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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 11=21.1891

— 159]

Fund einer Bronze-Situla mit figuralen Darstellungen
in Niederösterreich.
Ein hochwichtiger Fund ist gegen Mitte des Monates
Juni in Niederösterreich gemacht worden, dessen Retsung
 und Conservirung wir unserem hochverdienten
Mitgliede, Herrn P. LAMBERT KArRNnER, Pfarrer in Brunnkirchen,
 verdanken. Einer brieflichen Mittheilung desselben
 verdanken wir die nachfolgenden Daten.
„Der neueste Fund, dessen Gegenstände sich in
meinem Besitze befinden, ist eine Bronze-Situla mit
getriebenen figuralen Darstellungen in sehr feiner Ausführung,
 mit Ross und Wagen, kämpfenden Männern
und anderen figuralen Darstellungen, die männlichen
Figuren mit ähnlicher Kleidung und Kopfbedeckung
wie die rechts neben den kämpfenden Kriegern stehende
Figur am Watscher Gürtelblech. Die Situla hat dieselbe
 Form wie die Watscher; leider ist dieselbe nur
zur Hälfte erhalten, Ausserdem fand ich einen grossen
Bronzelöffel mit 37 em langem gehämmerten Stiel,
dessen Schale 10 cm im Durchmesser und 5 cm Tiefe
nat und einen nach innen getriebenen Boden besitzt:

ler Stiel ist mit drei Armen an die Schale genietet.
Ausserdem erhielt ich ein 39cm langes, geschweiftes
äsernes Schwert!) mit kurzer Handhabe und drei
Lanzenspitzen aus Eisen, eine davon breit, die beiden
anderen schmal, 25, 18 und 15 cm lang, sowie einen
Scherben von einem grossen, dickwandigen Thongefässe,
lie Aussenwand fein geglättet und graphitglänzend.
Der Fundplatz ist zwischen Meidling im Thale und
Statzendorf ?), knapp an der nach St. Pölten abzweisenden
 Strasse nächst Walpersdorf, wo ein Skeletgrab
n einer Schottergrube aufgefunden wurde, etwa 50 cm
ınter der Oberfläche. Das Grab war leider bei meiner
\nkunft schon zerstört, die Fundgegenstände zum Theil
ın verschiedenen Händen, die Situla im Schotter bezraben.
 Das Skelet lag mit dem Kopfe gegen Ost,“
Wir beglückwünschen Herrn P. KARNER von ganzem
Terzen zu diesem hochinteressanten Funde; eine genaue
Zeschreibung und Abbildung wird erst die grosse
Wichtigkeit desselben in’s klare Licht setzen.
1) Wahrscheinlich ein sogenanntes Hackmesser,
2) Südlich von dem bekannten Stifte Göttweig.

Am 18. Juni starb nach langem schweren Leiden unser correspondirendes
Mitglied, Herr

Dr. Otto Tischler,
Director des Museums der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft in Königsberg,

Mit seinem Dahingange verliert die Urgeschichtsforschung einen ihrer
begeistertsten Anhänger, die Wissenschaft einen ihrer kenntnissreichsten Vertreter.
Seine ausgezeichneten Arbeiten über die ostpreussischen Gräberfelder sind ein Muster
streng wissenschaftlicher Durcharbeitung eines auf praktischem Wege gewonnenen
Materiales. Von diesen localen Forschungen wandte er seinen Blick schon seit
Jahren nach allen Richtungen, so dass er als der beste Kenner der prähistorischen
Sammlungen Mitteleuropas gelten konnte. Seine Studien über Form und Verbreitung
 der Fibula sind ebenso wie seine eingehenden Forschungen über Glas
und Email (speciell Glasperlen) als bahnbrechend zu bezeichnen. Leider war es
ihm nicht vergönnt, gerade die umfassenden und schwierigen Arbeiten über
letzteres Gebiet der wissenschaftlichen Welt vorzulegen. Sein Name wird fortleben
in der Geschichte unserer Wissenschaft, sein Andenken unvergessen bleiben seinen
zahlreichen Freunden und Verehrern!
            
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