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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 9=19.1889

— 167]

sch als solche erblich übertragen, beweist nur,
Jass dasselbe Individuum Träger verschiejener
 Erblichkeiten sein kann. So ist es
jekannt, dass Jemand Eigenschaften vom Vater
and von der Mutter erben und so eine doppelte
£Erblichkeit in sich vereinigen, ja sogar Beson-Jerheiten
 zum Ausdruck bringen kann, die grossväterlichen
 oder grossmütterlichen Eigenschaften
antsprechen, während daneben andere Eigenschaften
vorhanden sind, die den Eltern angehörten. In
Jemselben Individuum vereinigt sich also
sine Summe von partiellen Erblichkeiten,
welche auf kleinere oder grössere Theile
oeschränkt sind. Es können viele solcher Theile
vorhanden sein, aber dass alle Theile überein-;timmen,
 wird man nicht konstatiren können.
Nur bei Zwillingen kommt es manchmal vor, dass
man sie ohne grosse Genauigkeit der Beobachtung
nicht mehr unterscheiden kann. Wo man sie
ıber unterscheidet, da geschieht es auf Grund
vesonderer Merkmale.
Erbliche Eigenschaften treten unter
Imständen mit einer solchen Stärke hervor,
 dass die Bildung in der That vom
Typus abweicht. Ich darf wohl daran erinnern,
Jass nicht selten Leute mit 6 Fingern und 6
Zehen geboren werden. Diese vererben ihre Eigenschaften:
 es können ganze Familien mit 6 Fingern
;ntstehen. Wenn diese Besonderheit durch Zuchtwahl
 kultivirt würde, so könnte man einen ganzen
Stamm mit 6 Fingern erzielen. Etwas Annäherndes
 existirt in Südarabien in einer Dynastie von
Hadramaut, wo nur die 6-fingrigen Nachkommen
Anspruch auf die Krone haben. Gewiss sind das
‚onderbare Erscheinungen, aber man kann dess-1alb
 noch nicht behaupten, dass etwa in der Urzeit
 alle Menschen 6 Finger hatten. Die Schwarzen
m Gebiete des Congo besitzen häufig Schwimmjäute
 zwischen den Fingern und da die Fische nicht
los 5, sondern noch viel mehr einzelne Strahlen
n ihren Flossen haben, zwischen denen eine
Schwimmhaut sich ausbreitet, die Strahlen auch
eine Gliederung zeigen, so liegt der Gedanke
nahe, dass auch die Schwimmhäute der Neger
Jurch Rückschlag entstanden sein können. Das
3ntspricht genau dem Gedankengange unserer
Descendenztheoretiker. Man mag darüber denken
 wie man will, es gibt in der That partielle
 Rückschläge. Wenn.z. B. ein Enkel
lie Nase seines Grossvaters bekommt, so erscheint
es zweifellos, dass hier Atavismus besteht, und
jeder ist damit zufrieden. Wenn aber die sechs
Pinger auf die Flossenstrahlen der Rochen zurückzeführt
 werden, so ist das eine stärkere Zunuthung.
 Es erheben sich hier Schwierigkeiten,

zon denen ich sagen muss, dass sie immer nur
nit grosser Kraftanstrengung unterdrückt werden.
[ch erwähne speciell die Beziehungen zwischen
Jen atavistischen Eigenschaften und denjenigen,
welche durch äussere Umstände erworben werden.
Die erworbenen Eigenschaften sind nicht
ıtavistisch, auch wenn sie erblich
3ind.
Es ist in den letzten Jahren ein Thema sehr
opulär geworden, das ich den verehrten Anvesenden
 zum Studium empfehlen darf, das sind
lie schwanzlosen Katzen. Auf der Insel Man
zibt es eine Rasse, innerhalb deren alle Katzen
chwanzlos sind. Ob solche Katzen ihre Schwanzosigkeit
 einem Fehler ihrer Stammeltern zu ver-‚anken
 haben und auf Grund einer erworbenen
‚igenschaft sich gerade SO fortpflanzen, oder ob
ine Störung in der Entwicklung, die mehr pathoogisch
 ist, vorliegt, diese Frage ist durch ge-‚ügende
 Untersuchungen nicht geklärt. Bezüglich
ler Erblichkeit der Schwanzlosigkeit besteht kein
“weifel, da wir ähnliche Verhältnisse auch andersvo
 häufig finden, z. B. im westlichen Schottland,
ıllein, wo die Erblichkeit ihren Anfang genommen
jat, ob z. B. der Stammmutter durch Ueberfahren
nit einem Wagen der Schwanz abgeklemmt ist
and sie dann schwanzlose Jungen erzeugt hat, das
ıst vollständig unsicher.
Man weiss noch nicht einmal sicher, wie weit
{as Gebiet der Erblichkeit reicht. Durch diese
Jngewissheit komplizirt sich die Sache auch für
lie menschlichen Verhältnisse ausserordentlich.
Yass z. B. durch Klima und andere Lebensumtände
 die menschliche Entwicklung beeinflusst
verden könne, ist wahrscheinlich, obwohl im
\ugenblick . keine zwingenden Gründe darthun,
‚ass bestehende Menschen sich in ihrer Geammterscheinung
 zu ändern im Stande wären.
"s ist kein Umstand vorhanden, der mit Sicher-‚eit
 bewiese, dass das lokale Klima beliebige
Aenschen zu der Menschenform, welche an diesem
Jrt heimisch ist, umwandeln könne.
So weit sind wir in unserem Wissen zurück.
Jie werden sagen: das ist sonderbar, in den letzten
>0 Jahren habt Ihr Rückschritte gemacht, Ihr
visst weniger als die Leute vor 20 Jahren, In
ler That, wir wissen weniger, das muss ich zu-‚estehen,
 allein es ist unser Stolz, dass wir unser
Nissen so weit geklärt haben, dass wir wissen,
was wir wirklich wissen. Vor 20 Jahren wusste
nan vieles auch nicht; man glaubte nur, es zu
vissen. Wir haben dieses vermeintliche Wissen
ırst zum Gegenstande naturwissenschaftlicher Prüung
 gemacht. Die Naturwissenschaft hat von
‚hrer Domäne Besitz ergriffen, und jet4t können
            
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