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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

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seiner Wunder. Diese Leonhardi-Truhen, deren man
bei solehen Festen oft fünfzig und mehr zählt, fassen
zwanzig bis dreissig Personen und werden von Vorreitern
 geleitet. Alle diese Gespanne umfahren nun
in raschem Trabe die Capelle, wobei die Frauen
und Mädchen fromme Lieder singen. An der Spitze
des Zuges und in diesen vertheilt befinden sich die
Wagen, auf denen der Geistliche, der Ortsvorstand.
ferner die Musikanten Platz genommen. Begleitet
sind die Wagen von einer stattlichen Anzahl von
Reitern, deren Pferde gleichfalls in buntem Schmucke
prangen. Während nun Gespanne und Reiter die Capelle
umkreisen, empfangen sie von der Geistlichkeit den
Segen. Hierauf folgt ein feierliches Hochamt, während
Jessen sämmtliche Gespanne vor der Capelle verweilen.“
Solche Umzüge haben sich an einigen Orten Altbaierns
 bis in die Gegenwart erhalten: so in Schliersee,
 Kreut, zu Fischhausen und namentlich zu Tölz.
Zu dem am 7. November 1892 stattgehabten Umzuge
in Tölz hatten sich 45 vierspännige Wagen und mehı
als 100 Reiter eingefunden. „Die Auffahrt in langem
Zuge — so berichtete die ‚Münchener Allgemeine
Zeitung‘ — vollzog sich nach allgemeiner Uebung.
Eine Reihe von Wagen zeichnete sich durch besonders
 schönen Schmuck aus. Die Leonhardi-Truhe
des Wihambauern von Gaissach, Waldher, der heueı
zum fünfzigsten Male sich an der Fahrt betheiligte,
trug verschiedene Sinnsprüche, deren einer lautete:
Dass Leonhards Fürbitte helfen kann, das hab’ ich
wohl erfahren, darum bin ich zu Deiner Ehr’ jetzt
fünfzigmal gefahren.“ Diese Umzüge, die früher oft
ein Gegenstand thörichten Spottes waren, werden
jetzt von Beamtenschaft, Geistlichkeit und allen Einsichtigen
 begünstigt, damit nicht alte, ehrwürdige
Bräuche schwinden und das Volkslehen aller Poesie
antkleidet werde.
Auch aus Tirol wird von solchen Umzügen berichtet.
 Ein solcher erfolgt am Frohnleichnamstage
zu einer zwischen Kitzbüchel und Kirchberg gelegenen
 Capelle. Die Bauern der Umgebung reiten unter
Anführung der gleichfalls berittenen Geistlichkeit auf
ihren Pinzgauer Pferden, die Litanei des Rosenkranzes
betend, zur Kirche. Dort angekommen, stellen sich
die Bauern auf, während die Geistlichkeit zweimal
um die Capelle herumreitet. Dann findet in der
Kirche der Gottesdienst statt. Die Feier heisst der
Antlassritt und ist kürzlich auf einem grossen Gemälde
 von Jurius v. Bıaas dargestellt worden.
Umzüge um die Leonhardi-Kirchen waren einst
wohl allgemein und haben sich in Baiern zu (Gannacker

zu Wängen bei Diessen, Froschhausen bei Murnau,
"chenhausen bei Untergünzburg, Allerheiligen bei
J)berwarngau, Leonhardspfunzen bei Rosenheim u. A.
srhalten (Serr, S. 334). Wenn sie in den öster-‚eichischen
 Alpen seltener sind als in Baiern, so
nag dies mit der Thatsache zusammenhängen, dass
weiter nach Osten die Pflege der Rosse von Sanct
‚‚eonhard an Sanet Stephan überging. In Deutsch-Jesterreich
 wird von Ross und Reitern der heilige
Stephan gefeiert. Ihm zu Ehren finden Zusammenzünfte
 und Umzüge statt. So werden zu Sanct
Stephan (sloven. Dobrawa) bei Asp in der Nähe von
'eldes in Krain am Sanct Stephanstage die Rosse
‚esegnet, die Bauern opfern dabei Kerzen und Geld.
in Sanct Stephan bei Faak, unfern von Villach in
Zärnten, kamen sonst am 2. Jänner über hundert
Zeiter mit ihren Rossen zusammen. Sie umritten
lie Kirche, der Geistliche stand an der Kirchenthüre
und segnete sie; an einem Tische in der Nähe war
Wein aufgestellt, die Bauern tranken und ritten
ı1ach Hause. Ein sehr merkwürdiger Zug ist dabei,
Jass die Rosse ohne Sattel kommen. In ‚voller Freiı1eit
 werden sie gleichsam dem Gotte dargeboten.
‘‚eider ist diese ansprechende Feierlichkeit in den
etzten Jahren arg zusammengeschmolzen. Die Nähe
Ingarns scheint auf diese Theilung der Macht zwischen
 Sanet Leonhard und Sanct Stephan eingewirkt
zu haben, denn in Ungarn, dem Lande eines Reiterrolkes,
 ist Sanct Stephan Meister, wie die Sanct
Stephanskrone und die zahlreichen Stephanskirchen
n ungarischen Orten beweisen. Auch der Sanet
;tephansdom in Wien scheint auf die engen Be-;jehungen
 Wiens zu Ungarn und einen bedeutenden
Markt in Wien für ungarische Rosse hinzudeuten.
Vichtedestoweniger hat auch Sanct Leonhard in Wien
seine Verehrer. In der Vorstadt Margarethen kommen
ım Leonhardstage in der Margarethenkirche die
7jaker und Milchmaier Wiens zusammen; ein eigener
\ltar ist Sanct Leonhard geweiht, vor welchem ein
Tochamt mit Predigt stattfindet !). In Steiermark
ınd Kärnten herrschen in Bezug auf Pferde Sanct
‚eonhard und Sanet Stephan nebeneinander; in Tirol
lagegen kommt Sanct Stephan als Rosspatron nicht
ror und gehört der ganze Viehstand unter Sanct
",eonhard, nur dass etwa für Kleinvieh noch Sanct
Nendelin angerufen wird.
Eine Ausnahme machen die Ansiedlungen der
Walser in Vorarlberg, die man bekanntlich für Nachkommen
 von Burgundern aus dem Wallis hält. Zu
1) Mittheilung des Herrn Dr. Anton Mayer in Wien.
            
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