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Fähigkeit, sich in die Denkweise längstvergangener Zeiten zu
versetzen; beim Hause handelt es sich aber um technische
Denkweisen verflossener Epochen, und diese werden nun
vom Verfasser durch die detaillirte Zeichnung und Erörterung
sehr alter, volksthümlicher Bauelemente dem Leser, auch wenn
er technischer Laie wäre, sehr nahe gebracht. Hier findet
man eınen technologischen Leitfaden, welcher lehrt: viel
sehen, genau sehen, Typisches vom Zufälligen unterscheiden,
welcher Gelegenheit gibt, Unterschiede und Uebereinstimmendes
anderswo zu bemerken, und darum will ich diese fachlichen
Theile nicht eingehend besprechen. Wem um das Verständniss
volksthümlicher Baukunst und Bautechnik zu thun
ist, möge aus dieser Quelle selbst schöpfen. Mancher Theil,
z. B. die kurze genetische Skizze der Heizeinrichtungen, die
knappe Kennzeichnung der Maurerei an pinzgauischen Häusern,
die geradezu classische, umfassende Charakteristik des Holzbaues
— Ingenieur EıcıL erwähnt z. B. sehr richtig, die
Abhängigkeit der Holzbaumethode 'vom herrschenden Wald
baume und speciell des Pinzgauer Holzhauses vom Fichtenholze
— und manches Andere geht über den Kreis des prak:
tischen Technikers hinaus und ist allgemein interessant.
Den Hausforscher fesselt natürlich der erste, hauskundliche
Theil am meisten. Wenn nun der Verfasser in der Ein-Jeitung
meint, die Bewohner des Pinzgaues seien bajuvarisch
und darum sei es zweifellos, dass auch die Hof- und Hausanlagen
auf germanischen Ursprung zurückzuführen sind; wenn
er das Einheitshaus durch Zusammenrücken der primitiven
Halle mit Nebengebäuden unter einen First entstehen lässt
und eine gewisse Reihenfolge der Ausgliederung, zuerst des
Erdgeschosses und dann des „Söllers“, annimmt und die volle
Ausbildung des Gehöftes an die Ausgestaltung des bäuer
lichen Erbrechtes knüpft, so kann ich ihm ebensowenig beweisend
entgegentreten, als er Belege daiür anzuführen vermag.
Je mehr man sich mit Hausforschung abgibt, destc
fester fühlt man den anthropologischen, desto schwankendeı
aber den ethnologischen Grund unter den Füssen, Es wärf
mir angenehm, irgend eine Hausform als „germanisch“ scrupel
los und auf Grund wissenschaftlicher Beweise ansprechen zu
können. Wenigstens stünde doch ein Satz da, von welchem
man weiter schliessen könnte. So aber schwankt Alles. Eine
Hypothese stützt die andere — und reisst sie um, wenn sie
selbst fällt. Siegt z..B. eines Tages die neue Hypothese, dass
Skandinavien die gemeinsame Wiege oder der Radiationspunki
der später getrennten germanischen Hauptstämme gewesen
sei, so müssten wir im sogenannten „nordischen Hause“ der
Urtypus aller „deutschen Hausformen“, wenn es solche gibt.
verehren. Unlängst noch galt dasselbe „nordische Haus“ für
eine pontische Reminiscenz der wandernden Gothen aus dem
griechisch-orientalischen Culturkreise. Das Pinzgauer Haus wird
in diesem vorliegenden Buche für „rein germanisch“ erklärt
SumrEr fand in demselben römische, ja vielleicht graeco
italische“ Stilspuren, und eine zusammenfassende Uebersichi
aller Lehrmeinungen würde zeigen, dass jeder Haupttypu:
schon mehreren nationalen Ursprüngen zugeschrieben worden
ist. Ich selbst bin beim Anwachsen der unmittelbaren Ein:
drücke des beobachteten Rohmateriales theorienscheu geworden
Ich habe jüngst den Versuch gemacht, eine Art Gottesfrieder
des Theoretisirens anzubahnen, indem ich blos Unzweifel
haftes, nämlich äussere. sichtbare oder wenigstens ver-232
Ässlich erweisbare Merkmale zur Terminologie der Hausypen
verwendete. Mein „Vorhallenhaus“, „Stallhallen-“ und
‚Flurhallenhaus“ wird mir kein Mensch antasten; und findet
man eins, welches in eine dieser Gattungen hineinpasst, bei
welchem Volke immer, so entstehen da neue Fragen, aber die
Jauptfrage bleibt unberührt. Die betreffende Hausform bleibt
Jurch ihren Titel gekennzeichnet. Jedes Ding braucht einen
Namen, dieser aber sei unverfänglich, er sage nichts, was
nan erst erweisen müsste oder was man vielleicht gar nicht
ärweisen kann. Die Beifügung des Fundortes macht dann den
Namen vollends bestimmt und erschöpfend. Das „Pinzgauer
7Murhallenhaus“ mag sich mit diesem Titel begnügen, bis
3inmal die ethnische, nationale Frage seiner Entwicklungszeschichte
verlässlich gelöst sein wird Wie? und wodurch?
ist vorerst nicht vorauszusehen.
Da die ethnologische Manier der Hausforschung bis jetzt
noch herrscht, so kann jene Behauptung des Verfassers und
was er in späteren Capiteln daraus folgert, dem Buche nicht
vorgeworfen werden. Es ist auch mit den prächtigen sachlichen
Darstellungen und typischen Zusammenfassungen nicht
so eng und nothwendig verbunden, dass deren Werth darunter
litte. Interessant schien mir, dass der Verfasser auf seinem
Wege bezüglich der ehemaligen höheren Bedeutung des heutigen
Tausflures zu denselben Ergebnissen gelangt ist, wie HENninG.
Auffallend ist die Erscheinung, dass das Wohngebäude
im Haufenhofe (Ingenieur EıcL nennt diese Hoflage „Gruppenhof“)
nach der Versicherung des Verfassers im Pinzgau fast
mmer ausschliesslich Wohnzwecken dient, während ich in
den angrenzenden Theilen Tirols fast ausnahmslos das Gegenheil
gefunden habe. Jene Pinzgauer Sitte stimmt also mit
‚ener der Obersteiermark zwischen Liezen, Admont, Gesäuse,
Wildalpen u. s. w. und ist mit ziemlich scharfen Grenzen auf
las Salzachgebiet und auf einen Theil des Saalachgebietes
jeschränkt.
Das .Pinzgauer „Einheitshaus“ (nach KEıcı „Vereinigte
Hoflage“) gleicht dem von mir „Achenseetypus“ genannten.
[ch habe von dieser Grundform mehrere Repräsentanten darzestellt
und genau untersucht und kann daher aus unmitteldarer
Erfahrung bestätigen, wie scharf und treffend dieser
"’ypus vom Verfasser dargestellt und erörtert worden ist. Von
Jen dargestellten Detailformen eingehend zu sprechen, würde
zu weit führen.
Eıcn hat alle Namen von Haustheilen gesammelt. Hierin
ist er, als ansässiger Forscher, sehr gründlich zu Werke gegangen
und sein Beitrag ist verlässlich und werthvoll.
Die photochemischen Tafeln und Textabbildungen sind
klar und lassen nichts zu wünschen übrig. Die Ausstattung
ist schön; und nun möchte ich wünschen, dass dieser wichtige
Schritt der Hausforschung durch zahlreiche Leser und Käufer
les Buches anerkannt werden möge, damit andere Verleger
ınd Verfasser zur Nachahmung auch für andere Typengebiete
angeregt, nicht aber abgeschreckt werden. Das Buch ist für
Architekten, Technologen, Ingenieure, welche mit Holzarbeit
zu thun haben, wie erwähnt, für Fachschulen und Zeichenıchulen
wegen vieler Constructionsvorwürfe, endlich für
landeskundliche und Hausforscher im weitesten Umfange des
Begriffes nützlich und in vielen Fällen nothwendig und dürfte
vor Allem in keiner wissenschaftlichen Bibliothek fehlen.
Gust. Bancalarıli.