Wieder dringt sie in den Gemahl um Aufklärung.
Nun muss man aber die Neugierde einer in solchem
Zustande befindlichen Frau auf jeden Fall befriedigen,
Und obwohl die Befriedigung der Neugierde
in diesem Falle die ewige Trennung der beiden
Gatten, des unsterblichen Pundarika und des sterb-.ichen
Weibes bedeuten musste, so konnte er ihren
Wunsch doch nicht unerfüllt lassen. Er erzählt ihren
arstaunten Ohren seine wunderbare Geschichte —
raucht in einen Teich unter und entschwindet ihren
Augen. Pärvati ist untröstlich. In ihrem grossen
Schmerz gibt sie einem Knaben das Leben, Anstatt
sich aber dessen zu freuen, errichtet sie einen Scheiterhaufen
und stirbt als Sati, als fromme Witwe. -—
Zu der Zeit kam eben ein Säkadvipa Brahmane des
Weges, welcher ein Bild des Sonnengottes trug. An
dem Teiche stillte er seinen Durst; :]s er aber von
dem Teiche weggehen wollte, konnte er das Götteroild,
das er bis jetzt ohne Schwierigkeit getragen,
nicht aufheben; wie er sich eben vergeblich bemühte,
erblickten seine Augen ein Kind, welches von
einer grossen Haubenschlange beschützt dalag. Es
war Pundarika, der in seiner natürlichen Gestalt
sein Kind beschirmte. Er wendet sich an den Brahmanen,
erzählt ihm seine Geschichte, verkündet ihm,
lass das Kind dereinst König von Nägpür, er, der
Brahmane, sein Purohit (Hauspriester) und das Götterbild
seine Schutzgottheit werden soll. Der Knabe,
3agte er, soll Phani-Mukuta „der Schlangengekrönte“
zenannt werden; und indem er ihm verspricht, sobald
seine Gegenwart nothwendig sein sollte, zu erscheinen,
übergibt er dem Brahmanen das Kind,
taucht im Teich unter und verschwindet. Der Brahmane
nimmt den Knaben und bringt ihn zu König
Madura, der bei Sütiämba wohnte. Im Laufe der Zeit
wird Phani-Mukuta Räya König von Chütiö Nägpür.
Und bis auf den heutigen Tag tragen die Räja
and Hauptglieder der Nägbangsi-Familie Turbane,
welche die Form einer zusammengeringelten Schlange
auf dem Haupte bilden; das Siegel des Maharaja und
die Familienwaffen zeigen als Diadem eine Cobra mit
einem Menschenangesicht unter ihrer ausgebreiteten
Haube, umgeben von den Insignien des Königthums
*).
Besonders lehrreich ist aber die Tradition der
Muäsis oder Mawäsi Kols in Korea und Chänd
Bhakhär, Einige Zeit nach Erschaffung der Welt,
erzählen die Muäsis, kamen aus der Erde ein
)E. T. Daıtox a. a, O0. pag. 165 seqq.
Schlangen-Männchen und ein -Weibchen hervor, Näga
3hüiya und Näga Bhüiäin, der Erd-Drache
ınd die Erd-Schlange. Der Näga und sein Weib
ebten viele Jahre auf der Erde, Da bekamen sie
»ınen Sohn. Sobald das Kind geboren war, wickelten
38 die Eltern in ein Linnen, legten es unter einen
Mahwä-Baum und verschwanden. Das Kind wurde
zefunden und zu dem Raja von Kanauj gebracht,
ler ihm den Namen Mahwäsi gab und es adoptirte.
Jer Knabe wuchs heran, verheiratete sich und er-‚eugte
zwei Söhne, welchen der Raja das Land
xanjar gab. Von diesen stammen die Mahwäsis ab,
lie also ihren Namen von dem Mahwä-Baum (bassia
atifolia) haben !).
I.
Diese kurze Uebersicht dürfte zur Genüge zeigen,
lass es unmöglich ist, in dem Rahmen einer Abı1andlung
eine erschöpfende Darstellung über die
Schlange in Mythus und Cultus der Inder zu geben.
ch will daher aus der grossen Masse hier nur einen
jestimmten Schlangencult hervorheben und einer
zenaueren Betrachtung unterziehen. In den alten
redischen Ritualwerken, den Grihyasütren, welche
ich mit allen Gebräuchen des täglichen Lebens beichäftigen,
wird auch eine jährlich einmal abzuhalende
Feier vorgeschrieben, welche speciell den
Schlangen gilt. Von dieser Feier soll im Folgenden
lie Rede sein, und wir werden sehen, dass es ein
ausgesprochener Schlangencult ist, der uns hier durch
sehr alte orthodoxe brahmanische Werke bezeugt
wird.
Dieser Schlangencult nun, von welchem in den
ärihyasütren die Rede ist, knüpft an den Beginn
ler Regenzeit an. Die Regenzeit erschien ja dem
'nder von je her so sehr als die wichtigste Jahres-‚eit,
dass er das Jahr selbst nach ihr benannt hat ?).
Sie bringt nicht nur Kühle und Labung, sondern
nacht auch die ausgedorrte Erde wieder fähig, Vegeaation
hervorzubringen, sich in üppiges Grün zu
«leiden. Kein Wunder, dass keine Naturerscheinung
ıuf den Inder einen so mächtigen Eindruck gemacht
hat, als der Eintritt des Regen-Monsoon, der Ueberzang
von der heissen Jahreszeit — grishma „Hitze“
— zur Regenzeit. Wenn die heisse Jahreszeit zu Ende
zeht, wenn die Fluren vom Sonnenbrand versengt
1) Dauron a, a, 0. pag. 231.
?) Varshäh (plur.) „Regengüsse“, daher: „Regenzeit“
jarsha (sing.) „Jahr“, Vgl. Lassen, Indische Alterthumskunde
". 254 fe.