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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 9=19.1889

[127] -

nur, weil er bei Wiederkäuern und Pflanzenfressern
aine gewöhnliche Bildung ist, sondern weil er vorzugsweise
 bei niederen Rassen und, wie Gruber
zeigte, bei den verschiedensten Wirbelthieren, auch
ei Affen vorkommt. Zuerst zeigte Jaquart, dass
Jjas Os Incae keineswegs nur bei der Incasrasse
zorkomme. Die Beispiele, die er abbildet, sind,
»hne dass er dies selbst bemerkt, ohne Ausnahme
niedere Rassenschädel und alte Grabschädel; Journ,
J’Anat. et de Physiol. 1865, Pl. XXV. Für die
;jjefere Organisationsstufe spricht der von ihm in den
neisten Fällen hervorgehobene Prognathismus derzelben
 Schädel. Dass er für den Gesichtswinkel eine so
vortheilhafte Zahl findet, ist ganz werthlos, denn sein
Angle maximum giebt für den Grad der Schädelantwicklung
 keinen Massstab. Berechnet man das
Mittel aus dem Angle minimum der 7 Schädel, die
ar anführt, so ist dies nur 679°, 64. Vgl, Virchow,
Merkmale niederer Menschenrassen am Schädel.
Berlin 1875.
7. Betrachtet man den Schädel von unten in
ijer Norma basilaris, so ist die Lage des Hinter-„auptloches
 für die Entwicklung des Schädels von
zrosser Bedeutung. Es liegt bei niederen Rassen
nehr nach hinten, was zuerst Daubenton beobjachtete.
 Hier sind ferner die Grösse der Zitzen-"ortsätze,
 die Bildung der Gelenkflächen für den
Unterkiefer, die Stellung der kleinen Keilbein-Aügel,
 die Keilbeinfuge, die Form des Zahbhnbogens,
 ob er mehr elliptisch oder parabolisch
ist, zu beachten. Die erstere Form kommt bei
niederen Russen vor und an fossilen Resten. Der
Zrad der Abschleifung der Zähne deutet auf die
Nahrungsmittel und das Lebensalter. An der
Schädelbasis beobachten wir eine Asymmetrie. Das
Foramen lacerum ist auf einer Seite in der Regel
weiter als auf der andern. Nach Rüdinger
st es unter 70 Fällen 3 mal häufiger auf der
;echten Seite grösser als auf der linken. Hüängt
las mit der häufigeren Gewohnheit, auf der rechten
Seite zu schlafen, zusammen, in Folge dessen das
3lut des Gehirnes mehr auf dieser Seite abfliesst?
8. Das Lebensalter erschliessen wir aus
der Abnutzung der Zähne, zumal des ersten Molaren,
von dem wir wissen, dass er 6 Jahre älter ist
als der zweite, indem der erste im 6., der andere
n 12. Jahre durchbricht. Wir schätzen ferner
las Alter aus dem Offenstehen oder dem Schluss
der Keilbeinfuge und der Schädelnähte, aus der
Fiefe der Rinnen für die Meningea media, und
das höhere Alter aus den Zeichen der Atrophie sowohl
n den Deckknochen des Schädels, als aus der Resorption
 der Zahnalveolen, aus der ganz veränderten
Form des Unterkiefers, aus den durchsichtigen
Nänden der Orbitae und Kieferhöhlen.
Wittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien, Bd. XIX. 1889.

9, Die Körperlänge, die, wie neueste Be-‚bachtungen
 lehren, mit der Fusslänge in einem
jarallelen Verhältnisse steht, kann auch aus dem
Schädel mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit be--echnet
 werden, nämlich aus der unteren Gesichtsänge
 zwischen der Nasenwurzel und dem Kinn
ınd, wenn der Unterkiefer fehlt, auch schon aus
jer Nasenoberkieferlänge, von der Nasenwurzel
»ıs zum Ende der Schneidezähne gemessen. Da
ıäufig nur Schädel gesammelt werden, so ist es
verthvoll, wenn wir aus seinen Massverhältnissen
nen Schluss auf die Körpergrösse der betreffenden
’erson machen können.
10. In der Geschlechts-Bestimmung eines
Schädels haben‘ wir grosse Fortschritte gemacht,
Jer weibliche Schädel wird erkannt an den vor-‚pringenden
 Scheitelböckern, dem flachen Scheitel,
{en schwachen oder fehlenden Augenbrauenbogen,
{en kleinen Stirnhöhlen, der flachen Glabella, dem
eineren oberen Augenhöhlenrande, dem höheren
\nsatze des Nasenbeins, der kürzeren und mehr
‚eraden Stirne, die unter einem stärkeren Winkel
‚egen den Scheitel umbiegt, an den im allgemeinen
Jeineren Zähnen, aber grösseren mittleren Schneideäühnen
 des Oberkiefers, den feiner gezackten Schädel-‚ähten,
 den kleineren Zitzenfortsätzen, der kugelig
rorgewölbten Hinterhauptschuppe, dem nach vorn
‚uyespitzten Zahnbogen, dem feiner gebildeten Unterziefer,
 dem einfachen Höcker am Kinn, der an
hrem äusseren unteren Winkel etwas herabge-‚ogenen
 Orbitalöffnung. Diese Merkmale sind wohl
xiemals alle vereinigt, aber je zahlreicher sie vorıanden
 sind, um so sicherer können wir urtheilen.
11. Ob ein Schädel der ältesten Vorzeit
ıngehört oder neueren Ursprungs ist, wird sowohl
ın dem Zustande seiner Erhaltung als aus seinem
au erkannt werden können. Je weisser die
<nochensubstanz ist, um so mehr sind die orgaischen
 Suhstanzen, die ihn Anfangs bräunlich
äürben, ausgelaugt. Der Verlust des Fettgehaltes
ınd die Aufnahme von mineralischen Substanzen
umal des kohlensauren Kalkes geben alten Knohen
 die Eigenschaft, an der Zunge zu kleben.
jer Zustand der Erhaltung der Knochensubstanz
üngt von den besonderen Umständen der Lagerung
ier Knochen, ob in der Erde, im Wasser oder an
ıer Oberfläche ab. Je mehr Luft und Wasser
‚utreten, um so schneller geht die organische
\ubstanz verloren, die sich unter einer Stalagmitenlecke
 im Höhlenboden oder von festem Thon um-‚eben,
 Jahrtausende lang erhalten kann. Die
Verwitterung verursacht nicht selten eine schalige
\blösung der äusseren Knochentafel und erst bei
sinem gewissen Grade derselben umstricken die
Pflanzenwurzeln einen Knochen und graben sich

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