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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 12=22.1892

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hafter oder auch nur durch Wochen verweilender
Forscher, der mit den Leuten nähere Beziehungen
knüpfen, der sich der Vermittlung des Lehrers oder
Pfarrers u, dgl. bedienen kann, ist bedeutend im Vortheile,
 wie man dies z. B. aus Dr. MErRInGEr’s erwähnter
Schrift ersehen kann. Diesem kam freilich auch der
gute Bildungszustand der Ausseer Bauern zu Hilfe,
Unter solchen Leuten hätte auch der Streckenforscher
ein leichtes Spiel; da würde die Angabe, man sei ein
„Professor“, jedes, auch das geheimnissvollste Thun
vermitteln und ermögliehen. Der „Professor“ hat
mich in Vorarlberg, Liechtenstein, Graubündten und
ganz Oberitalien — es steckt eine erstaunliche Weltläufigkeit,
 eine gewinnende Zuvorkommenheit im oberitalienischen
 Bauern — sehr gut durchgebracht. Anderswo
habe ich den Maler und, wenn ich mit Frauen allein
zu thun hatte, den Herdbauer vorgeschützt, „der
wissen möchte, wie die Einheiz in dieser Gegend beschaffen
 sei“, Oft haben mich landwirthschaftliche
Fragen zum Ziele geführt. Dass man sich um landschaftliche
 Verschiedenheiten der Wirthschaft bekümmere,
 geht dem Landmanne leichter ein, als dass man
sein Haus untersucht. Dieses scheint ihm eine selbstverständliche
 Sache; es ist ihm vertraut, etwa wie der
Schnecke ihr Gehäuse, und Fragen in dieser Richtung
befremden ihn etwa so, als wenn man ihn um einen
Weg fragen würde, den er selbst alle Tage mehrmals
zurücklegt. Nichtsdestoweniger bin ich auch als Baumeister
 aufgetreten, wenn ich nach Benennungen
forschte. „Dies nennt man bei uns in der Stadt
„Balcon“ oder „Altan“, in Oberösterreich „Schrott“,
in Kärnten „Söller“, wie nennt man das Ding bei
Euch?“ Aehnliche Fragen waren selten ohne Erfolg.
Es konnte dann die Mittheilung angeknüpft werden,
dass die Häuser überall anders aussehen, und schliesslich
wurde es dem Manne begreiflich, dass ein Baumeister
sich um diese Verschiedenheiten umsähe, „denn man
lerne niemals aus“.
Die wichtigsten Aufschlüsse muss man von erfahrenen
und gebildeten Leuten in den Rastorten erlangen. Der
Zimmermann und der Maurer, der Dorfschmied, dann
Männer, welche von den Bestrebungen der landeskundlichen
 Vereine berührt und angeregt sind, Pfarrer, Lehrer,
Beamte u, dgl. ergänzen, vervollständigen, erklären das
Gesehene und machen auf Uebersehenes aufmerksam,
Dass manche Gegenden noch ganz andere Schwierigkeiten
 bieten, ist begreiflich, Der CiGenboden Istriens,
Theile von Krain und Dalmatien, die Häuser der bosnischen
 Mohammedaner u. s. w. lassen sich wohl ohne
die Hilfe landeskundiger, ansässiger Mittelsmänner gar
nicht erforschen.
Dr. Meringer hat in einem Vortrage in der Anthropologischen
 Gesellschaft mit Recht auf die Gefahren
einer unrichtigen Fragestellung hingewiesen. Man muss
sich nämlich dabei ganz unwissend stellen und die
Frage von jeder Mittheilung freihalten, Frägt man z, B.:
„Wo bewahren Sie Ihr Heu auf? Zeigen Sie mir es!“
so wird man gute Auskunft erhalten. Früge man aber
etwa: „Sie bewahren wohl auch Ihr Heu ober dem
Kuhstalle auf?“ so würde aus Gründen, in welche sich

‚1er Gebildete nicht leicht hineindenken kann, etwa weil
ier Mann fürchtet, es würde nicht gescheidt oder
‚weckmässig erscheinen, wenn er sein Heu anderswo
vufbewahrte, häufig ein „Ja“ erfolgen, wo ein „Nein“
jer Thatsache entspräche, Die Art des Fragens muss
iberhaupt wie jede andere Forscherthätigkeit dem
jrundsatze entsprechen: „Ich will unbefangen
srkennen, was wirklich ist; ich will nicht
srkunden, was ich etwa zu finden erwarte
der gar meiner Voraussetzungen wegen
'inden will.
So viel über den an Beschwerden und Genüssen,
ın Ergebnissen und Enttäuschungen reichen Weg eines
vandernden Einzelforschers! Seine Bewegungsweise ist
‚ormärzlich. Der Handwerksbursche, ja der fahrende
‘chüler lebt in ihm wieder auf, Mit Kopfschütteln berachtet
 ihn der Eisenbahnfahrer, welcher den Fahrplan
‚«chmäht, weil er zu einer 14tägigen Wanderstrecke des
Tussgängers etwa volle sieben Stunden Fahrzeit ansetzt.
ir kommt nicht weit: etwa von Salzburg bis Turin in
s»iner Zeit, welche die Reise um die Welt ohne Hast
zestattet haben würde.
Wenn man das verbrauchte Geld schliesslich durch
Jie Zahl der zurückgelegten Kilometer theilt, so fällt
las so ermittelte Kilometergeld des Fussreisenden viel-'ach
 höher aus als jenes des Eisenbahnfahrers. Und welcher
Zeitaufwand! — Zeitverschwendung vielmehr nennt es
ler ewig eilfertige Stadtmensch, wenn der Wanderer
;twa für die Schnellzugstrecke Wien-Tarvis-Udine fünfındzwanzig
 kostbare Urlaubstage vertrödelt. „Wohin
1ätte ich in dieser Zeit überall fahren können?!“
Und dennoch! Es ist gerade für den Anthropologen,
°“ür den Sprachforscher ein unberechenbarer Schaden,
lass nur mehr einzelne Sonderlinge wandern, dass die
»llige Menschheit gleichsam in mächtigen Flohsprüngen
‚eist, deren Sprungziele die jedesmaligen Nachtherbergen
»ilden; dass Alles, was unter diesen Sprungbogen liegt,
m Wirbel der KEisenbahnfahrt wie der Traum eines
"’runkenen vorüberhuscht. Was das eigentliche Kenn-‚eichnende
 der Völker bildet — Tracht, Sitten, Ge-»räuche,
 Mundarten, ländliche Arbeitsweise, Hausform —
ss wohnt „auf dem Lande“, in den Dörfern und Märkten,
vährend die Städte, als Knoten der grossen Gleichnacherin
 Eisenbahn, an Volksthum ebenso viel verlieren,
ıls sie an Weltbürgerthum von Jahr zu Jahr gewinnen.
Velcher Reichthum an Eindrücken, an Erfahrungen, an
jildern! Eindrücke von dauerhafter Prägung, weil sie
uf den Sinn des Fussgängers ebenso viele Stunden
virken, als auf jenen des vorüberfliegenden Bahnreisenden
Ainuten. Wie nahe bringt uns der Fussmarsch den
Äenschen, welche den durchzogenen Landstrich bevohnen!
 Aus den Vielen, welche uns in Gutem und
3ösem nahetreten, setzt sich ein klarer und vollständiger
Zegriff von der Eigenart des Volkes fest, aus den vielen
ausenden wechselnden Lebenserscheinungen ein umassendes,
 grossartiges Bild des Lebens, Fussreisen
zönnen einen empfänglichen Geist in ungeahnter Weise
jereichern. Dazu geben sie das wonnevolle Gefühl der
Freizügigkeit, körperliche Spannkraft, den Schlaf und
len Hunger der Jugend und den im Eisenbahn- und Städte-
            
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