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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

dr
1a)

geschichtlichen Ergebnissen GrünwEeDeL’s insoferne von Interesse,
 als aus denselben der empfindliche Mangel an plastischer
Kraft für das indische Volk wissenschaftlich festgestellt ist;
andererseits macht sich dafür die kräftige poetische Anlage
 der Hindu, ihr Natursinn und drastischer Humor um so
schlagender auch in den Sculpturen geltend — ein Eindruck,
der durch die Analyse aller dieser altbuddhistischen Kunstschöpfungen
 verstärkt wird. Was zum Schlusse aber nochmals
 betont werden soll, ist, dass das grösste Verdienst des
vorliegenden Werkes auf einem Gebiete liegt, das zu beschreiten
 hier nicht des Ortes ist. Gerade solche Werke, wie
das in Rede stehende, engen, zum grossen Vortheil der Wissenschaft,
 das Gebiet der Ethnographie um ein gutes Stück ein,
das ihr dem Wesen nach eigentlich nie zukam, aber als von
der Philologie und Geschichte vor der Thüre gelassen, gleichsam
 als Waise ihr zugefallen war. Haberlandt.

32.
Kaindl, Dr. Raimund Friedrich: Die Huzulen.
Ihr Leben, ihre Sitten und ihre Volksüberlieferung.
 Mit 30 Abbildungen im Texte und
einer Farbendrucktafel. Mit Unterstützung der
Anthropologischen‘ Gesellschaft in Wien. Wien,
1894, AnrreD Hönner. VI + 130 58. ;
Schon in einem früheren Bande dieser „Mittheilungen“
wurde anlässlich der Besprechung der „Ornamente der Hausindustrie
 rutenischer Bauern“ (vgl. Bd. XXI, S. 38) auf die besondere
 Stellung der Huzulen verwiesen, die dieselben inmitten
der sie umgebenden Volksstämme einnehmen ; allerdings konnte
dies nur insoweit festgestellt werden, als es die Verzierungskunst
 betraf.
Im vorliegenden Werke soll uns nun ein erschöpfendes
Material geboten werden, das uns in Stand setzen sollte, die
Frage, ob die Huzulen thatsächlich eine Ausnahmsstellung
einnehmen, zu entscheiden, umsomehr, als der Verfasser in
einer früheren sehr dankenswerthen Arbeit über „Die Rutenen
in der Bukowina“ (Czernowitz, 1889 und 1890), die er im
Vereine mit dem Pfarrer MAnAstyrsKı publicirte, sowie in
mehreren, zum grössten Theile in der Zeitschrift „Am Ur-Quell“
 veröffentlichten Skizzen bewies, dass er für alle Erscheinungen
 des Volkslebens ein offenes Auge und ein warmes
Herz besitzt. Dem Verfasser standen für die Darstellung des
Huzulen-Völkleius nicht nur seine eigenen Erfahrungen zu
Gebote, sondern auch anderweitiges Material, das ihm zum
Theile von der Anthropologischen Gesellschaft geliefert wurde,
für welche es seinerzeit der eifrige Sammler anthropologischethnographischer
 Daten, Herr Oberstlieutenant v. Hınmer, von
verschiedenen Herren zusammenstellen liess,
Die Darstellung erstreckt sich nicht auf alle Huzulen,
sondern nur auf jene im Czeremoszthale „im weitesten Sinne“
und jene im Suczawathale, da der Autor die anderen Huzulen
nicht aus eigener Anschauung kennt und leider „gedrucktes“
Material nicht berücksichtigen will, wie er in der Vorrede
sagt, obwohl er sonst auf HAqQumt, BıinEeRMANN, ROMSTORFER,
WAHmLEWIG, KoLzErG u. A, verweist. Es handelt sich also in
diesem Buche um eine möglichst vorurtheilslose Schilderung
des interessanten Huzulenvolkes, ohne dass irgendwie auf eine
Mittheilungen d. Anthran. Gesellsch. in Wien. Bd. XXIII. 1892

<ritik bereits publicirter Arbeiten eingegangen würde, es sei
ienn BücHner’s „Kraft und Stoff“ (S. 69) — ein Buch, über
Jas sich ein Ethnograph nie im Ernste ereifern kann —; auch
lie dem Verfasser naheliegenden Parallelen zwischen Huzulen,
Rumänen und Rutenen, sowie die Erklärung einzelner Erscheinungen
 des Volkslebens und Volksglaubens werden für
aine spätere Arbeit in Aussicht gestellt.
Die Einleitung gibt in Kurzem den Verbreitungsbezirk,
lie verschiedenen Benennungen sowie eine Charakteristik der
Sprache, die als ein Dialekt des Rutenischen bezeichnet werden
nuss. Ob aber die Huzulen als echte Slawen zu betrachten
‚ind, das mit Gewissheit zu entscheiden, dürfte etwas schwer
fallen, wenn auch der Verfasser, gestützt auf Sprache, Sitte
and Volksüberlieferung, sagt, dass vernünftigerweise
nicht geleugnet werden kann, dass die Hauptmasse der
Tuzulen slawischer Herkunft sei. Dazu muss bemerkt werden,
lass die Sprache allein, am wenigsten aber jene der Huzulen,
Jie ja mit rumänischen Elementen versetzt ist (sogar das Wort
ür Feuer = ‚watra ist rumänisch), ausschlaggebend ist,
Ausserdem fehlen uns alle somatischen sowie statistischen
Behelfe; die letzteren deshalb, weil sie Huzulen und Rutenen
ınterschiedslos zusammenfassen, Man kann daher auf Grund
ler bisherigen statistischen Zahlenausweise auch nicht einen
rgendwie berechtigten Schluss ziehen,
In 17 Capiteln führt der Verfasser ein vollständiges Bild
les Lebens der Huzulen von der Kindheit bis zum Tode vor,
jehandelt ihre religiösen Anschauungen und ihren Festzalender
 und gibt eine reiche Sammlung von Proben ihrer
Yolksdichtung. .
Wie bereits bemerkt, repräsentiren sich die Huzulen dem
ijusseren und inneren Leben nach als eine Unterabtheilung
ler Rutenen, und ihre Sitten und Gebräuche sind daher zum
zrössten Theile slawische. In Folgendem seien nur einige Züge
1ervorgehohen, die mir für dieses Volk charakteristisch erscheinen.
Das Kind wird selten an der Mutterbrust genährt; in der
Zegel bedient man sich eines am spitzen Ende durehbohrten
Ziegenhornes, an dem ein Leinwandsäckchen hängt, um die
Kinder Kuh- oder Schafmilch daraus saugen zu lassen (S. 7).
Bei der Hochzeit tragen Braut und Bräutigam am linken
\rme ‚grosse, aus hartgetrocknetem Käse bestehende Ringe,
lie nach der Trauung gegenseitig gewechselt und hernach
‚um Andenken oft jahrelang aufbewahrt werden (S, 16, 18, 20).
Die Hochzeitsgebräuche selbst haben sonst ganz slawischen
Charakter.
Hervorzuheben ist neben der Adoption auch die nicht
selten vorkommende Arrogation, nach welcher von meist
:inderlosen alten Huzulen selbstständige und wohlhabende
>ersonen an Kindesstatt aufgenommen werden, welche die
>flicht haben, ihre angenommenen Eltern bis zum Tode zu
;erpflegen und schliesslich standesgemäss zu beerdigen; dafür
‚ind sie erbberechtigt. Auch Juden werden arrogirt, bisweilen
;ogar ein Jude und ein Huzule zusammen (S. 26). Bei den
3üdslawen finden sich ebenfalls Reste einer Arrogation (vgl.
Krauss, Sitte und Brauch der Südslaven, S. 608 ff.).
Die Erzählungen von dem Räuber Doubusz und Anderen
inden sich auch bei den Rutenen wieder und haben ein
\nalogon in den mährisch-walachischen Räubern OndraS und
A\ntüsek; sie sind daher für die Huzulen nicht so ganz charakeristisch
 (S. 46).
            
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