Ehren bei den Völkern gebracht hat. Es liegt eine
tiefe Wahrheit in einem indischen Spruche *), welcher
lautet:
„So lange er kein Unheil angerichtet hat, wird Keiner
geehrt, und wär’ er auch noch so gross; es verehren die
Menschen die Schlangen, nicht aber Tärkshya?), den Schlangentödter.“
In der That ist es das Böse, was dem Naturmenschen
zuerst Stoff zum Nachdenken gegeben
hat, und die bösen Geister sind es, welche von
den Völkern zuerst verehrt worden sind. So hat es
auch die Schlange ihrer furchtbaren Gefährlichkeit
zu danken, dass sie vergöttlicht, dass sie zu einem
bösen Dämon wurde. Wenn man schon überhaupt
geneigt war, jede Krankheit dem Einfluss eines
bösen Dämons zuzuschreiben, wie ja die Volksmediein
zum grossen Theil nur in einer Besänftigung der
bösen Geister, der Krankheitsdämonen, besteht, so
ist es begreiflich, dass man so furchtbare pathologische
Erscheinungen ), wie sie der Schlangenbiss
*) O0. BönrLIınGg, Indische Sprüche, 2. Aufl. St. Petersburg
1870. I, Nr. 39.
?) Tärkshya ist ein Name des Garuda, des Vogels Greif,
3ines mythischen Vogels, der als erbitterter Feind der Schlangen
zilt. Vgl. Bexrey a. a, O. I, 363 ff. Es gibt ja in der That
»nige Raubvögel, welche Schlangen verzehren. „Drachen und
Adler sind Feinde, denn der Adler bedient sich der Schlangen
zur Nahrung.“ (Aristoteles hist. anim, 9, 2.) Merkwürdig ist,
dass ganz entsprechend dem Kampfe der Schlange mit dem
Vogel Garuda in der indischen Mythologie, auch die Sagen
der Indianer von Kämpfen des grossen Vogels mit der Schlange
erzählen, Tu. Waız, Anthropologie der Naturvölker III,
179. 182.
°) Kein Thier, meinte NzArcros, sei so belästigend, als
die „dünnen, kaum eine Spanne langen Blindschleichen, denn
man finde sie in Zelten, in Gefässen und Hecken versteckt,
Die Gebissenen bluteten unter Schmerzen aus allen Poren
und stürben dann, wenn ihnen nicht Jemand sogleich zu
Hilfe käme“, (Strabo XV, 1, 45.) Der italienische Missionär
Fra PaoLIno führt die Worte des Dichters LucAn (Pharsal. IX)
ın, um die fürchterliche Wirkung des Giftes der von den
Malabaren Rudhiramandali genannten Schlange zu
schildern:
„Aus allen Adern quoll zu gleicher Zeit,
In rothes Gift verwandelt, Blut hervor:
Blut waren seine Thränen; da, wo nur
Das Flüssige durchkommen konnte, drang
Das Blut mit Macht hervor, zu Nas’ und Mund
Stürzt es heraus, und färbt sogar den Schweiss,
Kurz, alle Blutgefässe thun sich auf;
Der ganze Körper ist nur Eine Wunde.“ —
„In diesem grässlichen Zustande“, fügt Fra PaoLıyo hinzu,
„sah ich einst eine junge Frauensperson von etwa zwanzig
Jahren zu Verapole, Eine Menge Leute baten mich inständig,
die Qual dieser Unglücklichen zu lindern ; aber weder Theriak,
noch OÖtternsalz, noch Madurisches Gegengift, konnten sie
nervorruft, nur einem übernatürlichan Wesen zuschreiben
mochte. Eine wunderbare Vorstellung haben
lie Inder darüber, wie die Schlangen zu ihrem Gift komnen.
Sechsundzwanzig Tage nach der Geburt, sagen die
lindus, haben die Schlangen kein Gift; am siebenındzwanzigsten
breiten sie ihre Hauben gegen die
Sonne aus und tanzen, und die Sonnenstrahlen,
velche auf die vier obern Zähne auffallen, erfüllen
lieselben mit Gift. !') Das Gift wird häufig als ein
"euer aufgefasst: „vom Gift, oder vom Feuer des
Xiftes verbrannt“ ist eine gewöhnliche Redevendung
im Indischen. Die feuerspeienden Drachen
ler deutschen Sage hat schon Grimm auf die Vervechslung
der verwandten Begriffe von Feuer und
*ift zurückgeführt, ?) Es ist demnach nicht zu vervundern,
dass die Schlange, die so gewaltiges Unıeil
anstiften konnte, die mit so wunderbaren Mitteln
zu verderben ausgestattet war — das Feuer des
*iftes trägt sie auf ihren Zähnen, von der Sonne
‚elbst hat sie dies Geschenk erhalten — dass die
Schlange zum bösen Dämon xxrt” 8Coy%v wurde. Als
solcher erscheint sie in der hebräischen Schöpfungszeschichte,
und noch in der christlichen Legende
scheint der Teufel als Schlange. °) Im Zend-Awesta
inden wir Ahriman, Agra-mainyus, als Schlange. „Da
blickte mich die Schlange. Darauf machte die
Schlange Agra-mainyus, der voll Tod ist, in Bezug
ıuf mich neun Krankheiten und neunzig und neunıundert
und neuntausend und neunzehntausend
<rankheiten,“ *)
Andrerseits aber herrschte der Glaube, dass das
Wesen, welches Krankheit und Tod bringe, auch
’etten; in Zeit von drei Stunden war sie todt.“ Des Fra
7A0LINO da San Bartolomeo Reise nach Ostindien. Aus dem
"ranzösischen. Mit Anmerkungen von JouAnyx REinnoLD FORSTER.
3erlin 1798. (Magazin von merkwürdigen neuen Reisebe-;chreibungen,
15. Bd.) pag. 250 fg. Ganz die entgegengesetzte
Wirkung rufen andere Schlangen, z. B. die Brillenschlange
Cobra di Capelo), hervor, indem sie das Blut in den Adern
‚tocken, gleichsam gefrieren macht. Wieder andere erzeugen
Zeulen und Geschwülste. (Fra Paorınxo a. a, 0. 246 fg. 250. 251.)
[n wahrhaft grandioser Weise schildert der Dichter Lucaxn
Pharsalia IX, v. 607 ff.) die furchtbaren Wirkungen des Bisses
ler verschiedenen Schlangen, welche den Soldaten des Pomjeius
bei ihrem Marsche durch Afrika nach der Schlacht
»ei Pharsalus gefährlich wurden,
‘) M. J. WaLHovuse im Indian Antiquary, Vol. VII, 41.
2) Vgl. K. Münzennorr in Mosız Haurt’s Zeitschrift für
leutsches Alterthum, Bd, 7, 428.
3) Grimm, Mythologie IIt, 833 fg. Wurrtke, Der deutsche
/olksaberglaube der Gegenwart. Hamburg 1860, 88 179. 419.
4) Vendidäd 22, 5 fe.