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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 12=22.1892

P

hat. Denn während in Assyrien, Indien, Aegypten und ähnlichen
 südlichen Ländern die Unterschiede des Sonnenlaufes
‚m Sommer und Winter kaum in das allgemeine Bewusstsein
'allen, handelt es sich im Norden um eine solche Ungleichneit
 des Sonnenstandes, dass Sagen von Krankheit und Tod
der Wintersonne entstehen mussten, die im Süden, wo sie
auftreten, nur eingewandert sein können. Während sich die
Tages- oder Nachtlänge im Laufe von sechs Monaten selbst
im nördlichen Aegypten (Kairo) nur um etwa 383%, Stunden
verschiebt, beträgt der Unterschied in Norddeutschland schon
10, im mittleren Schweden (Stockholm) volle 13 Stunden,
und finden wir daselbst einen Weihnachtstag von 51/, Stunden
Länge, mit dem eine mehr als dreimal so lange Nacht von
L81/, Stunden abwechselt, Maasse, die selbst dem rohesten
Naturmenschen auffällig werden und ihn früh zum Nachdenken
 über die einem solchen Wechsel zu Grunde liegenden
Ursachen zwingen mussten, ganz abgesehen von der mit
Augen, Ohren, Nase und Händen zu greifenden Erfahrung,
dass die Sonne ihre wärmende und belebende Kraft im Winter
so gut wie völlig einbüsst. So ist denn uns Nordbewohnern
noch heute eine Sympathie mit der sinkenden und steigenden
Jahressonne angeboren und unauslöschlich in’s Herz gepflanzt,
Denn obwohl wir wissen, dass kein Fürst der Unterwelt die
Sonne um Weihnachten in Banden hält, die Bisse keines wilden
Thieres ihr Siechthum verursachen, athmen wir dennoch erst
arleichtert auf, wenn wir wissen, dass endlich die Zeit der
tiefsten Erniedrigung des Sonnenbogens überwunden ist; Einer
arinnert den Andern an die erfreuliche Thatsache, dass die
Sonne nun wieder in langsamem Steigen begriffen ist und die
Tage, wenn auch zunächst nur unmerklich, wieder zunehmen“,
„Von allen diesen Sorgen und Freuden wussten weder
die alten Aegypter noch die Syrer, Assyrer und Inder etwas;
sie hatten keine Ursache, den spärlichen Wintersonnenschein
zu beklagen, noch der wieder erstarkenden Sonne- ein Jul-[est
 zu widmen, noch im Hochsommer ein nächtliches Freudenfest
 zu begehen; denn alle diese Sonnenlauffeste sind naturgemäss
 erst in weiteren Abständen vom Aequator berechtigt
und wurden erst von dorther nach Persien, Kleinasien,
Syrien und Aegypten eingeführt, ohne dass sie übrigens dort
jemals recht heimisch werden konnten, wie denn das Weihnachtsfest
 bekanntlich noch heute in keinem Lande der Welt
mit gleicher Innigkeit gefeiert wird wie bei germanischen
Völkern. Schon in den Mittelmeerländern haben die Jahreszeitenfeste
 keinen rechten Boden mehr. Wie kann man den
Frühling mit Inbrunst begrüssen, wo der Winter nur ein
paar Monate dauert, wo immer grüne Gesträuche und Bäume
kaum einen Verlust der Vegetation im Winter merken lassen
und höchstens einige Frühlingsblumen daran erinnern, dass
für die Pflanzenwelt ein neuer Abschnitt beginnt. Feste, wie
ınser ehemals durch ganz Mittel- und Nordeuropa gefeiertes
„Winter- und Todaustreiben“, die Maifeste und nun gar das
Mittsommerfest entbehren im Süden alles natürlichen Anhaltes,
da hier die Jahreszeiten ohne schroffe Gegensätze in einander
übergehen und der stärkste Trennungsstrich nicht wie im
Norden durch den Winter, sondern eher durch den Hochsommer
 hervorgerufen wird“ (S. 219).
In diesen und ähnlichen Ausführungen liegt das Hauptverdienst
 des vorliegenden Werkes, und dieses muss anerkannt
werden, auch wenn man der Behandlung der mythologischen
Einzelheiten nicht immer zustimmen kann. KK. Penka.

D.
Hesselmeyer Ellis. Die Pelasgerfrage und ihre
Lösbarkeit. Tübingen 1890. XIII und 162 S. 8°.
Der Verfasser dieses dem Andenken seines Lehrers
\. v. Gurscamm gewidmeten Buches unternimmt in demselben,
 nachzuweisen, dass ‚die Pelasger einerseits mit den
"yrrhenern Italiens verwandt, andererseits von den arischen
Jdellenen vollkommen verschieden gewesen, dass dieselben die
‚utochthone Urbevölkerung Griechenlands gebildet, die sich
‚päter zum grösseren Theile mit den eingewanderten Helienen
'ermischt und dieselben in cultureller Beziehung beeinflusst
ıätten und dass Pelasger und Leleger dem Wesen nach ein
7olk und nur dem Namen nach verschieden seien Den Nachveis
 für diese Thesen sucht der Verfasser aus der Geschichte,
nsbesondere aus Herodot (sogenannter „geographischer Beveis“),
 aus der Etymologie des Namens ßapfapoı, aus gewissen
Irts- und Flurnamen und insbesondere aus der Sprache der
nschrift von Lemnos („sprachlicher Beweis“), ferner aus dem
Zereiche der Mythologie, hauptsächlich auf Grund der Crusius-‚schen
 Ansicht von dem pelasgischen Ursprung der Kabiren
„mythologischer Beweis“) und endlich durch den Hinweis
vuf analoge Verhältnisse bei anderen Völkern („das Ergebıss
 für die Geschichte“) zu erbringen. Im Anhange werden
lann noch die alten Argumente GurschHmip’s gegen Curtius’
Vonierhypothese wiederholt.
Der wichtigste und geradezu entscheidende Beweis für
lie keineswegs neue Ansicht von der Verschiedenheit der
Delasger und Hellenen, der anthropologische, ist vom Ver-'asser
 nicht versucht worden, und muss diese Unterlassung
ıls ein grosser methodischer Fehler bezeichnet werden, Mit
ler Inschrift von Lemnos, deren Sprache ein etruskisirender
harakter angedichtet wird, kann nur bewiesen werden, dass
lie Sprache der Pelasger weder arisch noch semitisch war,
:eineswegs jedoch, dass dieselben mit den Tyrrhenern Italiens
‚erwandt waren. Ganz unglaublich ist es, dass diese letzteren
ıach der Stadt Tyrrha ın Kleinasien benannt worden sein
sollen, Dem aus der Ethnologie geschöpften Analogiebeweis
‚ann nur eine sehr bedingte Beweiskraft zuerkannt werden,
vie es überhaupt besser gewesen wäre, wenn der Verfasser
lieses lange Capitel (S. 64—129) gar nicht veröffentlicht hätte.
ie zahllosen Unrichtigkeiten und Widersprüche, von denen
ıler einige angeführt werden mögen, sowie der burschikose
"on, der an vielen Stellen hervortritt, beeinträchtigen in
öchstem Masse den guten Eindruck, den einzelne frühere
‚usführungen desselben auf den unbefangenen Leser zu
nachen geeignet sind, S. 76 lässt er die semitischen Chaldäer
ron Nordwesten (Syrien) her in Mesopotamien einfallen,
3. 80 wird der Nationalcharakter der Semiten, insbesondere
hre angeblich „vollständige Phantasielosigkeit“, als durch
len Wüstencharakter der arabischen Urheimat bedingt,
aingestellt. Es gilt ihm als ausgemacht, dass die Aegypter
ıicht autochthon in Aegypten gewesen, sondern „höchst wahrscheinlich“,
 wie auch die Arier, Sumero-Akkader und Chinesen
ıus Centralasien gekommen und über Iran, die Strasse von
Jrmas, Südarabien und die Strasse von Bab-el-Mandeb in
\frika eingewandert seien. Von den Karern, Lydern, Mysern,
°hrygern und Armeniern wird behauptet, dass sie in Folge
ler chetitischen Invasion eine kleine „Semitisirung“ durchzemacht
 hätten. Die Sprache der Slawen Russlands sei eine
            
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