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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 9=19.1889

[142]

schiedene Verhältnisse bei Affe und Mensch. Wenn
wir sonach bei den Schädeln „niederer Rassen“
sehen, dass sich bei ihnen der obere Jochbogenrand
 weniger von der Horizontalen entfernt, dass
sich, mit anderen Worten, bei ihnen nach vorne
der Jochbogen gegen die Horizontale gleichsam
zuneigt mehr und häufiger als beim Europäer, so
ist das nicht etwas, wodurch die niederen Rassen
jem Affen ähnlicher werden. Es ist vielmehr
zuch eine von den überlebenden Formen aus der
‘ndividuellen Entwickelungsgeschichte des Menschen,
wie wir sie für die Bildung der Nase und der
Augenlider bei einzelnen Individuen unserer Rasse
fanden. Wir haben es auch hier mit einem Ueberlebsel
 aus der kindlichen Entwickelung zu thun,
und wir sehen bestätigt, was ich schon früher
Jurch andere Untersuchungen gefunden habe, dass
bei niederen Rassen, wenn wir von den Körperproportionen
 absehen, in welchen sie den Europäer
überragen, sich namentlich in der Bildung des
Gesichtes Formen finden, welche sich mehr an das
jugendliche Alter anschliessen, während sich der
Europäer im Allgemeinen in Beziehung auf diese
Bildung weiter von der Jugendform entfernt und
ın dieser Beziehung eine höhere individuelle Entwickelungsstufe
 erreicht als der Wilde.
Herr Geheimrath Waldeyer:;: Menschen- und
Affen-Placenta.
Auf der vorjährigen Versammlung der Deutschen
 Anthropologischen Gesellschaft in Bonn hatte
ich die Ehre, Ihnen über den Bau des Gorilla-Rückenmarks
 vorzutragen. Ich folgte dabei dem
{eitenden Gesichtspunkte, dass der Anthropologe
nicht nur dem Menschen, sondern auch denjenigen
Geschöpfen, welche dem Menschen unzweifelhaft
am nächsten stehen, seine Aufmerksamkeit zu
widmen habe. Seit einmal die Frage aufgeworfen
ıst, ob der Mensch als ein ganz besonderes Wesen
geschaffen sei, oder ob er — wenigstens seinem
Körper nach — als ein Glied in die Reihe der
übrigen Lebewesen gehöre, können wir einer ernsten
Berücksichtigung der sogenannten „Anthropoiden“
ınd der „Affen“ überhaupt in der Anthropologie
ans nicht entrathen.
Besonders wichtig erscheinen hierbei alle entwicklungsgeschichtlichen
 Verhältnisse, denn wir
wissen seit langem, dass die meisten morpholozischen
 Beziehungen der Organe weit klarer in
deren ersten Anfängen uns gegenübertreten, als in
‚hrer endgültigen Ausgestaltung.
Für die ganze Klasse der Säugethiere, zu
welcher, seinen körperlichen Verhältnissen nach,
auch der Mensch gehört, ist aber kaum eine wich-‚igere
 Beziehung namhaft zu machen, als jene

Zinrichtung, durch welche das junge Wesen vor
‚einer Geburt mit seiner Mutter verbunden ist,
ınd durch welche also während der ganzen soge-1annten
 fötalen Periode dasselbe ernährt, erhalten
ınd ausgebildet wird. Hier, in der Verbindung
‚wischen Mutter und Frucht, finden sich aber in
{er Reihe der Säugethiere sehr merkwürdige Verchiedenheiten,
 die bis jetzt völlig unerklärt ge-\lieben
 sind. Man kann vornehmlich drei Arten
ijeser Verbindung unterscheiden, Der einfachste
"all ist der bei gewissen Ungulaten und, so viel
vir wissen, bei den Walthıeren vorgefundene.
Jier treibt die Frucht von ihren umhüllenden
Iäuten aus zottenförmige Vorsprünge, welche in
ıntsprechende Vertiefungen der mütterlichen Uterinıchleimhaut
 hineinragen. Die einfachen oder nur
cnapp verästigten fötalen Zotten sind reich mit
3Zlutgefässen versehen, ebenso die mütterliche
Schleimhaut. Indem die Zotten, wie erwähnt, in
ıntsprechende Vertiefungen dieser Schleimhaut hin-»inragen,
 kommen zwar die beiderlei Blutgefäss-:ıysteme
 in sehr nahe Nachbarschaft, doch besteht
mmer eine vollständige Trennung unter ihnen,
Sehr viel inniger gestalten sich schon die Beziehungen
 zwischen den fötalen und mütterlichen
Sefässen bei den Nagethieren und den Raubthieren,
Hier treiben die fötalen Zotten reichliche Seitensprossen,
 welche nach allen möglichen Richtungen
ain tief in das mütterliche Gewebe eindringen.
Letzteres entwickelt sich durch ausgiebige Wuche-“ung
 zu einer besonderen Bildung, welche man
Jie „Placenta“ nennt. Das mütterliche Epithel,
welches bei den Thieren der vorhin genannten
Abtheilung erhalten bleibt, geht zu Grunde; die
n der Placenta enthaltenen mütterlichen Gefässe
antwickeln sich viel reichlicher und es stellt sich
sonach eine weit innigere Beziehung zwischen
Mutter und Frucht her.
Bei der dritten Abtheilung endlich erweitern
ich die mütterlichen Gefässe zu grossen weiten
3luträumen, in welche die fötalen Zotten in einer
‚usserordentlich reichen Verzweigung eindringen.
Ta, es wird von vielen Seiten behauptet, dass dabei
liese mütterlichen Lacunen jegliche Wandbegren-‚ung
 verlieren und die fötalen Zotten sonach in
lieselben ohne trennende Zwischenschicht hinein-‚agen,
 mit andern Worten direkt vom mütterichen
 Blute umspült werden. Ich will hier nicht
1äher auf diese letztere Frage eingehen, wie ich
lenn überhaupt an dieser Stelle alles noch strittige
Detail nicht erörtern mag; ich betone aber, dass
lieser Bau -— entsprechend der dritten von mir
aijer namhaft gemachten Form — einzig und allein
aeim Menschen und bei den Affen vorkommt,
Wir besitzen hierüber ältere Untersuchungen
            
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