digen Volksstamm kennen zu lernen und auch zahlreiche
Seiten des Volkslebens beobachten konnte, die dem flüchtig
Durchreisenden stets verborgen bleiben müssen. Die Tshisprechenden
Völker sind jene, welche die bewaldeten Landstriche
an der Goldküste und im Innern zwischen Assinie
und Volta-Fluss bewohnen, und von welchen die Aschanti,
Fanti und Wassaw die bekanntesten Stämme sind. — Den
niederen Culturgrad, den dieselben einnehmen, schreibt Erı1s
dem ungesunden Klima zu, welches nicht nur auf Europäer
nachtheilig einwirkt. Die religiösen Anschauungen dieser
Stämme beschränken sich auf den Glauben an Geister,
welche alle als ursprünglich bösartig betrachtet werden.
Solcher Gottheiten unterscheidet man 3 Abtheilungen: 1. Allgemeine
Stammgottheiten; 2, Localgottheiten, welche von den
Gottheiten der 1, Abtheilung eingesetzt werden und ihrerseits
wieder 3. Schutzgottheiten kleinerer Gemeindeabtheilungen
ainsetzen; 4, Schutzgottheiten der Individuen, Ursprünglich
hatten die Tshi-Stänmme nur 2 Gottheiten I. Classe, nämlich
Bobowissi und Tando. Als sie jedoch mit den Europäern
bekannt wurden, fügten sie Nyankupon als „Gott der Weissen“
hinzu und schrieben ihm nach und nach alle Eigenschaften
Bobowissi’s zu. Nur in entfernteren Distrieten erkennt man
letzteren Gott noch an. Tando ist der Hauptgott der Aschanti,
bei welchen Nyankupon wenig bekannt ist. Eine Uebergangsstellung
zwischen der I. und II. Götterclasse nehmen Srahmatin
und Sasabonsum ein, die in den Bombaxbäumen
wohnen, Letzterer gilt als Erdbebengott, weshalb ihm zu
Ehren die Grundfesten der Häuser mit dem Blute geopferter
Sklaven getränkt werden. Im Bereiche der englischen Colonialmacht
treten jedoch Thieropfer an die Stelle sämmtlicher
Menschenopfer, Die Localgottheiten der Flüsse, der
Brandung, des Waldes etc. werden in grosser Zahl verehrt,
Eine der bedeutendsten ist Brahfo, dessen Cultus zu einer
kleinen Christenverfolgung in der englischen Colonie Veranlassung
gab. Bei den darauffolgenden Verhandlungen erklärte
ain Priester selbst den Brahfo-Dienst für Täuschung und den
Gott für nicht existirend, Doch wenige Jahre genügten,
um diese Thatsachen in Vergessenheit gerathen zu lassen,
und der Brahfo-Dienst besteht heute wieder. Doch trug der
Einfluss der Europäer überall dazu bei, die Eingcehorenen
zegen ihre Götter skeptisch zu machen, und nur mehr im
[nnern besteht der alte Glaube in voller Reinheit.
Die Gemeinden sind zu militärischen Zwecken in Sectionen
getheilt, deren jede einen besonderen Schutzgott besitzt. Diese
werden von den Göttern der II. Classe eingesetzt und leben
im Schatten grosser Bäume in den Dörfern. Da man vor
diesen Bäumen Opfer darzubringen pflegt, so. entstand bei
mehreren Reisenden die Ansicht, als ob die Tshi-Stämme
Bäume verehrten. Auch die Familiengötter, welche ihren Sitz
in irgend einem Gegenstande nehmen, werden von den Localgöttern
(II. Classe) cingesetzt und besitzen wieder Untergeister,
welche die Tugend der Jungfrauen zu schützen haben. Der
Schlangencult, welcher im benachbarten Dahome so grosse
Verbreitung besitzt, ist unbekannt, doch werden jene Schlangen,
die im Baume des Ortsgottes wohnen, geschont.
Jedes Individuum kann sich einen Schutzgott „suhman“
zerschaffen und mit dessen Hilfe an Andere Amulette ausgeben.
Die höheren Götter können nur durch Vermittlung der Priester
verehrt und befragt werden. Die Priester dürfen kein Fleisch
geniessen und tragen eine eigene Kleidung, Die Priesterinnen
Jürfen nicht heiraten, führen jedoch einen sehr ausschweifenden
‚ebenswandel. Die Priester sind sehr geschickte Betrüger.
Merkwürdig ist, dass nach EuL1ııs’ fester Ueberzeugung Jeder,
ler einen „suhman“ besitzt und auf Grnnd desselben Amuette
verkauft, genau weiss, dass er betrügt. Dennoch glaubt
'T an die höheren Götter und ihren Verkehr mit den Priestern.
Selbst Priester niederer Gottheiten, welche sich des eigenen
Betruges genau bewusst sind, halten ihre Berufsgenossen,
die Priester höherer Gottheiten, eines solchen nicht fähig
ınd lassen sich von denselben betrügen, Ein Fetischismus,
l. h. die directe Anbetung eines leblosen Gegenstandes hat
edoch hier — wie wohl an der ganzen Westküste Afrikas —
ılemals existirt, Der Eingeborene trennt die Gottheit scharf
70N ihrem Sitze, dem Flusse, Baume, der Holzfigur ete., und
aur der flüchtig beobachtende Reisende konnte annehmen,
lass der Gegenstand selbst angebetet werde.
Im XI. Capitel spricht Enırs von den Seelen und den
Gebräuchen bei der Leichenbestattung. Besonders in Aschanti
sind dabei zahlreiche Menschenopfer üblich, Die Hinrichtungen
werden meist unter den schrecklichsten Qualen des Opfers
ıusgeführt, und der häufige Anblick so grausamer Scenen
Tägt nicht wenig dazu bei, jedes menschliche Gefühl bei
liesen Stämmen völlig abzustumpfen. In weiteren Abschnitten
yeschreibt der Verfasser die Eidgebräuche, die Gottesurtheile,
Speisegesetze, die Zeiteintheilung, bei welcher mohammedaıischer
Einfluss sich geltend macht, die Feste bei der Ernte,
jei Geburten und Hochzeiten, sowie die Staats-Ceremonien,
welche in Aschanti mit erstaunlicher Pracht vor sich gehen.
Die Regierung wird durch Chefs und Unterchefs besorgt, über
welche in Aschanti der König gebietet.
Jungfrauen werden sehr strenge gehalten, da ihr Markt-)reis
sonst verlieren würde, verheiratete Frauen erfreuen
ich dagegen grosser Freiheit. Abgesehen von der permaı1enten
Lebensgefahr, in welcher sie schweben, ist das Los
ler Sklaven ein ganz erträgliches. — Eutı1s entwickelt sehr
vernünftige Grundsätze in Bezug auf die Sklavenfrage, was
’»esonders bei einem Engländer anerkennenswerth ist. Er
adelt mit Recht die Massregel der englischen Regierung,
ılle Sklaven in den Colonien sofort freizulassen, weil solche
3efreite nur das Proletariat vermehren, während thatsächlich
lie Sklaverei doch unausrottbar ist. — Exıuıs gibt hierauf
In Bild der merkwürdigen Erbfolgegesetze und schliesst mit
ler Mittheilung einiger Sagen; den Anhang bilden grammaükalische
Notizen über die Tshi-Sprache und einige Musiktücke,
Leider ist Karte und Index nur sehr unvollkommen.
)ennoch ist das Buch unseres vollsten Interesses werth, denn
jelten, vielleicht noch nie ist das innere Leben eines centralıfrikanischen
Stammes mit gleicher Sorgfalt und Gründlichzeit
durchforscht worden, Wir hoffen, dass der Verfasser
‚echt bald aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen auch
iber das materielle Leben der Tshi-sprechenden Völker etwas
reröffentlichen werde. Dr. Oscar Baumann.
23.
Berenger-Feraud, Note sur les Castellets (petits
amoncellements de pierres) de la montagne de
la Sainte-Baume en Provence. Revue d’Anthro-Jologie
1888, p. 49—58,
Etwa 25 Kilometer nordöstlich von Marseille liegt der
jergzug de la Sainte-Baume, welcher nach Norden zu einen
‚00 Meter hohen jJähen Abfall zeigt, Der auffallende Berg gilt