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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

— 116 —

herrschte. Während mehrerer Jahre ereignete sich im Stamme
selbst nur einmal eine Revolte mit Blutvergiessen, wobei der
Häuptling von vorne einen Pfeilschuss durch die Bauchhöhle
erhielt, dessen Wunde er sich aber bald durch Auflegen von
Pflanzenblättern und einen Verband ausheilte, Der Missethäter
hielt sich einige Monate mit seiner Familie von der Ansiedlung
 ferne und versöhnte sich mit seinem Gegner später
wieder durch Geschenke. Bei dem ganzen Streite, welchen
die Weiber angestiftet hatten, war mehr Lärm, Schreien der
Weiber und Männer und wildes Durcheinandertoben des
ganzen Stammes zu hören, als ein eigentlicher Kampf zu
sehen, und der Häuptling, welcher vermitteln wollte, kam
dabei am. schlechtesten weg, da ihn jener Pfeil in dem Getümmel
 traf, den er auf grössere Entfernung leicht hätte
vermeiden können, da die Indianer auf 20—30 Schritte einem
heranfliegenden Pfeile durch eine rasche Bewegung auszu
weichen verstehen.
Auch bei ihren zeitweisen Kriegszügen gegen den nächsten
ungefähr 20 km weit am Made-River wohnenden Stamm
scheint es nie sehr blutig zugegangen zu sein. Vor dem Aus:
zuge gegen den Feind wurde gewöhnlich im Dorfe ein Kriegstanz
 aufgeführt, der mit möglichstem Geschrei und Lärm in
Scene gesetzt wurde. Hiezu stellte ‚sich die Armee — etliche
10—20 Mann, denn Alle waren selten zusammen zu bringen
oder im Dorfe nicht anwesend — in ein Glied auf; der rechte
Flügelmann war der Vorsänger und Vortänzer; ein Jeder
hielt Bogen und Pfeile in den Händen, öfters die Abgabe
eines Pfeilschusses markirend, oder auch durch rasche Körperbewegungen
 das Pfeilausweichen nachahmend, Von Allen
wurde ein lauter Gesang angestimmt, dazu sehr rasch, in
derselben Linie bleibend, mit beiden Füssen auf die Erde
gestampft, so dass bei grasigem Boden nach dem Tanze ein
schwarzer Streifen, wie ein stark betretener Fusspfad, zurückblieb.
 Zum Schlusse sprang der Flügelmann vor und schoss
einen Pfeil mit solcher Kraft in die Höhe ab. dass er der
Blicken entschwand.

6. Die Hütten selbst bestanden aus 1—11/, m breiten
gegen 3—8 cm dicken und 3—4 m langen, gespaltenen Dielen
des leicht zu bearbeitenden, gegen Fäulniss sehr widerstandsfähigen
 Red wood (Sequoia gigantea). "Die Seitenwände, aus
senkrecht nach unten in die Erde gegrabenen Dielen, hatten
eine Höhe von etwa 1‘°5 m; zum Dache wurden die gleichen,
oft meterbreiten Dielen verwendet, welche sich zu beiden
Seiten eines starken Firstbalkens herabsenkten, so dass das
Innere einen in der Mitte gegen 3—4 m, an den Längswänden
1!/, m hohen Wohnraum bildete. KEigenthümlich war der
einzige, an der Firstseite jeder Hütte befindliche Eingang gestaltet,
 Es war dies ein kaum metergrosser, kreisförmiger
Ausschnitt, etwa 0:5 m über dem Boden, in einem der breiten
Planken, zu dessem Verschluss von innen ein Brett vorgeschoben
 werden konnte, Licht und Rauch mussten sich durch
die zahlreichen Fugen der nicht genau aneinander schliessenden
 Dielen den Weg suchen.
In der Mitte des Wohnraumes befand sich der von etlichen
 Rollsteinen umstellte Herd, etwas in den Boden versenkt;
 auf demselben wurde aber nur bei schlechtem Wetter,
sonst im Freien vor der Hütte gekocht. In den Ecken und
an den Wänden standen die Körbe mit den wenigen Vorräthen.
 welche die Indianer für die Winterszeit ansammelten.

neist geräucherter Lachs, der in diesem Zustande und auch
'risch ihre Hauptnahrung bildete, dann auch gedörrtes Fleisch,
Jben an den Wänden und am Dache wurden die verschiedenen
Speere zur Fischerei, Schnüre, Netze, Pfeile und Bogen im
Köcher verwahrt und letzterer an einem besonders vor Nässe
yeschützten Orte aufgehängt.
Den Boden des Gelasses bildete das natürliche Erdreich,
las auch ohne weitere Herrichtung als Schlafstelle diente;
dei dem milden Klima, bei dem nur des Nachts die Kälte
nanchmal den Gefrierpunkt erreichte, genügte ein gegerbtes
Jirschfell (später, nachdem sie die Wolldecke kennen gelernt
hatten, auch eine solche zum Zudecken), während ein Holz-<lotz
 als Kopfkissen diente.
Die Eingänge zu den Hütten lagen gegen eine Art kleinen
Dorfplatz im Innern der Ansiedlung zugekehrt; die Form
and Kleinheit derselben hatte wohl den Zweck, bei einem
Ueberfalle die Vertheidigung zu erleichtern, indem, selbst
wenn dieselben offen waren, der Eindringling auf allen Vieren
1ätte hineinkriechen müssen und bei dieser Gelegenheit leicht
nit einem Knüttel ausser Gefecht gesetzt werden konnte,
Die Fugen der Wände bildeten dagegen ebensoviele natürliche
Schiessscharten, durch welche der unsichtbare Vertheidiger
auch in die Ferne seine Pfeile entsenden konnte und so die
Hütte zugleich als Festung diente.
Zur Zeit des sommerlichen Lachsfanges, für den die
besten Fischplätze etwa eine Stunde südlich von der Ansiedlung
ıntfernt lagen, zog der grösste Theil der arbeitstüchtigen
3Zewohner dorthin und errichtete aus Erlenzweigen zeltörmige
 Hütten, in welchen am Tage die Fische geräuchert
wurden und deren dichtes Laubdach die Bewohner des Nachts
vor der Morgenkühle und dem ausserordentlich starken Thau
schützte. Diese Laubhütten wurden nicht immer an denselben
Dlätzen errichtet, sondern in der Nähe des jeweiligen günstigsten
 Fischplatzes. Die kleinen Kinder und etliche Weiber
olieben im Dorfe zurück, um es zu bewachen,
Dort, wo sonst noch alljährlich der Erwerb von Nahrungsmitteln
 einen Anziehungspunkt bildete, wie an der Mündung
les Little River, wo sie während der winterlichen Regenzeit,
in welcher die Leute am meisten dem Mangel ausgesetzt
waren, auf die zum Laichen in den Fluss kommenden Lachse
Jagd machten, hatten sie einige, jenen im Dorfe ähnliche,
aber kleinere Hütten errichtet,
Sie kannten auch Schwitzhäuser; diese waren wie die
Hütten gebaut, jedoch kleiner, ganz in den Boden versenkt
und auch das Dach mit Erde bedeckt, damit die warme Luft
nicht entweichen könne, Am Dache war ein kleines, rundes
Loch zum Hineinschlüpfen angebracht, welches dann mit
3inem Deckel verschlossen wurde, In der Mitte befand sich die
Feuerstelle, auf welcher ein mässiges Feuer mittelst dünner,
sehr trockener und ihrer Rinde entblösster Erlenäste unterhalten
 wurde, das fast keinen Rauch entwickelte, Die älteren
'ndianer klagten oft über Rheumatismus und benützten dayegen
 das Schwitzbad, wobei sie sich im Schwitzhause auf
den Boden legten und einen Gesang anstimmten, dessen
Tact sie durch Anschlagen eines kleinen Steines auf einen
grösseren oder auf ein Holzstück angaben, Bei der grossen
Hitze trat bald starker Schweiss ein; dann liefen sie rasch
zum nahen Meere und sprangen kopfüber in dasselbe, dort
anne knrze Zeit tanchend und umherschwimmaend
            
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