumulaires de la Russie, et ces series st
trouvent ä present au Mus6ee de Berlin, de Paris, de Londres
 etc. Un des anthropologues &minent de l’Allemagne, en
voyant mes cränes m’a 6crit qu’ils ressemblent excessivement.
aux cränes trouv6s dans les tombeaux anciennes de l’Allemagne
möeridionale (Reihengräber), Un anthropologue distingu6 de
Suede a trouv6 qu'ils ressemblent aux anciens eränes su6dois,.
En parcourant plusieurs fois les mus6es de l’Europe, j’6tais
frappe par la ressemblance des cränes, trouves en Allemagne
at appartenant aux prehistoriques de ce pays, avec les nötres
kourganiens,“ Ebenso fand N. Zocrar (Die Rassenmerkmale
der Grossrussen aus dem Innern Russlands, „Globus“, Bd. LXII,
1892, S. 338 fg.) auf Grund umfassender Untersuchungen der
gegenwärtigen Bevölkerung, dass die Grossrussen hervorgegangen
 sind aus einer Kreuzung zweier reinerer Rassen
ainer hochgewachsenen, blonden, noch Spuren der Dolichocephalie
 zeigenden Rasse slavisch-litauischen Ursprunges und
einer kleinen, braunen, rundköpfigen, breitgesichtigen und
plattnasigen Rasse ural-altaischen Ursprunges, die von der
colonisirend vordringenden Russen im Lande schon vorgefunden
 worden sei. Im Allgemeinen ist die Dolichocephalie
unter den heutigen Russen nur schwach vertreten, verhältnissmässig
 noch am stärksten bezeichnender Weise unter den
Weissrussen mit 23%, (nach Ixow). L’anthropologie 1891, p. 79.
1) Mörzer, M., Biographies of words and the home of
the Aryas. London 1888, S. 134 und 174.
?) Savce, A, H., The primitive home of the Aryans. Contemporary
 Review, Juli 1889, S. 110 und Annual Report of
the Smithsonian Institution, 1890, S. 479.
3) RenDALL, R, H., The cradle of the Aryans, London
1889, S. 11.

ler entgegengesetzten Anschauung, die bekanntlich
zuerst V, Henn eingehend zu begründen unternommen
hat‘), hat es nicht an neuen Anhängern gefehlt;
es mögen hier nur 0. SCHRADER ?), J. TAyıor®) und
Fıcx *) genannt werden. Hznx gibt nicht nur nicht
zu, dass das arische Urvolk ackerbauend gewesen
sei — da die entsprechenden Ausdrücke für die
Beschäftigungen und Geräthe des Ackerbaues im
Sanskrit nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden
könnten —, sondern leugnet auch, dass Benennungen
wie arare, molere die Existenz eines ackerbauenden
auropäischen Muttervolkes beweisen. Indem er darauf
hinweist, dass nach den herrschenden Anschauungen
die arischen Völker Europas nicht gleichzeitig als
ein ungetrenntes Ganzes, sondern zu verschiedenen
Zeiten aus Asien nach Europa eingewandert seien,
3o könnten auch &portpov, slavisch radlo u. s. w. nur
antweder von dem einen zum anderen übergegangen
der von den einzelnen, vielleicht in sehr verschiedener
 Zeit, analog gebildet worden sein. „Man bedenke,
 dass in jener frühen Epoche die Sprachen
sich noch sehr nahe standen und dass, wenn eine
Technik, ein Werkzeug u. s. w. von dem Nachbarvolke
 übernommen wurde, der Name, den es bei
liesem hatte, leicht und schnell in die Lautart der
eigenen Sprache übertragen werden konnte. Wenn
z. B. ein Verbum molere in der Bedeutung zerreiben,
zerstückeln, ein anderes serere in der Bedeutung
streuen in allen Sprachen der bisherigen Hirtenstämme
 bestand und der eine von dem anderen allnälig
 die Kunst des Säens und Mahlens lernte, so
nusste er auch von den verschiedenen Wortstämmen
ihnlicher, aber allgemeinerer Bedeutung gerade denienigen
 für die neue Verrichtung individuell fixiren,
mit dem der lehrende Theil dieselbe bezeichnete,
Die Gleichheit der Ausdrücke beweist also nur, dass
z. B. die Kenntniss des Pfluges innerhalb der indoeuropäischen
 Familie in Europa von Glied zu
Glied sich weiter verbreitet hat und dass nicht
etwa der eine Theil sie südöstlich aus Asien, durch
Vermittlung der Semiten aus Aegypten, der andere
1) Henn, V., Culturpflanzen und Hausthiere, 4, Auflage,
Berlin 1883, 8. 451.
2) Schrader, O., Sprachvergleichung und Urgeschichte,
2, Auflage. Jena 1890, S. 407 fg. und 624 fg.
3) TAvıLor, J., The origin of the Aryans. London 1890,
5, 132, 163.
*) Fıcg, Aue., Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen
 Sprachen, 4. Auflage. I. Theil: Wortschatz der Grundsprache,
 der arischen und der westeuropäischen Spracheinheit,
Göttingen 1891, S. XXIV.
            
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