sind und jede Creatur sich nach Regen sehnt, auf dass
die Erde befeuchtet und die Atmosphäre abgekühlt
werde, da ist es — wie diejenigen versichern, welche
in Indien gelebt haben — oft ein überaus quälender
Anblick, wenn man sieht, wie Tag für Tag die Wolken
sich zusammenballen und über den Horizont dahinfliegen,
ohne sich ihres Inhalts zu entledigen. Bis
dann endlich „der Kampf der Elemente“ losbricht
and unter furchtbarem Donner und züngelnden Blitzen
die Wolken ihren Inhalt in Strömen auf die dürstende
Erde ergiessen *). In den Hymnen des Rigveda
spiegelt sich der mächtige Eindruck wieder, den diese
Erscheinungen auf die alten Bewohner Indiens gemacht
haben. Man sah die dahinfliehenden regenschwangeren
Wolken, die doch keinen Tropfen von
dem ersehnten Nass spenden wollten, und schrieb dies
dem böswilligen Einfluss eines feindlichen Dämonen
zu, eines Drachen, der sich um die Wolke lagert
und den Regenströmen den Weg versperrt. Und was
wir noch einen „Kampf der Elemente“ nennen, das
war dem alten Inder ein Kampf Indra’s mit dem
Drachen. „Vor dem Gebrüll des Drachen — sagen
die Lieder — weicht selbst der gewaltige Himmel
zurück; die Götter alle, die doch Indras Freunde
sind —, bei Vritra’s Schnauben lassen sie ihren Genossen
im Stich und um den jungen Helden ist besorgt
die Mutter, Doch er, begeistert durch die
Gesänge seiner Verehrer, gestärkt durch scharfen
Somatrank und fette Opfergabe, bewaffnet mit dem
Donnerkeil, den ihm der Götterkünstler Tvashtar
angefertigt‘ hat, zieht muthig aus mit seinen Gezellen,
‘den streitbaren Marut: den Umhüller umhüllt
ar; den, der auf seine Listen trotzend, fusslos und
handlos gegen Indra kämpfte, fällt er durch seine
List, mit dem gedankenschnellen Blitze ihm in’s Anzesicht
und auf den Rücken schlagend; die wunde
Stelle dessen, der sich unverwundbar wähnte, hat
ar gefunden und mit gewaltigem Schlag den lauernd
Jie Wasser Umlagernden getroffen: wie das vom Beile
abgehauene Geäst liegt Ahi dicht auf der Erde; jetzt
fluthen rastlos über seinen Leib hin freudig die gewaltigen
Wasserwogen; indess der Indrafeind in lange
Finsterniss dahinsinkt, hat der Gott dem frommen
Sterblichen die Sonne gebracht, der Donnerer.“ *)
Es ist dies derselbe „Kampf mit dem Drachen“, der
sich in der Mythologie aller indogermanischen Völker
1) Vgl. Jomn Mor, Original Sanskrit Texts, (London
1870.) V, 98.
?) A. Kazxeı, Der Rigveda, die älteste Literatur der
"nder. 2, Aufl, Leinzig 1881. S. 57 fg,
nachweisen lässt. Sowie der indische Gott, so kämpfen
uch die Götter und Helden der griechischen Sage
- Apollo, Herakles — ebenso der nordischen —
Ddin, Sigurd —— und germanischen Sage — Thör,
Siegfried — mit dem Drachen‘). Und es ist wohl
ine der bedeutsamsten Thatsachen, welche die verzleichende
Religionsgeschichte zu Tage gefördert hat,
lass auch die amerikanischen Urreligionen den Kampf
les Sonnen- und Himmelgottes mit dem Schlangenıngeheuer
kennen, In der Fluthsage der Chippewas
»rscheint Manabozho als Bekämpfer der grossen
Schlange, welche die Fluth verursacht hatte. So
stellten auch die Mexikaner ihren Tonatiuh dar, wie
ır die buntgestreifte Waldschlange in Stücke zeraaut
?).
Noch im Mahäbhärata finden wir eine deutliche
Srinnerung an die Wolkenschlange. Nachdem Kadrü,
lie Mutter der Schlangen, den Fluch ausgesprochen
1atte, alle Schlangen sollten beim Opfer des Jana-1ejaya
vom Feuer verzehrt werden, da hielten die
;chlangen Rath, wie sie ihren Untergang abwenden
zönnten. Und während die Einen dies, die Anderen
enes riethen, sprachen auch einige:
„wenn das Feuer brennt,
so wollen wir als blitzende Wolken
es. löschen mit des Regens Guss“ 3).
Aber nicht nur als Wolkenschlange“*) steht die
;chlange in Beziehung zu dem Wasser. Sie ercheint
bei allen Völkern als dem Wasser überhaupt
ı1ahestehend. Als Bhima, der Sohn des Väyu, in das
Nasser des Ganges geworfen ward, fiel er in das
ieich der Schlangen, welche ihm das Wasser der
Stärke zu trinken gaben. An Teichen ist der
jebste Aufenthalt der Näga’s. Das Thal von Nepäl
var ehedem als Näg Hrad „Schlangenteich“ bekannt.
Manjüsri liess das Wasser abfliessen und mit dem
Wasser auch die Näga’s und andere Thiere hinweg-1)
Vgl. PreLLer, Griechische Mythologie I, 155. GusBeEr-Arıs,
Die Thiere 639. A, Kvun in Moriz Haupt’s Zeitschrift für
Deutsches Alterthum V, 484 ff. und K. MöLLenuorrF ebendas,
/, 429 ff, .
2) J. G. MöLLerR a. a. 0. 126, 566. 586. Warrz a. a. O.
11, 179. 188,
. 8) Mahäbhärata I, 1608. Hourzmann, Indische Sagen
[IT, 143.
4) Es verdient bemerkt zu werden, dass die „Wolken-;chlange“
mehr als eine blosse Hypothese ist. Der alte Comnentator
des Rigveda, Säyana, erklärt an zahlreichen Stellen
lie Worte vr/tra, ahi (Drache, Schlange) einfach durch megha
Wolke“,
5) Mahäbhärata I, 5008 ff