32
Wie schon erwähnt, haben nach Nemrıne’s Ansicht die
Steppen und steppenähnlichen Gebiete der Vorzeit für die
ältesten Stufen der menschlichen Culturentwicklung wahrscheinlich
eine viel grössere Rolle gespielt als der Wald.
Jedenfalls — meint Nemrıne am Schlusse seines Werkes —
dürfen wir es als sicher bezeichnen, dass die wichtigsten
Culturstufen des Jäger- und Hirtenlebens vorzugsweise in
waldarmen Steppengegenden sich entwickelt haben, nicht in
Ländern, welche mit undurchdringlichen Urwäldern bedeckt
waren. Wir pflegen heutzutage vom Standpunkte der abendländischen
Civilisation ziemlich geringschätzig auf die Cultur
der nomadisirenden Hirtenvölker, welche die östlichen Steppen
bewohnen, herabzusehen ; aber vom wissenschaftlichen Standgunkte
aus betrachtet, stellt uns die Lebensweise jener Hirtenvölker
eine sehr wichtige Culturstufe des Menschengeschlechtes
lar, und so können wir denn auch die Steppen Asiens und
Europas als solche Gebiete bezeichnen, welche auf die Entwicklung
gewisser Stufen der menschlichen Cultur einen
grossen Einfluss ausgeübt haben und deshalb unser Interesse
‘N hervorragendem Grade in Anspruch nehmen dürfen.
Das vorliegende Werk Nzmrına’s ist trotz seiner vielen
zoologischen Einzelheiten ungemein fesselnd geschrieben. Wenn
NeuRıng sich auch vorwiegend mit der Thierwelt der Tundren
and subarktischen Steppen beschäftigt, so eröffnet er uns
doch einen weiten Fernblick auf die Culturgeschichte des
Menschen in einer Zeit, die bisher in vorgeschichtliches Dunkel
gehüllt war, Wenn sich auch gegen Neuxıne’s Schluss-(olgerungen
aus dem Vorkommen einzelner Thierreste Einwendungen
erheben lassen, so ist seine „Steppentheorie“ im
Ganzen doch unzweifelhaft wohl begründet und sie bildet
‚ortan eine der sichersten Grundlagen der Anthropologie.
M. Wilekens.
12
Buschan, Georg. Ueber prähistorische Gewebe und
Gespinnste. Untersuchungen über ihr Rohmaterial,
ihre Verbreitung in der prähistorischen Zeit im
Bereiche des heutigen Deutschlands, ihre Technik,
sowie über ihre Veränderung durch Lagerung in
Jer Erde. Kiel, Gnzvxow und von GELLHORN, 1889.
10, 32 8.
Seit GorrFrrieD SeMmPER pflegt man den Anfang aller künstıerischen
Bethätigung des Menschen in die Textilkunst zu
verlegen; merkwürdig genug, dass die Geschichte gerade
lieser Kunst über das gothische Mittelalter hinauf bis vor
Kurzem fast vollständig unbekannt gewesen ist. An schriftlichen
Nachrichten aus dem Alterthum, die das textile Gebiet
detreffen, ist zwar kein Mangel; aber die Ungenauigkeit und
Vieldeutigkeit dieser Nachrichten und die Schwierigkeit ihrer
[nterpretation liessen die Forschung nicht zu befriedigenden
Resultaten gelangen. Erst die Funde aus südrussischen und
Agyptischen Gräbern haben uns in dieser Richtung einen
klareren Einblick verschafft. Nun stammen aber die frühesten
unter diesen Funden aus hellenistischer Zeit, tragen daher
durchwegs den Stempel eines sehr vorgeschrittenen Culturzustandes;
um primitivere, den Anfängen näherstehende Veraältnisse
kennen zu lernen, schienen jene Funde wenig geeignet,
Glücklicherweise haben sich trotz der Vergänglichkeit des
Materials auch textile Hinterlassenschaften solcher Völker
>rhalten, die in Folge ihrer geographischen Isolirung bis in
‚erhältnissmässig späte Zeit herab ausserhalb der Geschichte
zestanden und auf einer mehr oder minder urwüchsigen
Julturstufe stehen geblieben sind.
Der textile Gräberinhalt, den uns die prähistorischen
Völker Mitteleuropas hinterlassen haben, ist sogar ein ziemlich
ımfangreicher. Da er über ein weites Gebiet verstreut und
zum Theil dem eingehenderen Studium schwer zugänglich
st, so darf man es G. Buscuan nur zu Dank wissen, dass
ır zunächst auf absolute Vollständigkeit verzichtet und uns
in der vorliegenden Schrift die Ergebnisse seiner auf ein auszewähltes
kleineres Material aus Deutschland basirten Untersuchungen
mitgetheilt hat,
Die Hauptfragen, die sich BuscmAn gestellt hat, galten
lem Rohstoff und der Technik der prähistorischen Gewebe
Jeutschlands. Die Funde geben hierauf so präcise Antworten,
lass sich dieselben in wenige Sätze zusammenfassen lassen,
Norddeutschland kennt bis auf die Zeit des eindringenden
ömischen Einflusses herab als Rohstoff nur Wolle, und zwar
»los dunkle, niemals weisse Wolle, in technischer Beziehung
los die Taffetbindung: beides gleich charakteristisch für
»rimitive Zustände. Dem Textilhistoriker drängt sich hiebei
ıur noch der Wunsch auf, zu erfahren, ob sich an einzelnen,
wo nicht an sämmtlichen Funden der norddeutschen Bronzezeit
nicht etwa die Ripsbindung vorfindet — bekanntlich eine
»esondere Art der Taffetbindung, die der aus guten Gründen
“ur die älteste Webetechnik gehaltenen Wirkerei zu Grunde
liegt. Süddeutschland hat dagegen zur selben Zeit bereits die
Fasern des Flachses verarbeitet, was wahrscheinlich aus einer
rühen Berührung mit der mittelländischen Cultur zu erklären
st. In Norddeutschland dringt der Flachs erst in der Zeit
:ömischen Einflusses ein; daneben behauptet sich hier aber
ortdauernd die Wolle, wobei es gleichfalls auf südlichen Einluss
zurückzuführen sein wird, dass an diesen Wollgeweben
ler Eisenzeit nun auch die Körperbindung auftritt und mit
ler Zeit sogar überwiegt. Im Flachsleinen hält man dagegen
ıllezeit an der Taffet- oder Leinwandbindung fest,
Bemerkenswerthe negative Ergebnisse der BuschHaAn’schen
Jntersuchungen lauten auf das Nichtvorhandensein von Hanf
ınd Baumwolle unter den Rohstoffen, der Atlasbindung unter
len Textiltechniken des prähistorischen Deutschland.
Auch die Vorstellungen, die sich BuscHAn von den Anängen
der Textilkunst über die Entstehungszeit der präılstorischen
Funde hinauf macht, verdienen Beachtung. Trotz
les augenscheinlich hohen Alters der (bereits in der neoithischen
Steinzeit nachweisbaren) Textilkunst verhehlt sich
3uscHAN nicht, dass mit der Erfindung des Spinnens und
Vebens ein Abschnitt der Culturgeschichte beginnt, dem
jereits ein sehr umfassender primitiverer vorangegangen sein
nuss, Es ergibt sich dies aus der einfachen Erwägung, dass
ı1as dem Verlangen nach gewebter Kleidung zu Grunde liegende
3Zedürfniss nach Schutz des Leibes vor den Unbilden der
Vitterung bereits einen verhältnissmässig verfeinerten Culturjustand
zur Voraussetzung hat, Die älteste Veranlassung zur
Zedeckung des Körpers bot nach Analogie der Verhältnisse
ei den heutigen Naturvölkern und selbst auf Grund schrifticher
Ueberlieferung (Genesis) das Schamgefühl: das älteste
Cleidungsstück war somit der Gürtel, dessen Herstellung
‚ur Erfindung der Weberei kaum den Anstoss gegeben haben
nochte. Der Kunsthistoriker darf hinzufügen, dass nebst dem