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Denkschriften der Wiener Akademie der Wissenschaften
sind voll von grammatischen Abhandlungen, welche
sich mit einzelnen wichtigen Capiteln der slavischen
Grammatik näher beschäftigen. Ich erwähne nur seine
schöne Arbeit über die Verba impersonalia, die Negation
im Slavischen, die Wurzeln des Altslovenischen
a. 8. W.
Aber MırxLosıcn war nicht nur Grammatiker, er
war auch Sprachforscher in höherem Styl. Nachdem
einmal jene grammatischen Hauptarbeiten erledigt waren,
widmete er seine Kraft mit Vorliebe linguistischen Aufgaben,
durch welche zugleich historische und culturgeschichtliche
Themata ihre Beleuchtung und Förderung
erfuhren. Mit einer Sprachgelehrsamkeit und Vertrautheit
mit den Quellen ausgestattet, wie sie nach ihm
kaum Jemand besitzen dürfte, warf MıxLosıca sich nun
auf eines der schwierigsten aller linguistischen Gebiete:
das Gebiet der Fremdwörter in den verschiedenen slavischen
und überhaupt den südosteuropäischen Sprachen.
Es ist damit der Aufhellung des Völkerverkehrs und
Culturgangs für alle von MıxLıosıcy untersuchten Gebiete
die sicherste Basis untergeschoben und unbeschreiblich
die Fülle interessanter culturgeschichtlicher Thatsachen,
die hier rein mit linguistischen Mitteln constatirt
erscheinen. Mıx1.osıch begann die diesbezüglichen Untersuchungen
im Jahre 1867 mit der Abhandlung über
die Fremdwörter in den slavischen Sprachen, der sich
analoge Forschungen über die fremden Elemente im
Albanesischen, die slavischen Elemente im Magyarischen,
die türkischen Elemente in den südost- und osteuropäischen
Sprachen anschlossen,
Aber auch allgemein culturhistorischen Fragen trat
MıxLosıcH gern auf linguistischem Boden näher, und
er hat so durch seine grossen Abhandlungen über die
Bildung der slavischen Eigennamen und Ortsnamen
(aus Personennamen und Appellativen), über die slavischen
Monatsnamen, die christliche Terminologie in
den slavischen Sprachen u. A. m. die bedeutsamsten
Beiträge zur Kenntniss der slavischen Völker und ihres
Culturganges geliefert.
Der Kreis slavischer Philologie, dessen anerkannter
Altmeister MıkLosıcH war, wurde vollständig durchmessen,
indem der Gelehrte auch der Volkspoesie und
der Volkssitte der slavischen Völker seine Thätigkeit zuwendete.
Seine Beiträge zur Kenntniss der slavischen
Volkspoesie, insbesondere seine Mittheilungen über die
Volkspoesie der Croaten, sodann die feinsinnige Entwicklung
der Darstellung im slavischen Volksepos, wo
ar Grıimm’s Feinfühligkeit mit STEINTHAL’schem Scharfblick
verbindet, endlich seine bekannte grosse Arbeit
über die Blutrache bei den Slaven weisen MırkLosıch
für alle Zeit einen Ehrenplatz auch unter den Erforschern
der Volkspoesie und der Volkssitte an,
Veber den Kreis des slavischen Cultur- und Sprachgebietes
ist MıkLOosıcH neben einigen kleineren Abhandlungen
hauptsächlich mit dem monumentalen Werke
hinausgetreten, das er den Mundarten und Wanderungen
der Zigeuner Europas widmete. Nicht weniger als 13
von MiıkLosıch aufgestellte Dialecte werden hier analysirt;
die Verbreitung des Zigeunervolkes vom griechischen
Centrum aus wird mit sprachlichen Mitteln ver-’olgt
und eine Unmenge folkloristischen Materials geht,
anser volles Interesse beanspruchend, nebenher mit.
Dies Werk ist ein würdiges Gegenstück im Style der
modernen Sprachwissenschaft zu dem berühmten Zigeunerwerk
des alten Porr aus den Anfängen der Sprachvergleichung.
Dies das fast unübersehbare Bereich der Gegen-;tände,
über welche sich Mıx1osıch)s wissenschaftliche
"hätigkeit erstreckte,
Einige Worte über die Eigenart von MiırxLosicmh's
Forschung und seine eigenthümliche Behandlungsweise
wissenschaftlicher Fragen mögen hier‘ passend angeıchlossen
werden.
MixgxLosıcH ist öfter mit Grimm verglichen worden,
ınd in der That ist seine Stellung in der slavischen
Sprachwissenschaft derjenigen Grımm’s in der deutschen
„‚inguistik mindestens gleichwerthig. Aber Grimm ist
loch ein ganz anderer Geist als Mırxınosıcy, die Richung
seines Einflusses ist eine ganz andere als bei dem
Slavisten.
In MiıxLosıcH vermisst man jenen divinatorischen,
'ast dichterischen Zug Grımm’s, der ihn zu einem un-‚ergleichlich
tiefen Verständniss aller sprachlichen Er-‚cheinungen
befähigte; der ganze tiefsinnige Blick
3rRıMM’'S für alle Schöpfungen des Volksgeistes, für
Märchen und Sage, Mythos und naive Rechtssymbolik
“hlt MızLosıocn, der dafür durch grössere geschichtliche
Beherrschung seiner Themen, durch seine mehr
ıüchterne, rationalistische Auffassung ausgezeichnet ist.
VIKLOSICH'S Art zu forschen und darzustellen verläuft
laher auch meist darin, aus der ungeheuren Rüst- und
Zeugkammer, die ihm zur Verfügung stand, mit Gelehrsamkeit,
Kritik und Umsicht das Material zusammenzutragen
und nach seinen jeweiligen Gesichtspunkten
zeordnet und gesichtet einfach mitzutheilen, ohne die
30 lockende culturgeschichtliche Synthese daraus irgendvie
zu liefern. In seinen Arbeiten steht so meist die
rolle Frucht noch überall auf den Halmen; er hat
ıngeheure Bodenstrecken der Wissenschaft urbar genacht,
bepflügt, besäet — die eigentliche Ernte, die
ıns das Brot verschafft, ist vielfach den Nachkommenden
iberlassen. Damit soll nun nicht etwa gesagt werden,
lass der Altmeister der Slavistik nicht auch selbst
eife Früchte gepflückt und dargeboten habe; seine
\rbeiten über slavische Volksepik und ihr Wesen, über
Jie Blutrache bei den Südslaven u. sS. W. zeigen, was
roll ausgetragene Werke MıxLosıch's sind,
Wer MixL.osiohs Andenken würdig ehren will, darf
zuch seine volle und strenge Objectivität und unbestechiche
Kritik nicht unerwähnt lassen. Niemals hat er
lem lebhaften Nationalgefühl des Slaven auf dem Boden
ler Wissenschaft mitzusprechen gestattet, und er hat
sich stets dafür bemüht, dass auch im Kreise seiner
Fachgenossen der strengen unparteiischen Wahrheit die
Ehre gegeben werde, Er hat nie etwas von Gelehrten
yehalten, deren falscher Patriotismus — wie er sich
zelegentlich einmal in einer seiner Arbeiten ausdrückte
— grösser ist als ihre Kritik,