Aufzeichnungen über die Wilden Formosas.
Aus den chinesischen Annalen (Tai-wan-fu-tchi) des XVII. Jahrhunderts
1).
Die Ureinwohner sind ihrer Natur nach von uns
Chinesen sehr verschieden, Zunächst kennen sie keine
Familiennamen und keine Zeiteintheilung wie unser
Kalender. Ausser Vater und Mutter erkennen sie keine
Verwandtschaftsgrade an, wie Onkel oder Vetter väterlicher
oder mütterlicherseits, Sie bringen ihren Vorfahren
keine Opfer, auch können sie ihr eigenes Alter
nicht angeben. Beide Geschlechter gehen barfuss, doch
bedecken sie ihren Körper mit Kleidern, und zwar den
Oberkörper mit einem kurzen Hemd (tuan-shan), während
sie die unteren Extremitäten mit Zeugwollen (fu-pu)
umgeben. Die Weiber umwickeln ihre Beine vom Knie
abwärts mit grauem Baumwollzeug und tragen meist
Kopfschmuck von natürlichen Blumen, und Knaben und
Mädchen im Alter von 14 oder 15 Jahren pflegen
ihre Lenden mit einem Gürtel von geflochtenem Rotang
z;estzubinden, wodurch sie erreichen, dass sie von
Jugend auf lernen, mit Pfeilesschnelle zu laufen und
an Geschwindigkeit es einem rennenden Pferde zuvorhun.
Wenn ihr Haar seine volle Länge erreicht,
schneiden sie es bis zur Hälfte ab und binden es
zusammen, Ihre Zähne färben sie mit frischen Kräutern
schwarz. Sie durchbohren ihre Ohren gross genug,
um daran vermittelst eines durchgesteckten hölzernen
Ringes (mu-huan) ein Stück Elfenbein (hsiang-tzu) zu
befestigen. Sie lassen sich zumeist auf dem Arm oder
Rücken tätowiren, ja Diejenigen, die es lieben, ihre Thaten
zu verzeichnen, bedecken sogar den ganzen Körper mit
Schriftzeichen, wobei sie sich der holländischen Schrift
bedienen. Sie tragen Armspangen (chüo), die aus
Bronze oder Eisen gegossen werden, und zwar bis zu
einigen Dutzend Paaren, Sie suchen sich gegenseitig
durch einen auf die Schultern herabhängenden Federschmuck
(niao-ch’-ih) und durch Muscheln (Kauri-pei),
die auf der Stirn aufgehängt werden, zu imponiren,
indem diese Zierrathen ihrem Schönheitsgefühl entsprechen.
Nach der volksthümlichen Anschauung wird
auf die Geburt einer Tochter mehr Gewicht gelegt als
auf die eines Sohnes, denn der Knabe verlässt früher
oder später das Haus, um bei seinen Schwiegereltern
zu leben, während die Tochter der Familie einst einen
Schwiegersohn zuführt. Wünscht eine Jungfrau sich
zu verheiraten, so begibt sie sich in das Gemeindehaus
(kung-chich). Wer um sie werben will, bringt
ihr draussen ein Ständchen auf der Maultrommel (k’ouch’in).
Die Jungfrau kommt alsdann heraus, um sich
ı) Herr Dr. M, HABERLANDT gibt über diese Annalen folgende
Notiz: „Tai-wan-fu-tchi“ ist eine Topographie des chinesischen
Theiles der Insel Formosa. Die erste Ausgabe des Kao-kungkien
wurde im Jahre 1694 vollendet, einige Jahre nach Unterwerfung
von Formosa; eine zweite Ausgabe erschien 1741
durch Lin-hiang-pih, in 20 Büchern; Die letzte Ausgabe
stammt von Luh-shih-tsch, einem Mandschu und Fan Hien, in
25 Büchern, vollendet 1747. Das Werk enthält ausser den
gewöhnlichen statistischen Angaben, wie sie in den chinesischen
Topographien gegeben werden, einen Bericht über die
verschiedenen Stämme, welche die Insel von alter Zeit bis
zur Gegenwart bewohnt haben,
nit ihm zu vereinigen, Ist er ihr angenehm, so werden
lie Eltern benachrichtigt, ein Trinkgelage wird anzerichtet,
wozu die Nachbarn eingeladen werden, und
‚;omit sind sie ein Paar. Wenn es auf dem Felde zu
hun gibt, so steht die Frau hinter dem Pfluge, während
ler Mann daheim die Kinder versorgt. Wenn Mann und
"rau sich des Umganges enthalten, gleichviel ob Kinder
‚orhanden sind oder nicht, so wird überall und mit
fedem Unzucht getrieben. Während der heissen Jahres-‚eit
sieht man Männer und Weiber nackt in Paaren
ıockend den Beischlaf vollziehen; doch vermeiden es
Irwachsene, sich dabei von den Jüngeren sehen zu
‚assen. Neugeborene Kinder werden mit kaltem Wasser
‚ewaschen, Sie kennen weder Aerzte‘ noch Medicin,
edoch nehmen sie ein Flussbad, wenn sie krank sind,
n der Meinung, dass gie von der vom grossen Arzt
;n das Wasser gelegten Heilkraft genesen; überhaupt
alten alle Wilden das Baden zu allen Jahreszeiten für
zuträglich, Wenn Jemand gestorben ist, schmücken sie
Jie Hausthür mit bunten Lappen. Was der Todte an
Seräthen, Gefässen und Kleidern zurücklässt, wird
ınter die Ueberlebenden vertheilt, ebenso Alles, was
{em Todten zugehörte. Der Leichnam wird drei Tage
ang unter dem Bette aufbewahrt, alsdann versammeln
‚ich die Nachbarn, tragen denselben in’s Freie, benetzen
hn mit Wein und verscharren ihn tief in die Erde,
;hne ihn in einen Sarg zu hüllen, Ziehen sie in eine
ındere Gegend, so graben sie ihn wieder aus, um ihn
ron Neuem zu begraben, Die Wohnstätten der Wilden
‚rheben sich vier bis fünf Fuss über die Erde, sie sind
ief und eng gebaut, wie Boote; Balken und Pfosten
‚ind bunt bemalt. In der Nähe der Häuser wird be-;tändig
der Boden besprengt und gefegt, so dass auch
nicht ein Stäubchen haften bleibt. Hinter der Wohnung
‚flanzen sie meist eine Reihe Cocosnussbäume, die durch
‚ine Bambushecke mit einander verbunden sind, so
Jass man in der heissen Zeit nicht in die Wohnung
zelangen kann. Sie kennen keine Bettdecken, sondern
jedecken sich mit Kleidern. Auch haben sie keine
Züchen. Als Ofen benützen sie ein drei Fuss hohes
Jestell, worin eine grosse Pfanne aufgestellt wird. Aus
lieser werden flüssige Speisen (Reis- oder Hirsesuppe)
‚on den ringsumher Stehenden mit einer ausgehöhlten
Jocosnuss ausgelöffelt, während trockener Reis einfach
nit den Händen dem Munde zugeführt wird. Vom
zeis wird im Mörser (ch’uang) ebensoviel zermahlen,
Js gerade verzehrt werden soll. Hirse, Weizen und
CJleidungsstücke werden in einer Kürbisflasche (hu-lu-hu)
‚ufbewahrt. Sie lieben es, Wein zu trinken; derselbe
vird aus Reis bereitet, den sie im Munde zerkauen,
xorauf sie ihn in einer Bambusröhre mehrere Tage
‚eifen lassen. Wenn ein Gast zu ihnen kommt, so
zommen sie aus der Wohnung heraus, um sich die
‚egenseitige Ehrerbietung zu erweisen; dieselbe besteht
larin, dass der Gast erst jenen Wein kostet, worauf
»r eingeführt wird. Zum Reisen bedienen sie sich eines
mit Rindern bespannten Wagens, Wo der Weg durch
sine abschüssige Stelle im Gebirge unterbrochen wird,
assen sie sich an Rotangseilen hinab, während sie
iefe und breite Bäche auf eingelegten Welsblöcken