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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

° ° °
Ueber eine Graburne von den Liukiu-Inseln.
Von Dr. M. Haberlandt.
(Mit 2 Text-Illustrationen.)
Es geht aus diesem interessanten Berichte, welcher
in verschiedenen Einzelheiten durch die Mittheilungen
SarTow’s (Transactions of the Asiatic Society of Jap.,
Vol. I, p. 7) bestätigt wird !), zunächst der regelmässige
 Gebrauch von Todtenurnen zur Aufnahme
des Leichenbrandes oder der Skelettheile für die
Liukiu-Inseln hervor. Ueber die Form und Ausstattung
 dieser Urnen erhalten wir freilich keine
Mittheilung, Sicher ist es richtiger, bei den Todtenxisten
 aus Holz oder Stein, von denen im obigen
Berichte die Rede ist, an Särge zu denken, die wohl
ihnlich wie die chinesischen aussehen dürften (siehe
J. J. M. vr Groor, The Religions-System of China,
7ol. I, p. 280 ff). Der chinesische Einfluss auf die
[nselgruppe, welcher seit dem Beginne des VIL, Jahrhunderts
 andauerte und am stärksten im XVII. Jahrlundert
 sich geltend machte, rechtfertigt diese Vernuthung
 wohl zur Genüge, Wichtiger ist uns die
Nachricht, dass man auch irdene Töpfe als Behälter
 für die Leichenüberreste verwendete?). Es
1) Die Stelle lautet: „Formerly, when a Loochooan died,
1e was provisionally buried for three years, until his corpse
{ecomposed so far as to leave only the bönes, These were
;aken out of the coffin, washed clean in a kind of sake, and
jeing placed in a small vase, were deposited in the tomb.
Che tombs are small holes excavated in hill sides, just large
mough to admit the vase.... Lt seems, however, that at
:he present time the ordinary Japanese method of burying
he corpse at once is followed the ceremony being conducted
by Buddhist priests.“ Siche auch F. G. Münner-Becr, Geıchichte
 der Liukiu-Inseln nach jap. Berichten, Zeitschrift für
Ethnologie 1883, S. (159). .
?) Auch China kannte irdene Leichenbehälter, De Groot
zibt 1. c., S. 282, die Notiz, dass man zur Zeit von Yiu-yü
i. e, der Kaiser Shun, welcher im XXIII Jahrhundert v. Chr.
zelebt haben soll) Särge aus gebrannter Erde gebrauchte
Li-ki, ce. 91. 23 sequ.). Von Porzellanurnen zur Aufı1ahme
 der Ueberreste Verstorbener in China berichtet Hızry,
Ancient Chinese Porcelain (Journ. of the China branch of the
3. As. Soc. N. S, Vol. XXI, p. 183): „The use of porcelain
jars in lieu of coffins reminds one of the „potted ancestors“,
30 called by way of jest among foreign residents at Amoy
ınd Foochow, and the Fukien province is the only part of
Zhina where, as far as my personal experience goes, the
custom of this mode of preserving the relics of dead bodies
prevails.“ Auch in Japan kommen kolossale Porzellanvasen

In einer vorläufigen kurzen Notiz (siehe Sitzungsber.
 d. Anthropol. Ges. in Wien, Bd. XXI, Heft I—II,
S. [4]) habe ich einige Mittheilungen über eine merkwürdige
 Graburne von den Liukiu-Inseln gegeben,
 die sich mit der Inventar-Nummer 37.418 im
Besitze des k. k. naturhistorischen Hofmuseums zu
Wien befindet. Diese aus Steingut verfertigte, färbig
glasirte Deckelurne verräth sich auf den ersten Blick
als Nachahmung eines Hauses oder Tempels und
ist also in eine Reihe mit den aus Nord- und Südeuropa
 bekannten Hausurnen zu stellen. Sie bietet
daher wohl Interesse genug, um an dieser Stelle
einer kurzen Besprechung unterzogen zu werden,
Ueber die Bestattungsformen, wie sie auf den
Liukiu-Inseln herrschen, theilt Py. v. SIEBoLD,
Nippon, Bd. VI, S. 305, das Nachfolgende mit:
„Allgemein werden hier die Leichen verbrannt,
doch gräbt man die der Reichen erst in die Erde
und nimmt sie nach kurzer Zeit wieder heraus, um
sie dann erst zu verbrennen. Die Todtenkiste, in
welche man die Leiche, nachdem man ihr zuvor die
Kniee mit warmem Wasser gewaschen hat, mit gekreuzten
 Füssen hineinsetzt, ist rund und etwa
3 Sjak (jap. Ziyaku, Fuss) hoch. Nach alter Sitte
pflegt man auch die Leichen so lange in’s Wasseı
zu legen, bis das Fleisch vom Gerippe abgefallen ist,
und dann die Gebeine in einer Gruft beizusetzen.
Das Skelet bekleidet man mit einem gewöhnlichen
 Kleide und umwindet es hierauf mit Gras
oder‘ einem anderen Stoffe .... Die auf diese Weise
hergerichtete Leiche oder eigentlich nur das Skelet
wird hierauf in einen Sarg, nach Vermögen von
Holz oder Stein, auch in einen irdenen Topf gelegt
und in einer ausgemauerten Gruft, die mit einem
Fensterchen versehen ist, beigesetzt. Es findet dies
bei Vornehmen und Reichen erst nach drei Jahren
statt. Bei den Festen zur Erinnerung an die Abgestorbenen
 nimmt man dann auf einige Zeit die
so bewahrten Gebeine wieder heraus. Die Gruft wird
oftmals gereinigt und der hölzerne Sarg, wenn es
nöthig ist, erneuert. Die Begräbnissplätze liegen
gewöhnlich an Abhängen eines Hügels.“

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