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früheren Bewohner zu vertilgen im Stande gewesen
ist. Es möge nur an England, Schottland und Irland
erinnert werden. In allen drei Reichen haben
sich trotz der wiederholten germanischen Invasionen
bis zur Gegenwart nicht nur zahlreiche keltische
Fluss-, Berg- und Ortsnamen, sondern auch bedeutende
Reste der vorgermanisch-keltischen Bevölkerung
erhalten. Auch der etwaige Hinweis darauf,
dass der germanische Einbruch nach der skandinavischen
Halbinsel um mehrere Jahrhunderte früher
stattgefunden hätte, könnte die Bedeutung dieser
Thatsache nicht abschwächen, da es sogar den Lappen
bis jetzt gelungen ist, ihre nationale Sonderexistenz
im Laufe der Jahrtausende zu behaupten. Solche
keltische Ueberreste aber sind auf der skandinavischen
Halbinsel nicht vorhanden, nicht einmal in Fluss-,
Berg- und Ortsnamen, wie sie noch gegenwärtig in
allen Theilen Deutschlands nachweisbar sind.
Es genüge hier, nur für das Land an der Elbe und
Oder, die von MüLLENHOFF angenommene Heimat der
Germanen, jene Fluss- und Ortsnamen zusammenzustellen,
die sicher keltisch sind. Hieher gehört von Flussnamen
zunächst der Name Oder (Odora, Oddara u. 8. W.)
selbst, mit dem FörsrEMmaxN treffend den Namen deı
Audura, Odura (der heutigen Eure, eines Neben
flusses der Seine) vergleicht; der Name Oppa (linksseitiger
Nebenfluss der Oder), welcher Name unzweifelhaft
auf früheres Apa, einen im nordwestlichen
Deutschland häufigen Flussnamen zurückgeht, den
MüönienuorrF !) zu irl. ab Fluss stellt und aus lautlichen
Gründen für eine keltische Entlehnung hält,
der Name Rhin (rechtsseitiger Nebenfluss der unteren
Havel), gleichlautend mit dem Namen des grossen
Stromes und dem Namen des sich in Gallien findenden
fluviolus Renus und des Rhenus, mit dem die Gallier
Jas Flüsschen bei Bononia in Italien benannten. Für
den keltischen Ursprung des Namens Elbe lässt sich
anführen, dass auf ehemals unzweifelhaft keltischem
Gebiete derselbe Name erscheint: wir haben eine
Alb (Nebenfluss des Rheins) im Grossherzogthum
Baden, eine Albe zwischen Metz und Strassburg.
eine Alb (Nebenfluss des Rheins) im Westen von
Schaffhausen und Südosten von. Freiburg und eine
Alb zwischen der Lech- und Illerquelle. Dazu kommt
noch der alte Name der Aube (eines Nebenflusses
der Seine) = Alba (Albis beim Cosm. Rav. IV, 26)
Wäre dieser Name germanischen Ursprunges, so würde
er uns wohl in der Form des ags., an. und schwed
1) MünnLEenHorr, a. a. O0. IT. 997
3lf entgegentreten. Dass der Name der Sale keltisch
‚st, lehrt einerseits die Form des Wortes selbst, da
hm der einfache Stamm sal zu Grunde liegt, wähcend
in den germanischen Sprachen zur Bezeichnung
Jes Minerals durchaus der erweiterte Name salt,
salz erscheint. Andererseits erscheint derselbe Flussname
in Gegenden, die unzweifelhaft ehemals von
Kelten bewohnt waren; so heisst u. a. der Neben-Auss
der Salzach bei Reichenhall und ein Zufluss
des Plattensees in Pannonien. Im Gebiete des alten
Sallien findet man eine Salia, jetzt Seille (rechtsseitigen
Nebenfluss der Mosel in Deutsch-Lothringen);
3ine andere Seille (linksseitigen Nebenfluss der Saöne),
lie im Departement Jura entspringt und einige Flussnamen
Selle oder S6l6, von denen der eine (der
Name der Selle bei Valenciennes) nachweisbar ehemals
Sale geheissen hat.
Von sicher erkennbaren keltischen Ortsnamen
führt Pronzmäus im Bereiche des vorhin genannten
Gebietes folgende an: Lugidunum, wahrscheinlich
Jas heutige Liegnitz, Budorigum, das heutige Brieg,
Carrodunum, an Stelle des heutigen Krappwitz an
der Oder, Alisus (im heutigen Brandenburg) und
Yirunum (im heutigen Mecklenburg *)). Nicht nur
Jiese Namen als solche, sondern überhaupt schon
Jie Thatsache allein, dass Pro.mmäus Namen von
Städten (nz6lew) anführt, hätte von vornherein
Bedenken erregen sollen gegen die Annahme, dass
Jieser Theil Deutschlands seit alter Zeit von Germanen
bewohnt gewesen sei. Und was von diesem
Theile Deutschlands gilt, gilt überhaupt von dem
zanzen Umfange des alten Germanien (mit Ausnahme
der kimbrischen Chersones und der „skandischen
Inseln“), für welchen Pro1zmÄävs gleichfalls
Namen von Städten anführt, ganz abgesehen davon,
Jass auch die Fluss- und Bergnamen ein entschieden
xeltisches Gepräge tragen. Lässt sich auch die bezannte
Stelle in Tacırus’ Germania 16 nicht dazu
venützen, um die von Prormmäus angeführten Städte
in das Bereich der Fabel zu -verweisen, so zwingt
sie doch immerhin zu der Annahme, dass diese Städte
nicht von Germanen erbaut sein konnten. Ks geht
auch nicht an, die Bedeutung der Angabe des Prorgwäus
dadurch abzuschwächen, dass man die von ihm
verzeichneten Städte nicht als eigentliche Städte
gelten lassen will, sondern sie zu gewöhnlichen „Orten“
herabdrückt. Denn von gewöhnlichen Orten hätten
die griechischen Geographen gewiss keine Notiz
1) ProLzsuzus, Geographia. Ed. C. Münnerus, I. 270.