sucht er in einigen lapidaren Sätzen die Nothwendigkeit darzuthun,
durch eingehendes Studium der Ethnologie die empirische
Grundlage für die Beurtheilung der Phänomene des
Rechtslebens zu gewinnen, in welchem er mit Recht Aeusserungen
des Collectivbewusstseins der Völker erblickt. Das
was er in diesem Zusammenhang über die Unzulänglichkeit des
individual-psychologischen Standpunktes für die Beurtheilung
der Thatsachen des Rechtslebens sagt, wird sich wohl nicht
bestreiten lassen. Die energische Betonung des „gesellschaftlichen
Systems“, in welchem sich die Mythologie wie die
Sprache, die Kunstformen wie die Rechtsinstitute der Völker
entwickeln, berührt sich sehr nahe mit den analogen Bestrebungen
der modernen Socialökonomie, durch welche dieselbe
den individualistisch-atomistischen Standpunkt der abstracten
Theorie zu überwinden und eine historisch-gesellschaftliche
Auffasung der „Volkswirthschaft“ zur Geltung
bringen will. Auch die Methodik der statistischen „Massenbeobachtung“
ist auf dem Boden derselben wissenschaftlichen
Grundanschauung erwachsen und hat verwandte Ziele.
Gleichsam als Paradigma für eine Materialsammlung im
Dienste seiner „ethnologischen Jurisprudenz“ legt der Verfasser
in seiner „Afrikanischen Jurisprudenz“ seine Lesefrüchte
aus einer reichen ethnologischen Literatur über die
verschiedensten Stämme und Gebiete Afrikas in wohlgeordneter
Uebersicht vor. Allerdings wird man das, was der Verfasser
hier bietet, in keiner Weise „Jurisprudenz“ nennen dürfen
Es sind weder abgeklärte Rechtssätze, noch juristische Constructionen,
noch Rechtsentwicklungen, welche aus dem vorgelegten
Material sich ergeben. Rechtsalterthümer und
Rechtsgewohnheiten werden in buntem geographischen und
ethnographischen Detail geboten, ohne zeitliche, räumliche
oder ethnische Einheit der Beobachtung. Das ist ein unverkennbarer
Nachtheil des Buches, dem noch ein anderer hinzutritt,
dass die Excerpte aus der ethnologischen Literatur
viel zu knapp sind, um überall aus den angeführten Rechtssitten
auf ihre wirkliche Bedeutung einen auch nur leidlich
sicheren Rückschluss zu machen. Es gehört eben zu den
grössten Gefahren, welche das Studium der ethnologischen
Literatur (besonders der beschreibenden) in sich birgt, die
mitgetheilten Sitten und Gewohnheiten zu missdeuten, weil
sie nicht in dem vollen Zusammenhang mitgetheilt sind, in
welchem sie factisch stehen. So hat die „Afrikanische Jurisprudenz“
von Posr zunächst nur den Werth eines systematischen
Index zu der Literatur der Ethnologie Afrikas
und als solcher ist sie unzweifelhaft nützlich und wird das
Studium der ethnologischen Literatur wohl auch in den
Kreisen der Juristen fördern helfen; selbstverständlich kann
aber dadurch der Forschung das Zurückgreifen auf die Quellen,
aus welchen Posr geschöpft hat, an keinem Punkte erspart,
sondern nur erleichtert werden. Inama-Sternegg.
27.
Pokrovskj, E. A. Die Kinderspiele, mit besonderer
Berücksichtigung der russischen. (Vom Standpunkte
der Geschichte, Ethnographie, Pädagogik
und Hygiene.) Mit 105 Holzschn. Moskau 1887.
368 pp. 8°. (In russischer Sprache.)
Der Verfasser, Director eines grossen Kinderhospitals in
Moskau, hat der wissenschaftlichen Welt hier abermals ein
Mittheilungen der Anthrop. Gesellsch. in Wien. Ba. XVII. 1888,
zediegenes Werk seines Fleisses und seiner Kenntnisse dar-‚ebracht.
Er hat sich bereits durch ein sehr umfassendes
Verk: „Die physische Erziehung der Kinder bei ver-'chiedenen
Völkern, besonders in Russland“ (Moskau
884, mit farbigen Tafeln und Holzschnitten) bekannt genacht
und hat ausserdem eine grosse Anzahl kleinerer anthro-»ologischer
Abhandlungen verfasst. Bei der anthropologischen
\usstellung in Moskau 1879 war er Leiter der medicinischen
\btheilung und hat sich durch die vortreffliche Sammlung
solcher Gegenstände, welche sich auf die physische Erziehung
ler Kinder beziehen, ein ausserordentliches Verdienst ervorben.
Das genannte Werk „über die physische Erzieıung
der Kinder“ ist ausserhalb des russischen Reiches
zaum bekannt geworden, weil es in russischer Sprache verasst
und, so weit dem Referenten bekannt, in keine andere
Sprache übersetzt worden ist, was es sehr wohl verdiente,
Jenn trotzdem, dass die deutsche Literatur ein ähnliches
Werk von Pross: „Das Kind in Brauch und Sitte der
Völker“ aufzuweisen hat, so erscheint Poxxovsxy’s Abhandung
als eine hervorragende Leistung und eine ansehnliche
3ereicherung der ethnographisch-anthropologischen Literatur,
Jer Verfasser konnte nämlich eine grosse Menge neuer, bisher
ınbekannter Thatsachen vorbringen, weil er durch Frage-)%
gen, welche er im ganzen russischen Reiche vertheilte,
lirecte und authentische Nachrichten über die verschiedenırtigen
Völker Russlands zu sammeln im Stande war.
Auch das vorliegende Werk: „Die Kinderspiele“ ist
ıls eine thatsächliche Bereicherung der ethnographischen
‚iteratur anzusehen: es bietet eine grosse Fülle interessanter
3Zeobachtungen dar, welche der wissenschaftlichen Welt bisher
ıcht bekannt waren, Wir können uns nur auf eine kurze Inhaltsıngabe
beschränken, da es hier nicht unsere Absicht sein kann,
us einer so umfangreichen Abhandlung Auszüge zu liefern.
In der Einleitung gibt der Verfasser zuerst seine eigenen
\nschauungen über die, Kinderspiele im Allgemeinen, über
lie Bedeutung der Spiele für Ethnographie, Archäologie und
\nthropologie, dann weist er auf die grosse Wichtigkeit der
Spiele im Leben der Kinder, wobei die einschlägige russische
wie nichtrussische Literatur genaue Berücksichtigung findet.
Zr dankt Allen, bei denen er Unterstützung fand. Besonderen
Jank spricht er dem Curator der kaukasischen Lehrbezirke,
£. P. Janowsgy, aus, der ihm durch Sammeln ethnographischer
Nachrichten über die kaukasischen Völker ausgezeich-1ete
Dienste leistete.
Dann ‚folgt eine Erörterung über „Losen und Ab-;ählen“,
wobei eine Anzahl Abzählweisen angeführt werden.
ınd über Strafen beim Spiele, z. B, an der Nase zupfen.
Neiter werden die Spielzeuge geschildert und die Beschäfigung
damit — von den einfachsten Kinderklappen bis zu
len zusammengesetzten Spielzeugen älterer Kinder. Weiter
verden die mit körperlichen Bewegungen verbundenen Spiele
ınd Spielübungen beschrieben: die Hüpf- und Springspiele,
lie Kampf- und Wettspiele, Gehen auf Stelzen, Laufen auf
Schlittschuhen, Schneeschuhen, Spiele mit rhythmischen Bewe-‚ungen,
symbolische Spiele, darstellende oder dramatische
Spiele, Spiele mit Gesängen und Tänzen, Spiele mit verbunlenen
Augen, Plumpsackspiele, Wurf- und Schleuderspiele,
3Zallspiele mit freier Hand oder mit Schlägel, Spiele mit
<ugeln, mit Stöcken oder Hölzern, mit Knochen, mit Steinen,
7immerspiele, Winterspiele Stieda.