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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 9=19.1889

— [139] —

nischen Kraniologie; was vorlag, bot wenig Anhaltspunkte
 für das Verständniss. Hier ist jetzt
ein Atlas, der sehr bald erscheinen soll: darin
sind die Hauptrassen von Grönland bis Patagonien
nn guten Typen vorgeführt, so dass die Vergleichung
 leicht ist.
Dabei möchte ich ein Paar Punkte hervorneben.
 Unter allen den Rassen Amerika’s, deren
Schädel mir zugänglich waren, sind die niedrigst
stehenden nicht etwa die im äussersten Norden
oder die im Aussersten Süden, weder die Eskimos
10ch die Feuerländer, sondern gewisse Stämme im
Felsengebirge, welche durch die grausame Kriegführung
 mit den Truppen der Vereinigten Staaten
eine so traurige Berühmtheit erlangt haben. Unter
Ihnen stehen die Pah-Ute (oder Pah-Utah) ihrem
Schädelbau nach am tiefsten. Sie werden auch von
allen Berichterstattern als eine schauderhafte Gesellschaft
 geschildert. Auf meiner Tafel 16 sehen Sie
ainen solchen Schädel abgebildet, der unter den bezannten
 Schädeln dem eines Gorilla am nächsten
;tehen dürfte. Die Plana temporalia sind an der
Pfeilnaht so nahe an einander gerückt, dass sie
sehon eine Crista bilden, die zwar nicht scharf in
Jie Höhe geht, aber nur noch einige Centimeter
Querdurchmesser besitzt. Diesem Schädel gegenüber
 ist der Eskimoschädel auf‘ Tafel 21 ein
wahres Kunstwerk.
Ich zeige ferner ein Paar dieser Blätter, bei
Jenen ich aufmerksam machen möchte auf einen
Punkt, der nicht minder interessant ist. Auf
Tafel 22 ist der Schädel eines Es kimo-Kindes aus
Jemselben Stamme von Labrador abgebildet, von dem
auf Tafel 21 der Schädel des Erwachsenen herst ammt.
Das Kind ist in Europa gestorben und der Schädel
st genau bestimmt. Trotzdem tritt zwischen bei-Jen
 eine Verschiedenartigkeit hervor in ungewöhnücher
 Stärke. Während der Schädel der erwachsenen
 Person von extremer Lang- und Schmalköpfigkeit
 ist, erscheint der Schädel des Kindes
’ast kurzköpfig. Eine ähnliche Erscheinung zeigt
sich bei einigen anderen wilden Rassen, bei denen
Jer Typus der späteren Periode sich erst allmählich
 an den Schädeln herausbildet. Das ist
der einzige mir bekannte Fall, wo eine Art von
Transformismus sich vorführen lässt, der vom
Zind zum Erwachsenen fortgeht.
Dann will ich unter den Spezialitäten der amerikanischen
 Schädel eine hervorheben, die bisher
nicht aufgeklärt wurde. Das ist eine Abweichung,
welche vorzugsweise am Gehörgang der Peruaner
sich findet und welche darin besteht, dass der Annuus
 tympanicus, der bei Erwachsenen zu einem
Jütenförmigen Einsatz in dem äusseren Gehörgange
zeschwunden ist, an beiden Rändern anschwillt,

ınd zwar in einer solchen Stärke, dass der äussere
Jehörgang dadurch gänzlich verschlossen werden
‚ann. Ich habe die Literatur über diese auri-‚ulären
 Exostosen vor einiger Zeit zusammenrestellt
 und aus unserer anthropologischen Sammung
 eine so grosse Summe von Beispielen bei-‚ringen
 können, wie sie überhaupt aus der ganzen
„‚iteratur bis dahin bekannt waren, Bei uns
st diese Veränderung eine solche Seltenheit, dass
nan förmlich nach Beispielen suchen muss.. In
etzter Zeit habe ich- eine grosse Skeletsammlung
rworben, welche an.der Nordwestküste Amerika’s
‚emacht worden ist; dabei hat sich gezeigt, dass
‚uch unter den nördlichen Küstenstämmen eine
ıngewöhnliche Häufigkeit dieser Exostosen be-teht.
Schliesslich wollte ich Ihre Aufmerksamkeit
enken auf die Zeichenmethode, welche bei der
Jarstellung dieser Schädel zur Auwendung gebracht
vurde. Diese ist zunächst die geometrische. Ich
‚ediene mich eines von Lucae Selbst gelieferten
\pparates, der in Bezug auf die Befestigung der
schädel etwas modifizirt worden ist. Mein Zeichner
st. seit Jahren daran gewöhnt, die Schädel immer
n der Weise, natürlich in der deutschen Hori-‚ontalen,
 aufzunehmen. Die vorliegenden Ab-‚ildungen
 zeigen, dass vordere und hintere, obere
ınd untere Ansicht sich so völlig decken, dass
ie Kontouren der einen mit denen der anderen
usammenfallen. Eine rein geometrische Zeichnung
st aber für den Betrachter wenig eindrucksvoll.
I8 ist schwer, in die blossen Kontouren die
virkliche Foım hineinzudenken, gerade wie bei
ler Betrachtung architektonischer Durchschritts-Zeichnungen,
 wo nur eine grosse Uebung ermögicht,
 das räumliche Verhältniss scharf aufzufassen.
ch habe daher versucht, mit Hülfe meines Zeichners,
er sich meinen Rathschlägen gefügt hat, den Ein-‚ruck
 der Perspektive hervorzubringen, obwohl
eine wirkliche, sondern nur eine künstliche Perpektive
 gegeben wird. Eine wirkliche Perspektive
zürde sich mit der geometrischen Zeichnung nicht
ertragen. Wir haben daher ein Verfahren angevendet,
 wie es die Zeichner geographischer Karten
ür die Darstellung von Gebirgen üben, bei denen es
ich auch darum handelt, Höhen auf einem geomerischen
 Bilde” auszudrücken. Zu diesem Zwecke
‚aben wir versucht, über die geometrische Vor-‚eichnung
 der Schädel so viel Licht und Schatten
‚u vertheilen, dass der Eindruck von Höbe und
Tiefe entsteht. Einigermassen ist das gelungen,
»bgleich dadurch eine Unwahrheit entsteht. Es
war in der That ein reines Kunststück, und weder
ch noch mein Zeichner würden genau die Regel
ıngeben können, wie das gemacht werden soll.
Nir berathen über jeden einzelnen Schädel, ob
            
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