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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 13=23.1893

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bestand zur Zeit, als v, SchrencrK deren Bekanntschaft machte,
noch nicht. „Die einzigen Culturvölker, mit denen sie bis
dahin in längerer Berührung gestanden hatten, waren die
Chinesen und Japaner, allein diese Berührung war, zum
wenigsten für die entfernteren unter ihnen, immer nur eine
spärliche, fast nur auf Handelsbeziehungen beschränkte; es
fehlte der Cultur dieser ostasiatischen Völker, wenigstens bis
dahin, der expansive Charakter der europäischen, um 80
zersetzend wie diese auf die Naturvölker wirken zu können.“
Wer solches gesehen und miterlebt, ist wohl berechtigt,
wenn er, wie v. ScHRENCK dies in seinem grossen Werke in
einigen lapidaren Sätzen thut, mit einer gewissen Dringlichkeii
auf diesen unaufhaltsamen Process hinweist. Hat doch unser
Altmeister BaAsrtıAn in einer bisweilen an’s Drastische streifenden
Weise seinen gewichtigen Mahn- und Hilferuf erhoben, und
kann jeder neue Nothschrei in dieser Richtung nicht oft und
nicht eindringlich genug immer wiederholt werden. Es möge
daher zur Entschuldigung dienen, wenn die eigenen Worte
eines Blutzeugen hieher gesetzt werden, der in massvoller,
aber daher um so überzeugenderer Weise diesen Zerstörungsprocess
 schildert, wie dies v. ScHrReEncK in dem einleitenden
Capitel thut. „Das Bild, das hier von den Völkern des Amurlandes
 entworfen wird, gehört zum grossen Theile bereits der
Vergangenheit an. Seitdem Russland definitiven Besitz von
diesem Lande genommen, haben sich die ethnographischen
Verhältnisse desselben in raschen Zügen verändert, Wer das
Amurland in den Fünfziger-Jahren, als ich es kennen lernte —
mit Ausnahme der verhältnissmässig kleinen Strecke zwischen
der Dseja- und der Bureja-Mündung, wo eine chinesische Stadt
und mandschu-chinesische, Ackerbau und Viehzucht treibende
Ortschaften lagen — noch eine continuirliche Wald- und
Prairie-Wildniss, in der, ein paar kleine, neubegründete
russische Militärposten abgerechnet, nur halbwilde Fischerund
 Jägervölker ungestört ihr Wesen trieben, so breiten sich
jetzt!) längs dem gesammten Amur und Ussuri in Zwischenräumen
 von je 20—30 Werst Poststationen oder Ansiedlungen
russischer Kosaken oder freiwilliger Colonisten aus, am Haupt:
strom sind Städte entstanden oder im Entstehen begriffen, an
der Küste mehrfache Hafenorte begründet worden, Dampfschiffe
 laufen den Amur auf und ab und sogar ein Telegraphendraht
 durchschneidet schon die ehemalige Wildniss. Dası
Vorgänge der Art nicht ohne den grössten Einfluss auf das
Leben und Treiben der eingeborenen Bevölkerung des Amurlandes
 statthaben konnten, versteht sich von selbst. Wird
ein Land mit noch fast jungfräulicher Natur der Einwanderung
der Colonisation, der Cultur geöffnet, so ist es nicht seine
Pflanzen- oder Thierwelt, die zuerst Einbusse an ihrer Ursprünglichkeit
 erleidet, sondern der Mensch. Noch ehe die
Wälder gelichtet, der jungfräuliche Boden aufgerissen und
besäet, die wilden Thiere verscheucht oder vermindert worden,
tritt der Mensch, der diese Wälder als Jäger durchstreift
oder die Flussufer als Fischer bewohnt, mit den neuen
Ankömmlingen in Berührung und Beziehung und trägt in
seiner Lebensweise, seinen Sitten und Gebräuchen, seineı
Sprache, seinen Anschauungen und Begriffen. kurz im

1) Diese Einleitung ist vor zwölf Jahren geschrieben; seit
dieser Zeit ist schon ein Theil der Eisenbahn von Wladiwostok
nach Norden gebaut worden, welche dann den Ussuri abwärts
bis an den Amur, und diesen weiter hinauf durch ganz
Sibirien nach Westen geführt werden soll

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zesammten Zuschnitt seines physischen und geistigen Lebens
die Spuren der fremdartigen Berührung davon. Von welchen
Folgen diese Berührung, wenn sie bleibend wird, für ein
Naturvolk in der Regel zu sein pflegt, hat die Geschichte
zielfach gelehrt. Zunächst in seinen physischen Existenznitteln,
 der Jagd, dem Fischfang durch die neuen Ankömm-'inge
 wesentlich und dauernd geschädigt, unfähig, sich neue
Zrwerbsquellen anzueignen, geschweige mit den ihm überegenen.,
 Fremdlingen darin zu concurirren, von diesen oft
auch mit Hilfe des unwiderstehlichen Branntweines ausgeraubt
ınd entnervt, Schritt für Schritt aus seiner herkömmlichen
Lebensweise herausgerissen, zudem auch in seinem psychischen
Leben angegriffen, in Allem was ihm theuer und heilig war,
zerletzt und missachtet, durch die heraufbeschworenen
Schrecken des eigenen Aberglaubens gedrückt und gepeinigt
ınd zu all’ dem vielleicht noch durch Krieg, sicher aber durch
verheerende Krankheiten, wie sie der ersten Berührung eines
Vaturvolkes mit Europäern stets auf dem Fusse zu folgen
»flegen, stark mitgenommen und gelichtet, geht es unvermeidich
 der raschen Abnahme an Kopfzahl, der Verarmung, dem
>hysischen und moralischen Verfall, der völligen Abhängigkeit
ron den neuen Ankömmlingen und entweder durch Vernischung
 mit denselben dem Verluste seiner Eigenart, selbst
mit Einbusse der Sprache, oder aber dem gänzlichen Aussterben
 entgegen, Weicht es aber dem eindringenden Fremdling
 aus, zieht es sich, wo die Umstände es gestatten, nach
antlegeneren Wildnissen zurück, so ist auch damit meist nur
aine kurze Frist gewonnen; denn mit dem Verluste seines
heimatlichen Bodens, seiner bekannten Jagdgründe und
Fischereiplätze, seiner leiblichen Habe und seiner moralischen
und psychischen Frische fällt es durch Verarmung und Verkümmerung
 schliesslich doch demselben Schicksale anheim.“
Die ethnographische Schilderung umfasst nicht den
zanzen Amurstrom, sondern beginnt da, wo die beiden Haupt-Aüsse
 desselben, Schilka und Argunj sich vereinigen, das
Stufen- und Tiefland des eigentlichen Amurstromes bis hinab
zu seiner Mündung, im Osten auch die angrenzenden Küsten
ım Ochotskischen und Japanischen Meere sowie die noch
zeographisch wie ethnographisch dazugehörige Insel Sachalin
amfassend. Hier ist es aber hauptsächlich ein Volksstamm,
die Giljaken, welche den Grundpfeiler der ganzen Beschreibung
 bilden, unter welchem SchHreEncK am längsten verweilt
und dessen Sprache er sich angeeignet hat. Diese auf einzehender
 Autopsie beruhende Beschreibung dieses Volkes
ist durch handschriftliche Notizen der beiden berühmten
Reisenden MınnendorF und MaAxımowıcz ergänzt; die des
‚etzteren betreffen namentlich die benachbarten Oltscha und
Golde, Wir werden die anderen, in den Kreis der Betrachbung
 fallenden Völker dieser Gebiete später kennen lernen,
Gleich hier sei die geradezu erschöpfende Benützung der
vorhandenen, ausserhalb Russlands nur sehr wenig bekannten
“‚iteratur über diese Länder hervorgehoben. Die sorgfältige
Anführung und Verwerthung derselben macht es auch in
Zukunft dem Detailforscher fast entbehrlich, auf viele der
Driginalquellen selbst zurückzukommen.
Die Darstellung gliedert sich in drei grosse Gruppen:
I. Geographisch-historischer Theil,
II. Anthropologisch-ethnologischer Theil und
III. Ethnographischer Theil
            
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