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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 8=18.1888

— 157

veranschaulicht werden. Konfucius befasste sich nicht
mit metaphysischen Speculationen. Er erkannte das
Dasein des höchsten Gottes, Shang-ti, an, der
Gegenstand des Cultus des Kaisers für das ganze
Volk ist, aber weder dieser Gott, noch die ganze
Heerschaar niederer Götter, welche der alte volksthümliche
 Glaube geschaffen hatte und die trotz aller
religiösen Reformen sich in der Erinnerung des Volkes
behaupteten, sind in sichtbarer Weise dargestellt.
Die Lehre war ursprünglich ein Moralsystem, welches
sich mit den Angelegenheiten des Staates und des
socialen Lebens beschäftigte, An die Stelle der
Götterverehrung trat alsdann ein Ahnencultus, der
ursprünglich nur ein sichtbarer Ausdruck der den
Todten geweihten Achtung und Ehrfurcht war, später
indessen unter dem Einfluss des Buddhismus in wirkliche
 Anbetung ausartete. Name, Titel und Lebensstellung
 der Ahnen werden mit goldenen Buchstaben
auf die viereckigen Holztafeln, lin-pai, geschrieben,
vor welchen das Familienoberhaupt seine Opfer an
Speise und Räucherwerk niederlegt und seine Libationen
 vollzieht. Das Museum besitzt keine dieser Tafeln,
welche von der Familie mit grösster Verehrung behandelt
 werden und von denen sie sich nicht trennen
könnte, ohne sich eines Sacrilegiums !) schuldig zu
machen, Dahingegen enthält es eine ansehnliche
Reihe der Gefässe, die bei den Opfern benützt werden.
Mit echt chinesischer Treue für die Tradition hält
man fest an den alten Formen und der antiken Ornamentik.
 Die runde Blumenvase mit dem breiten
Rande, die grossen Bronzevasen zum Aufbewahren
des Weihwassers und die plumpen Räuchergefässe
finden wir in allen Perioden, stets von gleicher
Form und geschmückt mil dem Haupte des Fabel-“hieres
 tao-te, einer Art Löwe, der oft in rein ornamentale
 Schnörkel ausartet, mit den beiden Greifen,
die ebenfalls zu Ornamenten umgewandelt werden,
oder mit den Cicadenflügeln (tseng-wen) — den
Motiven, welche überhaupt die ganze ältere chinesische
 Ornamentik beherrschen. Das einzige Bild,
zu welchem der officielle Konfucianismus sich bekennt,
 ist das Porträt des grossen Philosophen selbst.
Dass er dem Loos der meisten anderen Religionsstifter,
mit der Zeit ein Gegenstand göttlicher Verehrung zu
werden, entgangen ist, kommt ohne Zweifel daher,
dass die Lehre des Konfucius eines eigentlich religiösen
Inhaltes ermangelt, theils auch daher, dass sie früh

1) Eine Beschreibung dieser Tafeln findet man in dem
Werke DE Groors: Les fötes annuellement c6elebrees a Emoui
Annales du Mus6&e Guimet XI, S. 19).
Mittheilungen d, Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd, XVIII, 1888,

mr Staatsreligion geworden ist und von dem „Sohne
{es Himmels“ selbst und den Gelehrten repräsentirt
vird. Es sind ihm freilich in nahezu allen Städten
/empel errichtet, Nachbildungen des auf seinem
irabe errichteten Gebäudes, aber man verehrt in
hm nur den vortrefflichsten Mann der Nation, gleicham
 die Verkörperung der chinesischen Denkungsart,
;hne die Grenze zwischen Ehrerbietung und reliylösem
 Cultus jemals zu überschreiten. Das Museum
Juimet besitzt zwei Bilder des Konfucius, wie sie
n den Tempeln und Examenssälen vorkommen; das
ine auf Papier gemalt, wahrscheinlich von einem
Tapanesen, das andere eine kleine charakteristische
3ronzestatue, welche den Philosophen als einen ehrwürdigen
 Alten darstellt in königlichem Gewande,
las Haupt mit der Tiara yu-pen geziert und in
3Zetrachtungen versunken *).
Im Gegensatz zur Lehre des Konfucius haben
lie beiden anderen chinesischen Religionen, der
Taoismus und der Buddhismus, eine ausser-)rdentlich
 zahlreiche Götterwelt. Beide Religionsormen
 sind so mit einander vermischt, dass es oftnals
 schwer fällt, zu unterscheiden, welche Götter-;ypen
 dieser oder jener Lehre angehören. Der Taoismus
jegann überhaupt erst unter Beeinflussung des Bud-‚hismus
 Götterbilder zu machen; allein nachdem der
Schritt einmal geschehen, wurde die Menge der Götter
mmer grösser, indem die Zahl derselben mit dem
/erfall der Religion anwuchs. Das philosophische
System Lao-tseus, dessen Kern metaphysische Speulationen
 bilden, wird zwar zum Theil noch von
jer höheren Priesterschaft bewahrt, aber so wie der
"aoismus jetzt im Volke lebt, von niederen unwis-‚enden
 Priestern vorgetragen, ist er nur noch eine
Jammlung grober abergläubischer Vorstellungen, in
ler sowohl die Götter des alten China, grösstentheils
ersonificirte Naturkräfte und Himmelskörper, als
ine Menge Philosophen und Heroen als göttliche
Nesen Platz gefunden haben.
Shang-ti, der Herr des Himmels, der oberste
zjott des alten China, hat im Taoismus bildliche
*estalt erhalten, Das Museum Guimet besitzt ein
7aar dieser seltenen Darstellungen, die an den Tafeln,
lie er in den Händen trägt, kenntlich sind. In der
‚ehre des Lao-tseu ist er die erste Person der
ıöheren Dreiheit, welche die Welt regiert, und
lie einzige, die bildlich dargestellt wird. Diese übersinnliche
 Gottheit ist nämlich in dem Bewusstsein
1) Eine Abbildung in den Annalen des Musee Guimet,
IV, Pl. V.
            
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