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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 8=18.1888

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indem er ihm seine Verehrung darbrachte '). Jedoch
Schlangen in den Orden der Mönche aufzunehmen,
gestattete Buddha nicht. Es war einmal ein Drache,
der sich sehr darüber grämte, dass er als Schlange
zur Welt gekommen sei, Um Mensch zu werden,
beschliesst er, unter die buddhistischen Mönche zu
gehen. Er nimmt die Gestalt eines Jünglings an,
geht zu den Mönchen und wird in den Orden .aufgenommen.
 Da wohnt er nun zusammen mit einem
andern Mönch. Als dieser nun einmal in der Nacht
aufstand, um im Freien zu lustwandeln, da fiel
der Drache in Schlaf, Nun ist es aber eine Eigenthümlichkeit
 der Schlangen, dass sie bei zwei Gelegenheiten,
 im Schlaf und bei der Begattung, ihre natürliche
 Gestalt annehmen. Sobald daher der Drache in
Schlaf gesunken war, füllte er mit seinem Schlangenleibe
 das ganze Kloster, so dass seine Windungen
bei den Fenstern herausragten. Als nun jener Mönch
zurückkam, war er sehr entsetzt und schlug Lärm.
Alle Mönche liefen zusammen. Der Drache erwachte
and erzählte den Mönchen seine Geschichte. Als
Buddha von der Sache erfuhr, sagte er zu dem
Drachen: „Ihr Schlangen seid nicht fähig, in der
Lehre vorwärts zu kommen. Aber geh hin und faste
am vierzehnten, fünfzehnten und achten Tag jedes
Halbmonats, so wirst du aufhören, Schlange zu sein
und wirst menschliche Natur erlangen.“ Der Drache
war darüber sehr betrübt, dass er nicht fähig sein
sollte, in der Lehre Fortschritte zu machen, stiess
einen Schmerzensschrei aus und ging von dannen,
3uddha knüpft daran die Warnung; Thiere nicht in
den Orden aufzunehmen *). So wie der Islam gläubige
und ungläubige Schlangen unterscheidet, so gibt es
auch für den Buddhisten zweierlei Schlangen. Als
einst bei einer Hungersnoth die Leute Schlangen-Heisch
 assen, da kam der Schlangenkönig Supassa
(„der Schönrückige“) zu dem Heiligen, grüsste ihn
ehrfurchtsvoll und sprach: „Es gibt, o Herr, ungläubige
 Schlangen, die dem Glauben abhold sind;
diese könnten den Mönchen auch bei geringfügigen
Anlässen Leid zufügen. Ich bitte dich, Herr, lass
die Ehrwürdigen kein Schlangenfleisch essen.“ Buddha
ist sehr erfreut über .das Erscheinen des Schlangenkönigs,
 erweist ihm grosse. Ehre und verbietet den

1) Mahävagga I, 3. Sacred Books, Vol. XIN, pag. 80
seq. Vgl. Kern a. a. O0. I. 99 fg. R. SpencE Harpy, A Manuel
of Budhism, (London and Edinburgh 1860.) pag. 182,
?) Mahävagga I, 63. Sacred Books XII, 217 seqq. Kern
a. 0. II, 29 fg.
ALittheilungen der Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd. XVII. 1888.

Mönchen, Schlangenfleisch zu essen !). Der Schlangenvönig
 Supassa erscheint hier als frommer Buddhist,
roll Respect gegen Buddha und die Mönche, im
degensatz zu den „ungläubigen“ Schlangen. Im
)uddhistischen Märchen (Jätaka) finden wir die
Näga’s auch als Berggeister. Der Bodhisatta 2) ward
»nmal als Königssohn wiedergeboren. Damals geschah
38, dass sich eine von den Frauen des Königs in
Jen Bodhisatta verliebte. Da es ihr aber nicht gelang,
lenselben zu verführen, machte sie es wie die Frau
les Potiphar und beschuldigte den Bodhisatta. Der
arzürnte König lässt seinen Sohn über den „Diebsjerg“
 hinabwerfen. Aber die Gottheit, welche im
‘nnern des Berges wohnte, nahm ihn auf und führte
hn in den Schooss des Schlangenkönigs. Dieser
ıahm den Bodhisatta freundlich auf, führte ihn in
lie Nägawelt und verlieh ihm die halbe Herrschaft *).
Sehr merkwürdig ist ein buddhistisches Märchen,
in welchem wir eine Art Beschwörung der Schlangen
inden, welche lebhaft an die vedischen Zauber-Oormeln
 anklingt. Es ist ein Schlangencult in’s
3uddhistische übersetzt, das heisst: wir müssen an
Stelle des Wortes „Cult“ oder „Verehrung“ das
Nort „Liebe“ setzen. Wie man in alter Zeit die
Schlangenkönige durch Opfer und Gebete ver-»hrte,
 um von den gemeinen Schlangen nicht ge-»)issen
 zu werden, so ermahnt Buddha die Seinen,
lie Schlangenkönige zu lieb en, um sich vor
Schlangenbissen zu hüten. An Stelle des Cultes
ritt in der Lehre Buddha’s die Liebe, jene Liebe,
lie wir nur deshalb nicht „Nächstenliebe“ nennen
können, weil sie mehr ist, nämlich die Liebe zu
') Mahävagga VI, 23, 13. Sacred Books, Vol. XVII,
nag. 85 seq.
?) Bodhisatta ist „ein Wesen (satta = sanskr. sattva),
velches bestimmt ist, Erleuchtung (bodhi) zu erlangen, d.h.
3uddha zu werden“; so heisst der Buddha in allen seinen
rüheren Geburten, ehe er Buddha wird. Die Jätaka’s oder
„Geschichten aus früheren Geburten“ erzählen von den
3odhisattas.
°) Das Märchen erzählt dann weiter: Der Bodhisatta
‚ebte ein Jahr lang in der Welt der Näga’s. Dann ging er
ıls Einsiedler in den Wald, Dort wurde er gesehen und dem
<önig darüber Bericht erstattet. Der König geht zu ihm,
'ässt sich den ganzen Sachverhalt erzählen und bittet ihn,
lie Herrschaft zn übernehmen, Der Bodhisatta will aber von
weltlichen Gütern nichts wissen, er will nur im Walde leben,
ler Welt entsagend. Weinend nimmt der König von seinem
Sohne Abschied. Nach Hause gekommen, packt er — wie
das Märchen naiv erzählt — die falsche Königin bei den
"üssen und schleudert sie über den „Diebsberg“ (wohl eine
Art tarpeischen Felsens) hinab. (Commentar zum Dhamma-’»ada
 ed, V. Faussörnr, Hauniae 1855, pag. 341).
            
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