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der Schuscha trägt, von noch höheren Bergen umgeben,
und die Schluchten und Abgründe, welche
zwischen diesen Kolossen liegen, sind unergründlich,
grauenerregend, zumal an einer Stelle, wo der Fels
ebenso senkrecht abfällt, als die auf ihm erbaute
Mauer und wo zur Zeit der Melik’s und Chan’s die
zum Tode verurtheilten Verbrecher hinuntergestürzt
worden waren. Am herrlichsten ist aber der Anblick
nach Norden, in der Richtung, in der sich der Gebirgskessel
nach der Niederung öffnet. Hier erblickt man
unmittelbar unter sich den ganzen, kreisförmig von
hohen Bergzacken umfassten Höhenzug mit dem
lieblichen Chan-Kerdi (das Dorf des Chans), welches
als kleiner Punkt erscheint. Lässt man das Auge
über den Rücken der Berge streifen, so findet man
bald den Punkt, wo der Eingang zu dem Gebirgsthore
ist, und durch dasselbe sieht man auf die über
20 Meilen breite Steppe und kann, zumal in der
Abendbeleuchtung, den majestätischen Zug des ganzen
Kaukasus erkennen.“ Der erwähnte „Eingang zum
Gebirgsthore“ war in der Zeit der Melik’s und vielleicht
noch früher durch ziemlich lange Mauern und
Thürme befestigt, die bis jetzt noch im Ganzen
wohlerhalten dastehen. In ihrer Art erinnern sie, allerdings
in sehr kleinem Massstabe, an die chinesischen
Mauern zum Schutze vor denselben wilden turanischmongolischen
Horden.
Mit dieser oberflächlichen Beschreibung des Landes
veabsichtigte ich, eine Vorstellung zu geben, inwiefern
seine natürliche Beschaffenheit dazu beitragen musste,
die in ihm wohnenden Armenier vor fremden Ueberfällen
und Einflüssen möglichst frei zu halten. Vielleicht
nirgends in Armenien hat sich das armenische
Wesen so rein und unvermischt erhalten, wie in
den historischen Distrieten Artzach und Siunik. Das
ist der Eindruck, den man von Schriften der über
die Schicksale dieses Landes berichtenden Historiker
empfängt, dieses der Eindruck, den man bekommt,
wenn man die jetzt dort wohnenden Armenier betrachtet.
Daher kann wohl mit vollem Rechte der hervorragende
armenische Forscher Pater Lxox ArıscHAN
sagen !): „In Armenien erscheint nirgends, mit Ausnahme
der Urprovinz Ararat (die Gegend am Fusse
1) Pater Leon Anıscnan wird im nächsten Jahre eine von
seinen werthvollen Arbeiten über die Provinz Siunik erscheinen
lassen, wie er in Ähnlicher Weise historischzeographische,
culturhistorische u. dgl. Beschreibungen über
die drei wichtigsten Provinzen Armeniens herausgegeben hat
Auszugsweise fand ich einen Artikel aus dem zu erscheinenden
Werke in der Zeitschrift „Bazmavep“ 1891, December,
S. 321 ff., den ich hier benütze.
les grossen Ararat, mit dem Centrum Etschmiadzin,
lem alten Artaxata, dem Eriwan), das armenische
Wesen so richtig wie in Sisakan (Ufemul ufnuns)).
Jie Bewohner dieser Provinz haben einen starren Sinn
ürdie Erhaltung ihres nationalen Geistes und der Sitten
sezeigt, weil sie sehr viele Ueberreste und Denkmäler
hrer Vorfahren, sowohl schriftliche als auch mündiche,
hatten, und obwohl sie am wenigsten sich der
ıerrschenden Ordnung fügten, haben sie sich doch
‚ein erhalten. Die Ursache dieser Thatsache ist zum
"heile sicher in dem freiheitsliebenden Charakter
ler Bewohner zu suchen und zum Theile in der
genen Tapferkeit, die, gestützt auf die geographisch
este Lage des Landes, sie von fremder Herrschaft
ange Zeit frei hielt,
Eine andere Hauptursache ist, dass, während zur
Zeit der Herrschaft der Arsakiden in Armenien der
Name und die Macht der alten Armenier geschwächt
vorden war und auch nach dem Sturze der Arsakiden-Jynastie
während der Bagratiden - Herrschaft nur
lie Fürsten von Siunik Hajkazantz (armenisch)
zenannt wurden, sie allein es gewesen sind, die sowohl
früher als auch später beständig diesen Namen
‘ührten.“
Während in vielen armenischen Provinzen auswärtige,
eingewanderte Fürstengeschlechter zur Herrschaft
gelangten und, von den fremden Dynastien
so von den Arsakiden) besonders begünstigt, zu
srosser Macht und Berühmtheit kamen (die Artzouıier,
Mamikonier, Bagratunier etc.), blieben in Siunik
om Anfang unserer Geschichte an immer ein-‚eimische,
haikanische Fürsten die Herren des Landes;
‚ine grosse Bedeutung für das ganze Land aber zu
ırhalten, waren sie nicht im Stande. Die sagenhafte
Yorgeschichte über die Abstammung dieses Fürstenzeschlechtes
finden wir bei Moses von Choren,
lem grössten armenischen Historiker aus dem V. Jahrıundert
n. Chr., in folgender Weise erzählt 9):
„Aber dem Gegham (nach Moses von Choren
ler fünfte Sprosse der Urahnes der Armenier, des
laik) ward nach Verlauf mehrerer Jahre in der Stadt
\rmavira der Sohn Harma geboren. Er überliess
lem Harma die Stadt Armavira sammt den Einwohnern
und wanderte selbst zu einem anderen
3erge im Nordosten, der am Ufer eines Sees lag.
£r baute hier am Ufer des Sees Wohnungen, be-/ölkerte
das Land und benannte es nach seinem
Namen Gegh (4-47), die Wohnorte aber Geghak‘uni
1) Cf. Moses von Choren, Geschichte der Armenier,
881, Buch I, Cap. 12.