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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

26]

Das Schieferdach verlangt, wie erwähnt, als Unterlage
eine Schalung, und soll es gut gegen Regen dicht
halten, einen Dachwinkel von mehr als 20°. Das Ziegel.
dach und das Schindeldach beanspruchen keine Schalung,
die Lattung der Sparren genügt; unter 30° wird dasselbe
 nicht ausgeführt, 40° ist die gewöhnliche Dachneigung.
 Stroh-, Rohr- und Schilfdächer haben in der
Regel Neigungswinkel von mehr als 50°.
Wie die Dacheindeckung die Anlage eines ganzen
Wohngebäudes beeinflussen kann, mag ein Beispiel
zeigen, Ueberdeckt man mittelst eines Ziegeldaches von
45° Dachneigung ein 12m tiefes Gebäude, so wird
der Dachstuhl 6 m hoch. Will man den grossen Dachboden
 für Vorräthe ausnützen, so theilt man ihn in
mehrere Geschosse von etwa 2m Höhe, und erhält
eine solche Einrichtung, wie sie die Fig, 15 darstellt
und welche man in älteren Handelsstädten oft genug
antrifft. Am leichtesten werden nun diese Dachgeschosse
zugänglich gemacht werden durch Anbringung von

A

\ a—

Tilo.

)i-Thüren

 an den Giebeln des Hauses, und man wird
Jlaher die Thüren hier anbringen und einen Sackaufzug
 einrichten. Die Lastwagen mussten also am
Giebel vorfahren und deshalb war entweder eine gepflasterte
 Zufahrtstrasse zwischen den einzelnen Häusern
nöthig, oder aber die Kaufmannshäuser mussten gleich
mit den Giebelseiten gegen die Strasse gestellt werden
Letzteres war das Kinfachste, Billigste und. Zweck:
entsprechendste, denn die einzelnen Zufahrtstrassen,
ihre Kosten und der von ihnen beanspruchte Raum
fallen weg und das Ab- und Aufladegeschäft geht
unter den Augen des im Laden beschäftigten Kaufmannes
 vor sich. So erklärt sich die Form und Lage
vieler alter Häuser in Handelsstädten.
Die Eindeckung der Stroh-, Schilf- und Rohrdächer
wird aus Bündeln, Schauben, des Deckungsmaterials
zusammengesetzt und mittelst Stroh- oder Schilfbändern
auf der Lattung befestigt in einer Weise, wie es in
Fig. 24 B zu sehen ist. Die Schindeln der Holzdächer
bestehen aus Tannen-, Fichten- oder Eichenholz und
sind auf eine Lattung oder auch wohl auf eine Verschalung

 aufgenagelt; ähnlich werden Schiefertafeln
vefestigt. Alle diese Dächer haben ‚eine Eindeckung,
welche ohne viele Bearbeitung und Kunst aus dem
Rohmaterial oft vom Bewohner selbst hergestellt wird.
So spalten die Bosnier ihre Schindeln mit der Axt aus
den Bäumen mit grosser Waldverwüstung. Das Ziegel-Jach
 hingegen hat in seinen Ziegeln Producte einer
Technik, die je nach der Fertigkeit der Arbeiter sehr
verschieden ausfallen und von verschiedener Form sind,
Zine sehr verbreitete Form des Dachziegels ist der
Tache Dachstein oder Biberschwanz; fach, rechteckig,
mit unterer runder Seite, an dem oberen Ende mit
zinem Vorsprung, einer Nase, versehen, wie ihn Fig. 26
9ei @ zeigt. Die Nase b dient, hinter den Sparren
zreifend, zur Festhaltung des ganzen Dachziegels, Wird
Jie Dachfläche aus einer Lage Biberschwänze herzestellt,
 so entsteht das einfache oder Spliessdach ;
Fig. 26 4 und C, stellt es dar. Die Längsfugen zwischen
len Dachziegeln werden dabei durch untergelegte Dachwäne
 dicht gemacht, auch sonst wohl noch zwischen
lie ebenen Flächen der Dachziegel Mörtel oder Moos
gestrichen. Werden längere Biberschwänze verwendet
oder werden die Dachlatten d dichter zusammengerückt,
so greifen die Steine über eine Dachlatte hinweg bis
zur nächsten: es entstehen zwei Dachsteinlagen. Dieses
Dach, in der Ansicht in Fig. 26 C, dargestellt, nennt
man Doppeldach. Wird die Ziegellage nur verdoppelt
.n der bei C,, e gezeichneten Weise, so heisst das Dach
ein Kronen- oder Ritterdach, Es ist leicht einzusehen,
dass diese Dächer ungefähr noch einmal so viel Ziegel
brauchen und daher auch doppelt so schwer sind als
die Spliessdächer, In früheren Zeiten formte man in
Deutschland, wie noch heute allgemein in Italien, die
Ziegel zu krummen Formen, und zwar deshalb, weil
eine krumme Fläche beim Ziegelbrande besser ihre
Form bewahrt als eine ebene, auch die Abweichung
weniger leicht zu bemerken ist, Solche Ziegel, und
zwar mit S-förmigem Querschnitt, bilden die Pfannenlächer
 (Fig, 26 E). Ein anderes altes Dach wurde aus
halbrunden Dachziegeln, welche Mönch und Nonne geı1annt
 wurden, hergestellt und Hohleiegeldach geheissen
vgl. Fig. 26 D). Heutigen Tages wird diese Form
ıoch zur Bildung der Firste und Grate an Flach-‚iegeldächern
 benützt. In Italien ist sie noch sehr
'rerbreitet, sowohl in Städten als auch auf dem Lande.
\lle Ziegeldächer sind schwer und nicht ganz dicht
zegen Flugschnee, gesichert aber gegen Flugfeuer.
‚etzterer Umstand bedingt die immer mehr zunehmende
/erbreitung dieser Dächer und die Zurückdrängung
ler Schindel-, Schilf- und Strohdächer, trotzdem die
beiden letzten neben anderen Vorzügen besonders die
30 werthvolle Eigenschaft haben, die Temperatur im
Tausboden ziemlich gleichförmig zu erhalten,
Ein Vergleich der Dachgrundformen: Pult-, Sparrenand
 Pfettendach, bietet manches Beachtenswerthe in
3ezug auf den Materialaufwand. Man sieht, dass zum
Pultdach das wenigste, kürzeste und dünnste, zum
Sparrendach das längste, dickste und meiste Holzwerk
ei gleichem Gebäudegrundriss erforderlich ist. Das
Nohnhaus mit Pultdach enthält verhältnissmässig mehr
            
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