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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 12=22.1892

MITTHELLUNGEN

Anthropologischen Gesellschaft in Wien.

(Band XXII. Der nenen Folge XII. Band.)

Nr- 3. Mai u. Juni. Sitzungsberichte.
ar WEN
NHALT: Cyelen gemeinyerständlicher Vorträge; S. [45].
Haberlandt, Ueber die menschliche Wohnung; 5S. [45].
Meringer, Das deutsche Bauernhaus; S. [46].
Meldahl, Ueber die historischen Formen der Holzbaukunst; S. [511.
3Zancalari, Vorgang bei der Hausforschung; S. [57].
Ausschuss-Sitzung am 10, Mai 1892. 1. Neue Mitglieder; S. [67]. — 2. Orientalisten-Congress in Lissabon: S. [67].
Monats-Versanmlung am 10. Mai 1892. 1. WoldrFich, Ueber Steppen Mittelenropas in der Vorzeit; S. [67]. — 2. Müller, Auszug aus dem
‚Archeologiai Ertesitö“; S. [67]. — 3. Zimmermann, Ueber den Stickstoff- und Phosphorsänregehalt diluvialer Knochen; S. [79]. — 4, Matiegka,
Beiträge zur Kenntniss der körperlichen Beschaffenheit der Einwohnerschaft des nordwestlichen Böhmens; S. [81]. — 5. Niederle, Die Schädel von
Senftenberg; S. [82]. — 6. Geschenke für die Bibliothek; S. [83].
Ausfiug der Anthropologischen Gesellschaft am 5. und 6. Juni 18923 S. [85].

In Ausführung des vom Ausschusse der Gesellschaft
gefassten Beschlusses, über verschiedene zeitgemässe
Thematas

Cyclen gemeinverständlicher Vorträge
zu, veranstalten, wurde Ende April d. J. mit dem ersten
derartigen Vortragseyclus begonnen, in welchem Vorlesungen
 über das Ha us, insbesondere über das Bauernhaus,
 abgehalten wurden. Das Programm dieser Vaor-*“rüge
 war folgendes:

|. Am 23. April Herr Dr. Rudolf Meringer: Zur
Einführung in die Erforschung des Bauernhauses, I. Bisheriger
 Stand unseres Wissens.

2. Am 30. April Ebenderselbe: II. Aufgaben und
Methode der Erforschung des Bauernhauses,
Den wesentlichen Inhalt beider Vorträge hat Herr
Dr. MErInGeER in einem kleinen Aufsatze zusammcenzefasst,
 den wir weiter unten unter dem Titel „Das
Jeutsche Bauernhaus“ folgen lassen.
3. Am 7. Mai Herr Dr. Michael Haberlandt:
Ueber die menschliche Wohnung.
Dieser Vortrag ist im Folgenden auszugsweise wiedergegeben.

Keine Bethätigung des Menschen grenzt so nahe
an Erscheinungen des thierischen Instinctes, wie auf
unterster Stufe das Bauen einer Schutzvorrichtung für
len menschlichen Körper. Die Wohnung ist anfänglich
nichts als eine Art Kleid, das gemeinsame Kleid einer
kleinen Menschengruppe. Wie das Kleid differenzirt
sich die Wohnung, je nachdem sie Schutz gegen die
Elemente, gegen den Feind, sei es der Mensch selbst,
yewähren soll. Die primitivsten Wohnbehelfe schliessen
sich enge an die natürlichen Thierbehausungen und
[nstinetbauten der Thierwelt an. Felsenspalten, Höhlen,
hohle Bäume, Sandlöcher auf der einen Seite, das
natürliche Nest im Busch, im dürren Laub, unter dem
Blätterdach auf der anderen Seite, führen zu einer
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd. XXIT. 1892. Sitzungsberichte

loppelten Entwicklungsreihe der menschlichen Wohnung,
Jas eigentliche Bauprineip dabei ist die Rücksicht auf
las zu unterhaltende Feuer. Auf unterster Stufe beobıchtet
 man die Form menschlicher Wohnweise bei den
zuschmännern, den Feuerländern, den Australnegern,
lie Baukunst dieser primitiven Stämme fängt mit dem
Jache an; der älteste Bestandtheil der menschlichen
Nohnung ist das Dach, welches zunächst als eine Art
Nind- und Regenschirm dem Boden aufsitzt, dann geıoben
 wird und zur eigentlichen Behausung führt. Die
inzelnen Formen der primitiven Wohnweise hängen
rielfach auch vom Baumaterial und dessen Vertheilung
iber die verschiedenen Landschaften ab. Der Vortragende
jespricht in diesem Zusammenhange den Zeltstil der
ördlichen Wohnung, aus welchem sich bei sesshaft
sewordenen Völkern der Rundbau entwickelt, als dessen
Teimat besonders Afrika erscheint, der aber auch im
suropäischen Alterthum durch zahlreiche Nachrichten
ınd Spuren bezeugt ist, Die Möglichkeit, gerade Balken
zu zimmern, welche durch Vervollkommnung der Arbeitsveräthe
 wahrscheinlich im Zusammenhange mit dem
\uftreten der Metalle gegeben war, führt zum Blockjaus
 mit rechteckigem Grundriss, welcher zuerst auch
lie Möglichkeit einer weitergehenden Wohneintheilung,
ntsprechend der Complication der Familienverhältnisse
ınd der Lebensweise, darbot. Mit dem Blockhaus und
‚einen verschiedenen Abarten ist der Anschluss an das
ıistorische Bauernhaus gegeben, welches in früheren
Torträgen dargestellt worden war, Aus der ethnologischen
Zetrachtung der menschlichen Wohnung ergibt sich als
Art Suceus die Wahrnehmung, dass es hauptsächlich
Zweckmässigkeit und Technik, selbstverständlich relativ
len jeweiligen Lebensumständen und Anforderungen,
sind, welche die Bauweise einer Gegend bestimmen
and dass in Folge davon die nationale Bauweise als
solche nichts als der stationär gewordene Zwecknässigkeitsbau
 ist, Diese Erkenntniss scheint bei der
Beurtheilung des historischen Bauernhauses nicht ohne
Wichtigkeit.
            
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