Das Schamanentum der Jakuten.
Nach dem Russischen des V. L. Priklonskij
Dr. Friedrich S. Krauss.
Vorbemerkung.
In den Mittheilungen unserer Wiener Anthropologischen
Gesellschaft vom Jahre 1886 widmete ich
PrıxLonsKıy’s Arbeit *) eine Anzeige, in welcher ich
die besondere Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf
lie wichtigen und werthvollen Angaben der Schrift
zu lenken bemüht war. In Anbetracht der grossen
Zedeutung dieses eigenartigen und seltenen Materials
und in der Absicht, dasselbe der deutschen Wissenschaft
zugänglich zu machen, ertheilte mir unser
Präsident den ehrenvollen Auftrag, das Werkchen
zu verdeutschen.
Zu meiner damaligen Anpreisung der Schrift
brauche ich jetzt umsoweniger etwas hinzuzufügen,
als sich ja der Leser nun selber darüber ein Urtheil
wird bilden können. Bemerken muss ich nur noch,
dass PrixiLoxsKis hier auch die einschlägige ältere,
für uns Westeuropäer so gut wie unzugängliche
sibirische Literatur mit reifem Sachverständniss und
gutem Geschmack zu verwerthen gewusst hat, dass
er also nicht ausschliesslich eigene Beobachtungen
mittheilt. Von seinen sibirischen Correspondenten
verdient der Lehrer Prıruzov namentliche Erwähnung.
Von PrixLoxsKu’s eigenen Betrachtungen und KErwägungen
durfte ich nur wenige aufnehmen. Ueber
das Schamanentum ist schon so viel geschrieben worden,
dass man die daran sich anknüpfenden Fragen
in unserem Falle entweder gar nicht oder in einer
weit ausführlicheren Weise, als dies bei PrRıkLonsKuy
geschehen, behandeln muss.
Als Uebersetzer nahm ich mir die Freiheit, unter
Anderem manchen veralteten Ausdruck PrıxLoxsKu’s,
dem Stande unserer Forschung gemäss richtigzustellen.
Wenn ich späterhin im Einzelnen darauf
nicht mehr aufmerksam mache, so geschieht dies aus
1) In den: „Izvestija vosto@no-sibirskago otdjela imperatorskago
russkago geografiteskago ob&ätestva“, Tom XVII.
Yr. 1—2. Irkutsk, 1886. x
4littheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien, Bd. XVIIL. 1888.
lem Grunde, weil man einem Manne, der uns so
viel Neues und Gutes darbietet, mit kleinlich erscheinenden
Nörgeleien nicht zusetzen soll.
Die Darstellung im Originale ist klar, schmucklos
und meist sachlich gehalten, nur zuweilen ist
lie Satzfügung wegen mancher sibirisch-russischer
Eigenthümlichkeiten schwerer verständlich, doch
immerhin verständlich.
Bei der Umschreibung der jakutischen Worte und
Wendungen der Vorlage aus der cyrillischen in die
‚ateinschrift hielt ich es‘ für angezeigt, die russische
„autbezeichnung genau beizubehalten. Die richtige
Wiedergabe der mir sonst fremden jakutischen Lautwerthe
kann ich weiter nicht verbürgen.
Krauss.
Die religiöse Anschauungsweise. Der Naturnensch
ist seiner Auffassung nach durch und durch
Materialist; ’abstracte Begriffe sind für seinen Verstand
unerreichbar. Beim Naturmenschen geniessen
zöttliche Wesen nur so lange ein Ansehen, als sie
hm einen materiellen Nutzen gewähren, Die Gechichte
ist überreich an Beispielen, dass verlorene
jchlachten der Beweggrund zur Lossagung von den
rüheren Gottheiten gewesen. Die alten Gottheiten
ı1aben ihre Hilfe versagt, folglich und selbstverständich
muss man sich neue suchen, — das ist die
ogik des Naturmenschen. So mancher von uns hatte
schon Gelegenheit zu hören, dass die Mongolen nach
3inem glücklichen Ausgang einer Unternehmung ihren
dolen den Mund mit Speisen zu bestreichen pflegen,
im Falle eines Misserfolges aber eben diese Idole
mit Ruthen durchschmitzen. -
Sobald wir uns mit dem Gesichtspunkte vertraut
machen, dass der Nichteulturmensch seine Gottheiten
nur insoweit schätze, als sie ihm Nutzen bringen,
3o wird es klar, dass im Falle einer Erschütterung
Jer Autorität der betreffenden Gottheiten die dogma-