Monats-Versammlung am 9. Februar 1892.
Vorsitzender: Herr FERDINAND FREIHERR V. ÄNDRIAN-WERBURG.
il. Der Vorsitzende gedenkt des Verlustes, welchen
lie Gesellschaft durch das am 12. Januar d. J. erfolgte
Ableben ihres Ehrenmitgliedes, des Herrn ARMAND
QuATREFAGES DE BrEaAU, erlitten hat. 1810 geboren,
wurde QuATREFAGES am 29, November 1829 Docteur
as Sciences mathematiques, 1832 Doctor der Medicin,
äbernahm jedoch 1832 den Curs der Zoologie an
der „Facult& des Sciences ä Toulouse“, 1840 kam er
nach Paris, wo er sich besonders MıLneE EDwARDsS anschloss.
1842— 1853 unternahm er theils allein, theils
in Gesellschaft von Mın_Ln: EoDwArDds zahlreiche Reisen
an die französischen Küsten und nach Sicilien. Kine
durch 20 Jahre fast ununterbrochen fortlaufende Reihe
von Abhandlungen in den Annales des sciences naturelles
stellte ihn in die erste Reihe der französischen
Zoologen. Dieser Epoche entstammen u. A, auch die
vielgelesenen Souvenirs d’un naturaliste. Auch angewandte
Zoologie hat ihn vielfach beschäftigt. Ausser
seinen Arbeiten über Fischzucht, Vertilgung der Termiten
seien seine Schriften über die Krankheit des
Seidenwurmes (1860) erwähnt. 1866 erschien dessen
Histoire naturelle des Annelides et des Gephyriens.
1850 wurde QuaArrerAaGEs Lehrer der Naturgeschichte
am Lycee Henri IV., 1855 erhielt er die
Lehrkanzel für die Naturgeschichte der Menschen am
Musee d’histoire naturelle. An der Gründung der
Anthropologischen Gesellschaft 1859 war er ebenfalls
vetheiligt.
Von den anthropologischen Arbeiten des verewigten
Gelehrten seien folgende hervorgehoben: De Vangle
parietal 1856; eroisement des races humaines 1860;
trait6 de l’espece humaine 1861; metamorphoses de
"”homme et des animaux 1862; observations sur la
mächoire de Moulin-Quignon 1863; observations sur
ia mächoire humaine dans le diluvium d’Abbeville
1863; sur trois tötes d’Esthoniens et sur le prognatisme
chez les Francais 1866; les Polynesiens et
leurs migrations 1866; Lecons professees au Museum
(Rev. des cours secientifiques 1864—1869); programme
d’une histoire g&nerale des races humaines; rapport
sur les progrös de l’Anthropologie en France 1867;
einq conferences sur Vhistoire naturelle de l’homme
1867—69; CHARLES DArRwIN et ses precourseurs francais
1870; Ja race prussienne 1871; les races humaines
en Europe, Congr. Intern. Bruxelles 1872; 6tude
aur les Mincopies 1873; races humaines im Diet.
encyclop, des se. medie, 1873; Vespece humaine 1876;
craniologie de la race Tasmanienne 1879; craniologie
de la race Papoua 1878; Crania ethnica 1873—1881;
l’homme fossile de Nice 1881; nouvelles 6tudes sur la
distribution g&ographique des Negritos; hommes fossiles
et hommes sauvages 1884; les Pygmees 1887; Histoire
generale des races humaines 1889,
Diese gewiss sehr unvollständige Liste gibt immerhin
ein Bild der umfassenden Thätigkeit des Anthropologen
QuATREFAGES. Er war unablässig bemüht, das
eiche, in stetem Wachsen begriffene Material des ihm
ınterstehenden Museums, sowie der anderen wissen-‚chaftlichen
Anstalten in Paris zu verwerthen und mit
Jilfe seiner aussergewöhnlichen Beherrschung der ausändischen
Literaturen zu einem Gesammtbilde der
Äenschenrassen zu ergänzen. Die „Crania ethnica“
ind ein Quellenwerk ersten Ranges, welches eine hohe
3Zedeutung für die Kenntniss der Naturvölker nach
/ırcHow’s gewichtigem Ausspruch für lange Zeit bevahren
wird, Die Zwergvölker Asiens und Afrikas bilden,
‚owie die schwarzen Rassen des grossen Oceans, ein
Iauptthema der Forschungen von QUATREFAGES. Allerjiings
ist ihm die Association mit einem so exacten
ınd eifrigen Craniologen, wie es Herr Hamy ist, vielach
zugute gekommen. QuATREFAGES hat dies selbst
ım lautesten anerkannt. Er hebt hervor, dass die
zigentliche Arbeit bei den „Crania ethnica“ grösstenheils
von Hamy geleistet wurde und ist auf das
\engstlichste bemüht gewesen, Hamvy’s Autorschaft bei
Jer Arbeit über die tasmanische Rasse zu wahren,
Wie sehr QuATrREFAGES auch von der grossen Beleutung
der Craniologie für die Bestimmung der
Menschenrassen durchdrungen war, so hat sich doch
n seinen eigenen Arbeiten der Zoologe niemals vereugnet.
Er ist der eminente Vertreter der „zoolorischen
Anthropologie“ im Sinne P. Broca’s. Stets
verglich er den Menschen mit den anderen Organismen
und forderte für das Studium der Menschenrassen die
Methode der Zoologen und Botaniker und die Anarkennung
der Allgemeingiltigkeit der physiologischen
Gesetze. Sein Standpunkt als „monogeniste classique“,
wie ihn ToPrınNARD nennt, seine Ueberzeugung von der
zealität der Arten, entsprangen aus seiner Thätigkeit
ıls beschreibender Naturforscher „qui a pratique labo-:jeusement
l’espece“. Die Aufstellung von verschiedenen
\rten von Species (espices d’especes), wie sie die
ımerikanischen Polygenisten versuchten, wäre nach
)uATREFAGES einem Botaniker oder Zoologen niemals
n den Sinn gekommen, Er war unermüdlich in der
Zusammenstellung der Thatsachen, welche die un-»eschränkte
Fortpflanzung der Menschenrassen im
Gegensatze zu den hybriden Producten der Artencreuzung
beweisen. Seine Ansichten über die Diffusion
ler quaternären Menschenrassen sind sichtlich durch
JARTET’S Arbeiten über die Wanderungen der Säugehiere
während der Eiszeit beeinflusst, Für eine Classiication
der Menschenrassen fordert er die Anwendung
ler „natürlichen Methode“ von JussıEu, bei welcher
lie Gesammtheit der physischen und ethnischen Eigenschaften
jeder Gruppe nach Massgabe ihrer Allgemeinıeit
und Beständigkeit ihren Ausdruck findet, Allerlings
standen ihm dabei die physischen Charaktere
m Vordergrunde. Doch kann man nicht behaupten,
lass er die ethnischen, besonders die linguistischen
Aomente darüber ausser Augen gelassen hätte.
Bei aller Anerkennung der grossartigen Persönlichzeit
Darwın’s, trotz seiner rückhaltlosen Zustimmung
zu dessen Auffassung vom Kampf um’s Dasein und
ler sich. hieraus ergebenden Zuchtwahl, glaubte
JUATREFAGES doch, die weitere Ausbildung des Darwi-