156 —
Kuan-yin und einiger anderer populärer Götzen,
welche in den Küstenstädten in die Hände der Europäer
geriethen. Die Erklärungen der erworbenen
Sachen erhielt man öfters von Reisenden, welche
keine Veranlassung hatten, sich über religiöse Ideen
zu belehren; und selbst wo solche Mittheilungen
von den Eingebornen herrührten, waren sie oftmals
unrichtig. Der chinesische und japanische Laie kennt
lie Heerscharen der Götter, die seinen Himmel bewohnen,
ebensowenig, wie der katholische Laie alle
Heiligen kennt. Sichere Auskunft wird nur der Gelehrte
geben können, welcher die Religion zum
Gegenstand seines Studiums gemacht hat.
Seitdem die ostasiatischen Länder dem Europäer
offen stehen, haben sich die Verhältnisse in dieser
Hinsicht geändert. Serien von Cultusgegenständen
sind nach Berlin, Leipzig und London gekommen,
doch sind es immer nur noch Anfänge zu systematischen
Sammlungen. Dahingegen hat Emm Gumert
in dem von ihm gegründeten grossartigen Museum
in Lyon ein Material zusammengetragen, das sowohl
durch seine Reichhaltigkeit als seine Zuverlässigkeit
für das Studium des ostasiatischen Cultus von allerpgrösster
Wichtigkeit ist.
Das Musge Guimet wurde im Jahre 1878 in
Lyon gegründet. Nachdem die Sammlungen dem
Staat als Geschenk überwiesen sind, ist die Uebersiedlung
derselben nach Paris nunmehr vollzogen,
Der Zweck dieser Schöpfung war der, ein Centralinstitut
für das Studium aller Religionsformen in’s
Leben zu rufen, die sich auf anderer Grundlage als
der des Christenthums entwickelt haben. Kinige
derselben sind hinsichtlich ihres leitenden Gedankens
und ihrer dogmatischen Lehrsätze wohl bekannt,
wohingegen. man über die Art und Weise, wie sie
mittelst des Cultus im Leben auftreten, noch sehr
wenig weiss, Die ursprünglichen Ideen sind im Laufe
ler Zeit von localem Fetischismus überwuchert, der
Jas Wesen der Gottesverehrung völlig verändert hat,
weshalb dieselbe nur mittelst der Idole und Cultusgegenstände
erforscht werden kann, Dies gilt besonders
von den asiatischen Religionen, welche überhaupt
das grösste Interesse im Musee Guimet gewähren,
während die alten Religionslehren Aegyptens,
Griechenlands und Italiens, die allerdings dem Plane
des Museums gemäss gleichfalls vertreten sind, an
anderen Orten ausgiebiger beleuchtet werden.
Unter den asiatischen Sammlungen sind die chinesischen
und japanischen am werthvollsten, weil die
Zeleuchtung der Religionsverhältnisse dieser Länder
ılrgends ihres Gleichen hat, wohingegen der Cultus
jes Brahmanismus, obwohl ebenso vollständig vor-‚eführt
wie der Ostasiens, aus den Sammlungen in
‘‚ondon. Berlin, Kopenhagen und München schon
jekannt ist. Ausserordentlich bedeutend ist die Menge
ler Manuseripte und Cultusgegenstände, welche Er,
Jumer zum Theil auf seinen Reisen in China und
Japan selbst gesammelt hat. Aus Japan allein hat
ır nicht weniger als 300 Kakemonos religiösen In-‚altes,
600 Idole und 1000 Bände religiöser Schriften
‚eimgebracht. Auf mehreren Gebieten ist der Stoff
‚ollständig, auf anderen jedenfalls so umfangreich,
lass er eine vollausreichende Charakteristik nicht
ıur der Hauptsachen, sondern auch von einer Menge
Zinzelheiten gibt, die nur mittelst Anschauung der
jegenstände selbst gegeben werden kann. Letztere
ind begreiflicherweise in künstlerischer Beziehung
ron ungleichem Werth; jeder Gegenstand, welcher
iber das Wesen oder die Eigenschaften eines Gottes
Aufschluss gibt, ist in die Sammlung aufgenommen,
auch wenn die Ausführung noch so primitiv, so dass
nan in den Serien nicht selten die unscheinbarsten
Dinge neben solchen findet, die durch hohes Alter
1nd künstlerische Vollendung überaus kostbar sind.
Was aber. diesem Museum den hohen Rang als
wissenschaftliches Institut verleiht, ist nicht sowohl
Jer Reichthum an Material, als auch die gewissenhafte
\rt, auf welche die Untersuchungen desselben berieben
sind. In richtiger Erkenntniss, dass eine absolut
sichere Bestimmung des Stoffes nur von einzeborenen
Gelehrten gegeben werden könne, hat
Iyımer Männer aus Indien und Ostasien berufen,
lie mit der Religion ihrer Landsleute wohl vertraut
ind. Mit ihrer Beihilfe ist alsdann das Museum gejrdnet
und in Folge dessen eine solche Autorität
zeworden, dass man behufs sicherer Bestimmung
‚stasiatischer Cultusgegenstände dort stets die gesuchte
Belehrung finden wird. In zweien von dem
Museum herausgegebenen Zeitschriften ‘) werden
Jebersetzungen der in seinem Besitz befindlichen
Manuscripte und eingehende Forschungen über die
Zeligionen weiteren Kreisen kundgegeben.
China. Die officielle Religion des himmlischen
Zeiches, der Konfucianismus, kann seiner Be-‚chaffenheit
wegen in einem Museum nur spärlich
1) Annales du Musee Guimet, I—XI; Revue de Vl’histoire
les religions, I—XV. Ein vortrefflicher beschreibender Kata-‚og
des Museums ist von dem Director M. L. de MiLLOvug herıusgegeben.,