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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 8=18.1888

285 —

90.
Schroeder, Dr. L. v. Die Hochzeitsbräuche der Esten
und einiger anderer finnisch-ugrischer Völkerschaften
 inVergleichung mit denen der indogermanischen
Völker. Ein Beitrag zur Kenntniss der ältesten Beziehungen
 der finnisch-ugrischen und der indogermanischen
 Völkerfamilie. Berlin. A. Ascher & Co, 1888,
Ausgehend von einer Vergleichung der Hochzeitsgebräuche
zucht der Verfasser in diesem Werke den Nachweis zu liefern,
„dass zwischen den finnisch-ugrischen Völkern, insbesondere
den Esten, einerseits und den Indogermanen andrerseits ein
näherer Zusammenhang besteht“. Zu diesem Zwecke hat der
Verfasser nicht nur ein reiches und schätzenswerthes Material
 über finnisch-ugrische Hochzeitsgebräuche zusammengetragen,
 sondern auch eine vollständige und systematische
Uebersicht über die indogermanischen Hochzeitsgebräuche gegeben
 und sich nicht damit begnügt, einzelne Bräuche zu
vergleichen, sondern den Nachweis versucht, und zwar mit
arstaunlich glücklichem Erfolg, dass fast die ganze Reihe
der indogermanischen Hochzeitsgebräuche sich bei den finnischugrischen
 Völkern wiederfindet, dass namentlich in der estnischen
 Hochzeit alle wesentlichen Momente der indogermanischen
 Hochzeit wiederkehren. Der Verfasser vermeidet
 es aber vorsichtig, auf eine Urverwandtschaft zwischen
Finnen und Indogermanen zu schliessen, sondern er folgert
aur, dass diese beiden Völkergruppen schon in ältester Zeit
in naher oder nächster Berührung lebten, dass schon in
prähistorischer Zeit ähnliche Beziehungen zwischen ihnen
bestanden, wie sie in historischen Zeiten bis auf den heutigen
Tag immerwährend bestanden haben.
Die Zusammenstellung der indogermanischen Hochzeitsgebräuche
 hat vor GusErnatis’ Storia comparata degli
usi nuziali den Vorzug einer strengeren Wissenschaftlichkeit,
 obwohl es vielleicht doch von Nutzen gewesen wäre,
das Werk von GusErwatis zu vergleichen, Mehr zu beklagen
ist es, dass dem Verfasser das gerade in Bezug auf Hochzeitsgebräuche
 so reichhaltige Buch von Kravss „Sitte und Brauch
der Südslaven“ entgangen ist. Unter allen indogermanischen
Völkern sind es vielleicht gerade die Slaven, welche den
grössten Einfluss auf die Esten genommen haben, Ich erlaube
mir nur auf einige Punkte hinzuweisen. Die verblümte
Werbung bei den Esten (ScHroxpeR, p. 36 ff.) finden wir genau
so in Croatien, Istrien und Bosnien (Krauss, pp. 357, 367).
Wie es bei den Esten einen kleinen und grossen Werbungstag
 gibt (ScHr., 44 fg.), so auch bei den Bulgaren (Kr. 377).
Bei den Esten sind Dienstag und Donnerstag besonders günstig
für Werbung und Hochzeit (Scur, 51), bei den Südslaven für
das Beilager (Kr. 456). Die Functionäre bei der Hochzeit sind
bewaffnet bei den Esten (ScHr. 53, 56 fg.), wie auch bei den
Südslaven (Kr. 416, 417). Das enge Zusammenrücken des
Brautpaares (Scur. 81) gilt auch in Slavonien für günstig
(Kr. 396). Wie die estnische Braut Geld in’s Feuer wirft
(Scur. 130 fg.), so wirft auch die Südslavin einen Kreuzer in
die Glut (Kr, 399 fg.). Es ist dies einer der wenigen Ueberreste
 des Feueropfers, welches bei der altindischen Hochzeit
3ine so grosse Rolle spielt. Die indische Sitte, der Braut einen
Knaben in den Schoss zu setzen, findet sich in ausgedehntem
Masse nur noch bei slavischen Völkern; und man kann kaum
zweifeln, dass die Esten (Scur. 123 ff.) diese Sitte von den

;laven überkommen haben. Die Uebereinstimmung zwischen
{em estnischen „Schossknaben“ und dem südslavischen nacoljenGe
 (Kr. 386, 399 etc.) geht so weit, dass gleich der
»stnischen Braut (Scmre. 220) auch die Südslavin den Knaben
nit einem Paar Strümpfe beschenkt (Kr. 428).
Wenn man auch dem Verfasser kaum das Recht einräumen
 kann, mit dieser Arbeit den Anfang zu einer verzleichenden
 Sittenkunde gemacht zu haben — man denke
aur an Namen, wie: Grımm, Tyıor, LIEBRECHT U. A. —, SO
vird man ihm doch mit Freuden den Vorzug zugestehen,
lass er wie kein Anderer von dem Vorwurf des blinden
V’ergleichens freigeblieben ist, dass er von einer sicheren
*rundlage ausgehend and mit einem bestimmten Ziele vor
Augen verglichen hat. Winternitz.

91.
Bolton Henry Carrington. The Counting- out
Rhymes of Children, Their Antiquity, Origin,
and Wide Distribution, A. Study in Folk-Lore.
London (Elliot Stock) 1888.
Mit Berufung auf die von E. B. Tyıor gelegentlich auss‚eführte
 Theorie, dass wir in den Spielen der Kinder Ueber-3bsel
 alter Sitten finden, sucht der Verfasser die „Auszählreime“
ler Kinder als Ueberlebsel alter Zauberformeln zu erklären,
zie sie Zauberer bei Ordalien, Wahrsagungen u. dgl. ge-»rauchten.
 Nicht weniger als 877 solcher Kinderreime hat
ler Verfasser aus allen Welttheilen gesammelt. Wenngleich
:nglische und deutsche Kinder die grösste Anzahl dieser
Zeime geliefert haben, so finden wir doch auch neben Auszählreimen
 in den meisten andern europäischen Sprachen
3äne grosse Anzahl aus Amerika und einige wenige aus Asien
ınd Afrika. Alle diese Reime und Knittelverse haben un-’estreitbar
 einen gemeinsamen Charakter und werden von
lien Kindern aller Länder in gleicher Weise gebraucht, um
lenjenigen herauszufinden, der die unangenehme Rolle beim
Spiele, z, B. beim Versteckenspielen, übernehmen soll, und der
ron den japanesischen Kindern „Oni“ oder „böser Geist“,
ron den deutschen „der Wolf“, von den französischen „le
oup“ und von den englischen einfach „it“ genannt wird,
st die Sammlung dieser Auszählreime eine Arbeit grossen
‚Jeisses, so ist der Versuch einer Erklärung auf jeden Fall
in geistvoller‘ zu nennen, obwohl der Verfasser vielleicht
nanchmal etwas zu weit geht. Ohne die Berechtigung der
>thnologischen Erklärung der Kinderspiele und Reime
jestreiten zu wollen, halte ich doch dafür, dass manches
sich einfacher psychologisch erklärt. Und das Wortzerdrehen
 und sinnlose Zusammenstellen von Worten, welches
ür die Auszählreime so charakteristisch ist, ist gewiss auch
zum grossen Theile dem Humorbedürfniss der Kinder
zuzuschreiben. Winternitz.

92,
Pametnici iz Bulgarsko. Od bratia Skorpilovi.
Dil. L, Cast I, Trakia. S jedna tablica, 10 figury
a jedna karticka v tekst. Sofia 1888. Denkmäler
 Bulgariens. Von den Gebrüdern SKorrın.
Arster Band; erster Theil, Thracien, Mit einer Tafel,
‚0 Figuren und einer Karte im Text. Sofia 1888.
Mit grösstem Interesse begrüssen wir die vorstehende, in
yulgarischer Sprache und Schrift verfasste Publication aus einer
            
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