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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 11=21.1891

_ [7N —

Dass wir jene Quelle, jenen ersten Anstoss in der
ägyptisch-vorderasiatischen Kunst zu erblicken haben,
welche im Westen, hauptsächlich durch die Vermittlung
 phönikischer Seefahrer, von den Etruskern aufgenommen
 wurde, ist ein Axiom, an dem heute wohl
Niemand zweifelt. Dort, im Osten, liegt die breite, mit
dem Boden verwachsene Basis jener weitwirkenden
Kunstsphäre; dort ist die Urheimat jener freigebigen
Darstellungen aus dem Leben der Könige und der
Völker, der figurenreichen Bildwerke, aus welchen wir
die Gestaltung des Menschendaseins am Nil, am
Euphrat und am Tigris so trefflich wieder aufbauen
Können.
Wenn die Zeugnisse dieser Kunst schon in Phönikien,
 wo ägyptischer und vorderasiatischer Stil sich
kreuzt, hinsichtlich ihrer culturgeschichtlichen Verwendung
 zweifelhaft werden, so ist dies noch mehr der
Fall auf dem Boden Italiens und natürlich noch viel
mehr in den Alpenländern oder gar im Donauthale,
aus welchem unser heute vorliegendes Fundstück
stammt. Schon für Phönikien ist die Frage der selbstthätigen
 Betheiligung an dieser Kunst von den
Archäologen verschieden — von Brunn und FUuRT-WÄNGLER
 in absprechendem, von HELBIG in günstigerem
Sinne — beantwortet worden. Noch dunkler wird die
Sache im ferneren Westen und Norden. Ich will nicht
auf die in früheren Jahren vorgebrachten Ansichten
zurückgreifen; heute glaube ich dafür eintreten zu
können, dass die ganze weitere Entwicklung zu dem,
was hier vorliegt, eingeschlossen die Fabrikation dieses
Stückes, auf dem Boden Italiens vor sich gegangen
ist. Den wesentlichsten Antheil daran hat Etrurien,
dieser Magnet für fremde Einflüsse.
In Etrurien, bei einem reichen und kunstliebenden,
in der Kunst aber vorwiegend nachahmenden Volke, hat
im Laufe der Zeit ein grosser Wechsel stattgefunden;
man ist von den orientalischen Vorbildern und vom
orientalischen Import zur Aufnahme des Griechischen
fortgeschritten. In der Zeit, aus der unsere Situla
stammt, stand Etrurien unter dem Zeichen griechischen
Einflusses. Die Darstellung der Situla zeigt uns etruskische
 Festsitte in alterthümlichem, orientalisirendem
Gewande, das aber die Einwirkung des griechischen
Tlementes bereits erfahren hat. Nur ist diese KEinwirkung
 nicht die mächtige, kraftvolle, die wir in echt
struskischen Werken aus jener Zeit gewahren. Wir
haben kein echt etruskisches Werk vor uns, wie man
Früher in einem ähnlichen Falle, bei der Situla von
Watsch, gemeint hat.
Die echten Etrusker des V. und IV. Jahrhunderts
vor Christo würden sich wahrscheinlich bedankt haben,
wenn man eine solche Arbeit auf ihre Rechnung hätte
setzen wollen. Die Situla und was ihr zunächst steht
an verwandten Werken, ist hervorgegangen aus einem
Lande, das etruskische Provinz War, bis es um 400
vor Christo grösstentheils von den Kelten erobert wurde,
Bewohner dieses Landes waren die italischen Umbrier
und die illyrischen Veneter, Das Land selbst, Oberitalien
 oder die Poebene, ist in geographischer und geschichtlicher
 Beziehung als ein Mittelglied zwischen

jer Apenninhalbinsel und dem ‚centraleuropäischen Alpenzebiete
 aufzufassen. Schon im Alterthum wusste man
lie potamischen, continentalen KExistenzbedingungen
Jlieser Landschaft gebührend zu würdigen und rechnete
je lange Zeit nicht zu Italien. Hier erblühte unter der
Terrschaft der Etrusker, aber im Schoosse spröderer
Zolkselemente, welche den Anhauch der vorderasiatischen
 und griechischen Cultursphäre (von zweifelhaften
lirecten Einflüssen abgesehen) nur durch die Vermittung
 der Etrusker erfahren hatten, erstaunlich lange ein
ılterchümliches Gewerbe in der Herstellung getriebener
3ronzegefässe, welche wieder naturgemäss weiter im
Norden, im Alpengebiet und darüber hinaus bereitrillige
 Abnehmer fanden, Geschätzt waren diese Arbeiten
zumal dann, wenn sich die technisch geschulte Hand
les Treibkünstlers auch in der Darstellung figuren-'eicher
 Scenen bewährt hatte, wie sie weiter unten auf
ler Halbinsel, jenseits des Apennins, allerdings viel
ınziehender, in Erz und Stein, in Thon und Farben,
jeliebt und üblich waren. Es spinnen sich reiche Fäden
lirecten gegenständlichen Zusammenhanges von echt
;truskischen Werken, die unter dem Kinflusse der
‚öchsten griechischen Kunstblüthe stehen, wie die
3ceulpturen an dem Marmorstuhle im Palazzo Corsini
auf welche schon BENNDORF in diesen Mitth., Bd. XIV.,
3. 44, hinwies), hinüber zu den steifhölzernen Darıtellungen
 von Opfern, Gelagen, Wettkämpfen, die wir
zu unserer Ueberraschung im Save- und im Donauzebiet
 aus der Erde hervorziehen. Bemerkenswerth ist,
lass der freie Stil der griechischen Zeichnung in
liesem Falle den Apennin nicht überschritten und dass
sich der Einfluss der Friessculpturen des Parthenon
ıllenfalls auf einem trommelförmigen etruskischen Sessel,
aicht aber auf den kegelförmigen Eimergefässen der
struskischen Provinzialen in Oberitalien erkennen lässt.
Jas ist merkwürdig; aber wir werden es keineswegs
"äthselhaft finden, wenn wir uns beispielsweise das
Tortleben des byzantinischen Stiles auf der Balkanıalbinsel
 vor Augen halten,
Die Situla von Kuffarn zeigt uns auf ihrem einzigen,
 friesartig um das Gefäss herumlaufenden Bildstreifen
 eine Reihe von Festscenen. Im Vergleiche
zu den Darstellungen der Eimer von Watsch und aus
ler Certosa von Bologna sind die einzelnen Gruppen
2ier enge zusammengedrängt, Auf der Situla von
Natsch dehnt sich das Reiten und Wagenfahren über
lie. ganze obere, das Festgelage und der Faustkampf
iber die ganze mittlere Zone aus,
Auf dem Certosa-Eimer sind beide obere Zonen
zinem einzigen Aufzug von Kriegern und Opferern,
ner Pompa, gewidmet. In der dritten Zone finden wir
jereits jenes unklare Gemisch von Scenen verschiedener
Zedeutung, wie sie anderwärts, z. B. auf der Situla
Zenvenuti von Este (Prosdocimi, Este, Taf. VI, 1°) noch
unter durcheinander gewürfelt sind, Trotz der knappen,
‚bbreviirten Fassung auf der neugefundenen Situla ist
lie Scenenfolge klar und dadurch besonders lehrreich ;
wir sehen eine festliche Bewirthung und Spiele, die
sich wieder in einen Faustkampf, ein Wettrennen zu
>erde und ein solches zu Wagen auseinanderlegen.
            
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