5
Viehpatron, geweiht sind. Diese Kirchen
liegen fast sämmtlich an den Grenzen
gegen Osten,
Jeder Kenner der Alpen weiss, dass im mittleren
und im östlichen Theile dieses Gebirgsstockes der
heilige Leonhard vom Landvolke als der Beschützer
seines Viehstandes angesehen und verehrt wird.
Die alten Deutschen, wie die Hellenen, waren
im Grunde Pantheisten oder Polytheisten ; sie glaubten
an ‚einen Weltenschöpfer, aber näher noch stand
ihnen eine Anzahl menschenähnlicher, jedoch übermenschlicher
Halbgötter, theils verkörperte Naturkräfte,
theils Heroen, Vermittler zwischen Allvater
und den Menschen und den letzteren in Noth, Ge-'ahr
und Tod als liebe und mächtige Helfer zugeneigt.
Die Namen, die sie in der Heidenzeit geführt haben
mögen, sind oft verschollen; öfters noch sind sie blos
verändert und eingehüllt in christliches Gewand, aus
welchem die alten Nothhelfer noch wohl erkenntlich
hervorblicken. Die Namen wechselten, aber die Sache
blieb. An die Stelle der Heroen oder „Dämonen“
‘wie die Kirche sagte) traten Heilige. Und so ist
auch der heilige Leonhard der stellvertretende Ersatzmann
eines deutschen Halbgottes geworden, zu dem
das mühselige Landvolk in den Nöthen, die sein
Vieh bedrohten, zu beten pflegte.
Die Stellung, welche Sanet Leonhardus sogar
heute noch in dem Gedankenkreise des südostdeutschen
Landvolkes einnimmt, kann kaum hoch genug angeschlagen
werden. Kin Tiroler sagte dem Verfasser
dieser Zeilen, Leonhard sei „weit mehr als ein Heiliger“.
[n seinem Buche: „Die Religion der alten Deutschen“
nennt ıhln Dr. Szepr geradezu „den altbaierischen
Herrgott“ !). Ein Spassvogel rief einst im Salzburgschen
einem alten Weiblein zu: „Weisst’ schon,
unser Herrgott ist gestorben“; die Antwort lautete:
‚Da werden sie am Ende gar den heiligen Leonhard
zum Herrgott machen!“*) Eine solche Auffassung
liegt dem Gedankenkreise grosser Gruppen unseres
Landvolkes nicht ferne. Wenn dem Tiroler oder
Kärntner Bauer sein Vieh erkrankt, so wendet er
sich zwar jetzt meist an den Thierarzt oder einen
Nachbar, der dafür gilt, gleichzeitig aber pflegt er
sich zur Kirche zu begeben, am liebsten zu einer
Leonhardi - Kirche oder zu einem Leonhardi - Altar;
dann wird oft die Bildsäule des Heiligen vom Altar
herabgenommen und auf einen steinernen Tisch in
der Halle vor der Kirche, den man auch Altar nennen
1) S. 332, .
2) Mittheilung des Herrn Dr. MüöLLner in Laibach.
zönnte, hinausgetragen, der Messner bringt ein
sleines, in Wachs oder Eisen gebildetes Abbild des
ırkrankten Thieres aus seiner Schatzkammer hervor,
ne Kerze wird angezündet, Bauer und Messner
xnieen ‚nieder, beten, und der Landmann hofft dann
auf Erhörung und geht getröstet nach Hause.
Jem heiligen Leonhard werden heute noch Opfer
zebracht, flammen Kerzen, erfolgen Umritte um
zeine Kirchen mit Ross und Wagen, Peitschenknall,
Gesang und Schiessen, Für solche Orte, wo
L,eonhardi-Kirchen stehen, ist das Leonhardsfest
6. November) das Hauptfest des Jahres, Schon
vorher sagen und singen die Kinder „heute ist ein
F’ag, morgen ein Tag, übermorgen der Lienhartstag“,
MaAxIMILIAN SCHMIDT bemerkt!): So tief liegt dem
Volke die Feier im Sinne, dass es ebenso oft nach
lem Leonhardstage, als nach Georgi oder Michaeli
lie Zeit berechnet und ebenso ‚einen guten Lienhart‘
wünscht, wie gute ‚Weihnachten und Ostern‘. Eine
Schilderung seines’ Festes gibt MAxıMILIAN SCHMIDT
mit folgenden Worten: „Sanct Leonhard ist im
»aierischen Oberland oberster Viehpatron, besonders
Jer Pferdezucht, Durch ganz Oberbaiern liegen ihm
zu Ehren geweihte Capellen zerstreut, oft mitten im
stillen Walde, stundenweit von den Wohnungen der
Menschen entfernt. Diese Waldkirchlein sind von
eisernen Ketten umspannt, zusammengeschmiedet aus
den Stallketten: der kranken Rosse, die man dem
Heiligen gelobt hat. Zu diesen Capellen wird meist
im Hochsommer gewallfahrtet. Da kommen die Bauern
schon am Vorabende zur Vesper, jedoch mit zwei
Rossen, reiten dreimal um die Kirche, binden die
zosse im Walde an, beten einen Rosenkranz und
ziehen nach einem nochmaligen Umritte nach Hause,
Am Festtage selbst kommen die Leute schon in aller
Yrühe viele Meilen weit auf Leiterwagen heranzefahren,
die mit Kränzen, Fahnen, Bändern, Bogen
ınd Gewinden von Laub und Tannenreisern auf’s
"estlichste geschmückt sind. Auch die jedem Wagen
‚orgespannten vier Rosse prangen im besten Geschirre,
Jähnen und Schweife sind mit Bändern durchflochten,
1elles Glockengeläute hängt um ihren Hals, während
hre Lenker Hut und Peitsche mit Strauss und
Schleife verziert haben. Wohlhabende Bauern besitzen
ür diese Fahrt besonders gebaute Wagen, sogenannte
‚eonhardi-Truhen, das sind Wagen, welche statt der
Leitern auf den Seiten mit Brettern verschlagen sind,
bunt und zierlich, meist blau bemalt, mit dem Bilde
les heiligen Leonhard — zuweilen versilbert — und
1) Der Leonhardsritt, S. 277.