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Es kommt bei den Osteropfern etwas vor, was
sicher mit dem Christenthum nichts zu thun hat,
wie überhaupt die ganze Ceremonie eher an die
altgriechischen Hekatomben als an etwas Christliches
arinnert. Einen Tag vor den Opfern schneiden die
jungen Dorfbewohner von den eben spriessenden
Bäumen frische, zweiastige Zweige ab, welche abgeschält
und, die beiden Aeste ineinander geflochten
‘siehe Fig. 110), in das Blut der Opferthiere hineingetaucht
werden. Durch diese Operation sollen die
Zweige eine grosse talismanische Macht erlangen; jeder
derselben wird in ein grünes Saatfeld eingepflanzt und
gelten dieselben dort zur Abwehr jedes dem Gedeihen
der Aussaat schädlichen Einflusses, so der trockenen
Witterung, der Erscheinung einer grossen Anzahl
Fig. 110. Armenischer Osterzweig.
von Mäusen, Heuschrecken und sonstiger Landplagen.
Denn die Bewohner glauben, diese schädlichen Einflüsse
werden von dem über ihre schlechten Handlungen
erzürnten Gotte gesandt und man versucht,
sie mit Opfern und Gebeten, mit Fasten und Beschwörungen
abzuwenden.
Im Jahre 1885 wurde durch ungeheure Schaaren
von Mäusen das Land verwüstet, welche, wie ich
als Zuschauer öfters mit Entsetzen und Verwunderung
betrachtete, in der Nacht von ihren Löchern herauskamen
und, ähnlich den fleissigsten Schnittern, nur
in üblem Sinne, in einigen Stunden ein grosses Feld
vollkommen kahl machten; man hörte fortwährend
blos ein Knistern und ein unheimliches Geräusch
und sah, wie die Bestien bis zu den Halmen hinaufsprangen,
im Nu dieselben zerbissen und das Erbeutete
n ihre Nester zum Fressen für den nächsten Tag
ıineinschleppten. Bei dieser entsetzlichen Plage that
jJer Bauer ausser seinen religiösen und abergläubischen
Verrichtungen nichts Vernünftiges, um seinen
Mundvorrath dem Feinde streitig zu machen. Ebensowenig
wollte man im vorigen und vorvorigen Jahre
stwas thun, um die noch entsetzlicheren Heuschreckenmassen
zu vernichten, welche (man weiss
bis jetzt noch nicht gewiss, woher sie kamen) die
zrünen Felder in kürzester Zeit in dürre Wüsten
‚erwandelten, allüberall Eier legend; im nächsten
Jahre waren sie verschwunden. Da aber ging zum
}lück die Regierung etwas energischer vor, indem
sie jedem Bauer auferlegte, binnen einer bestimmten
T7rist ein gewisses Quantum Heuschreckeneier der
in den von den Heuschrecken heimgesuchten Districten
zebildeten Commission vorzulegen. Die Quantitäten
ler gesammelten Eier beliefen sich auf über hundertsausend
Puds und nunmehr beginnt der Bauer einzusehen,
dass man gegen solche Schädlinge activ
sinschreiten muss; während man sie früher sogar
‚ütterte, Man kochte Milchspeisen und dieselben am
Rande der Felder vertheilend, glaubte man, diese
Jadurch schützen zu können, oder man verstreute
Brotstücke im Felde etc.
Die obige Sitte, Aeste in’s Opferblut zu tauchen,
soll auch bei den Letten vorkommen, wie mir ein
‚ettischer Commilitone in Dorpat erzählte ; aber leider
aabe ich die Details seiner Erzählung vergessen.
Kehren wir wiederum zur Besprechung des Herdes
zurück, so sehen wir, dass auch der Priester seine
Gemeinde nach Rauchen zählt, armenisch Cux (&»« u)
zenannt, und es ist nicht uninteressant, zu wissen,
lass der Ausdruck Cux in der Bedeutung „Familie“
yusschliesslich in diesem mit dem religiösen Cultus
zusammenhängenden Usus vorkommt, Wenn man
wissen will, ob ein Priester in materieller Hinsicht
zut oder schlecht gestellt ist, so frägt man nach der
Anzahl der ihm gehörenden Cuxe. „Jener Priester hat
zo und so viele Cuxe“ (wj% „pur utu uryuput Sache
1„%h), bedeutet den Grad seines Wohlstandes, In einem
ınd demselben Dorfe können zwei Priester ganz unzleich
grosse Gemeinden haben, da jeder Priester,
‘he er seine priesterliche Weihe von dem Bischofe
srlangt, die Zustimmung so und so vieler Familien
arhalten muss, über die er später sein Amt zu vollziehen
hat; auf diese Weise ist der Priester voräufig
nur auf jene Familien angewiesen, bis er
;päter durch seine Tüchtigkeit mehr erlangt oder
‚uch von den vorhandenen verliert.