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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 12=22.1892

— 116

dass er vielfach getäuscht wurde und falsche Mittheilungen
 von Leuten entgegennahm, die sich für
‚Jäuptlinge der Baduwis ausgaben, ohne solche zu sein,
Ich glaube wohl annehmen zu dürfen, dass die Eintheilung
 der „Orang -Parahiang“ oder Baduwis in
40 besondere Familien und die Bewachung der Artja-Domas
 durch dieselben auf historischen Thatsachen
beruht und man nicht fehlgeht, wenn man die Baduwis
als Ureingesessene der Vor-Hinduzeit betrachtet und
nicht als eingewanderte Flüchtlinge.
Man stelle nur zuerst die Frage: „Haben die
Baduwis selbst nach ihrer Einwanderung. und Niederlassung
 in Lebak den Artja-Domas dargestellt?“
Sie selbst leugnen dies ganz bestimmt und verneinen
 auch, dass der Artja-Domas eine alte Grabstätte
von ihnen sei. Die ganz aussergewöhnliche Verehrung,
welche sie dieser Stätte zollen, deutet übrigens schon
auf höheren Ursprung und Zweck,
Auch die Steinfiguren des Artja-Domas bei Tjikopo
sehen älter aus als die der letzten Hinduzeit und die
civaitischen Gegenstände daselbst scheinen aus späterer
Zeit zu stammen und sind weniger verwittert. Die
letzten Hindus fügten vielleicht zu den Figuren des
damals schon sehr alten geweihten Ortes noch neue
hinzu.
Doch wenn der Artja-Domas älter ist als der Fall
des Reiches von Padjadjaran vor 350 Jahren, dann
wäre es doch auch sehr zufällig, dass die Baduwis auf
ihrer Flucht gerade dort ankamen und sich da niederliessen;
 und ganz unerklärlich würde es sein, warum
der ausgewichene Volksstamm nie mehr als 40 Familien
zählen darf,
Nein! Gerade diese Bestimmung lässt mit Sicherheit
vermuthen, dass dieser den Geistern geweihte Ort mit
seinen aus 40 Familien bestehenden Hütern eine aus
der grauesten Vorzeit vererbte Einrichtung ist und die
Baduwis die Behüter und Diener eines heiligen Platzes
sind, der seinen Ursprung vielleicht sogar noch vor
der Zeit der Hindus auf Java hat.
Möglicherweise sind früher an allen Artja-Domas
solche besondere „Orang-Parahiang“ oder „Hüter des
geheiligten Ortes der Geister“ vorhanden gewesen, die
nach und nach, erst durch die Ausbreitung des Buddhismus
 und später durch die Invasion des Islams ausgerottet
 wurden oder sich verlaufen haben und mit
den Neuerungen verschmolzen, bezüglich darin untergegangen
 sind,
‘Man darf auch nicht ausser Acht lassen, dass die
eigenthümlichen Lebensregeln der Baduwis, alle ihre
ganz besonderen Vorschriften und Einrichtungen anklingen
 und hinweisen auf eine weit zurückliegende
Vergangenheit, auf einen älteren Zeitabschnitt der
Geschichte, als selbst das Hindu- Zeitalter für Java
ist, und dass die Erklärung einiger Forscher, als sollten
die Baduwis und ihre Eigenthümlichkeiten nur asketischen
 Regeln und der ewig erneuten Trauer über den
Fall des Reiches von Padjadjaran entstammen, keineswegs
 Glauben verdient.
Religiöse Vorschriften, welche bezwecken, den äusseren
 Ceremonien ein grösseres Ansehen zu geben, sind

neistens nur zurückzuführen auf das Festhalten an
ıralten Sitten und Gewohnheiten,
Wir brauchen nur an die heute noch übliche Beschneidung
 der Juden mit einem steinernen Messer zu
lenken, welche aus der Steinzeit datirt u. A. m,
So erinnern auch die Eigenthümlichkeiten der
Baduwis-Vorschriften an Lebensgewohnheiten, wie solche
ıur zur Zeit der primitivsten Bildung vorherrschen
xonnten.
Die Baduwis gebrauchen z. B. keinen Pflug, obwohl
lerselbe einen Hindunamen (Wluku) trägt und also
>ffenbar durch die Hindus eingeführt worden ist.
Sie benützen keine Schlafstätten, sondern liegen
auf dem blossen Erdhoden; in ihre Kopfkissen füllen
sie die Baumwolle, ohne dieselbe von den Samenkörnern
zu reinigen, wahrscheinlich weil man dies in der Urzeit
ı1och. nicht zu thun verstand.
Sie haben keine Lampen, brennen des Nachts kein
‘icht und essen des Nachts nicht, und zwar wahrscheinlich
 nur deshalb, weil man in der grauen Vorzeit,
ıus welcher sie diese Lebensweise fortsetzen, noch
seine andere Weise kannte, um Räume zu beleuchten,
ıls durch Anzünden von Fackeln aus Holz oder Bambus.
Das Salz ist ihnen so heilig, dass sie stets eine
zewisse Menge vom Vater auf den Sohn vererben; sie verırbeiten
 kein Metall und tragen keine anderen Kleider
ıls solche von weissen, schwarzen oder blauen, selbstzewebten
 Stoffen oder aus den Fasern des spanischen
iohres verfertigt; und auch diese Sitte könnte ihren
Jrsprung aus einer Zeit haben, in der es noch keine
ınders gefärbten Kleiderstoffe gab oder das Tragen bunter
Kleider als leichtsinniger Luxus galt,
Sie benützen kein anderes Fahrzeug als ein Floss
um Ueberfahren von undurchwatbaren Flüssen; sie
ıchreiben nicht; das Wild fangen sie, doch stechen
‚le es nicht todt, sondern tödten es durch Erschlagen.
Auch das Laksafest der Baduwis, wobei als Opfer
ür den Segen der folgenden Ernte eine Jungfrau, aus
teismehlteig gemacht, für die Gottheit in den Wald ge-»racht
 wird, hat einen starken Anklang an polynesische,
rorhindu’sche Gebräuche und lässt uns daran denken,
lass in noch früheren Zeiten in derartigen Fällen
Menschenopfer gebräuchlich waren.
Alle diese Vorschriften und Sitten sind jedoch nicht
ıls asketische Regeln aufzufassen, sondern es sind
»infach die Gesetze der althergebrachten, vorelterlichen
‚ebensweise aus, der Vor-Hinduperiode, welche den
:O Familien, denen die Bewachung der Artja-Domas für
ille Zeiten anvertraut wurde, zur unveräusserlichen
’flicht gemacht sind.
Diese Gesetze sind streng gegen Alles gerichtet,
vas damals unerlaubt war oder als nicht gewünschte
Neuerung angesehen wurde, aber gerade darum besassen
je natürlich keine Verurtheilung von dem, was zu
‚ener Zeit noch unbekannt war, und weil sie z. B. weder
lie Beschneidung noch selbst den Gebrauch und die
Anbetung der Namen von Allah und Mohammed ver-»ieten,
 müssen sie unbedingt ihren Ursprung aus einer
Zeit haben, die weit vor der mohammedanischen Er-»berung,
 also viel mehr als 350 Jahre, zurückliepgt.
            
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