schen Schädel, kann weder mit einer etwaigen —
im Laufe der Jahrhunderte — abnehmenden Körpergrösse
der Deutschen, noch mit deren zunehmender
Intelligenz in Verdindung gebracht werden, obgleich
beide Momente mit Brachycephalie Hand in Hand
gehen..... Die richtige Erklärung dieser Thatsache
liegt offenbar in der Annahme einer Rassenmischung.
Dass zwei oder mehrere Rassen den Grundstock
der deutschen Bevölkerung bilden, zeigt sich
daran, dass, wie oben gezeigt wurde, anderweitige
physische Differenzen mit denjenigen der Schädel
Hand in Hand gehen..... Alle diese Umstände
weisen auf Rassedifferenzen hin. So lange die freien,
waffentragenden Germanen, die in den Reihengräbern
begraben liegen, nur unter sich heirateten, erhielten
sie ihren Schädeltypus unverändert; als Rassenmischung
mit fremdartigen Elementen eintrat, die
als Selaven, Kriegsgefangene, Freigelassene, vielleicht
auch als eine vorgermanische eingeborene Bevölkerung
jedenfalls auch schon damals vorhanden waren,
wurden die Schädel im Laufe der Jahrhunderte allmälig
mehr und mehr brachycephal. Slavische und
romanische Beimischungen, die auch historisch nachweisbar
sind, haben also aus dem ursprünglich dolichocephalen
germanischen Schädel in die heute brachycephale
deutsche Form hinübergeführt, Analoge Differenzen
zeigen sich in Italien, Frankreich, Dänemark,
Russland u. s. w. — überall stösst man auf einen
Grundstock der Bevölkerung, dessen ursprüngliche
Herkunft durch weitere Forschung in jenen Ländern
aufgeklärt werden muss.“
Es sei gestattet, die Frage aufzuwerfen, wieso es
gekommen, dass der dolichocephale und mesocephale
Typus in der lebenden Bevölkerung so sehr in die
Minorität gerathen ist.
In dem dritten Beitrage „Ueber die in Tirol vorkommenden
Schädelformen“ versuchte ich eine Erklärung
dieser Verhältnisse darin, dass die Schädellormen
heute noch, wie alles Organische, dem stetig
wirkenden Processe der Umformung unterworfen sind,
in der Weise, dass aus dem Langschädel allmälig
ein Kurzschädel wird.
Der Korı.manw’schen Ansicht, dass all die bekannten
Schädeltypen aus einer und derselben Uriorm
hervorgegangen sind, wird man dem heutigen
Standpunkte der Wissenschaft entsprechend wohl
unbedingt beipflichten müssen. Nach Ko_1ıimaAnn !)
hätte sich die Urform des Menschen in 6—8 Formen,
in „Subspecies“, differenzirt durch die transfor-&r
9 Le 8. 209.
nirende Tendenz, welche sowohl in dem Organismus
ıls in der Umgebung liegt. Aus diesen Subspecies
haben sich schon vor dem Diluvium die „Variesates“,
die Varietäten oder Rassen entwickelt.
Insere alten Schädelfunde zeigen, dass der Process
ler Umformung mit dem Diluvium abgeschlossen
war und die transformirende Macht auf die rassenanatomischen
Eigenschaften der Menschen
seit jener Zeit keinen umändernden Einfluss geübt hat.“
Wenn man aber mit KornımAanN eine auf den
jchädel einwirkende transformirende Macht mit Recht
ınerkennt, eine Macht, welche alle die Varietäten
‚rzeugte und welche mit dem Diluvium den Ab-‚;chluss
gefunden, so hindert nichts anzunehmen,
lass nicht auch noch nach dem Diluvium der fortwährend
wirkende Process der Umformung, dem
ılles Organische unterworfen, innerhalb der Varie-‘aten
seine transformirende Macht übt, vielleicht bis
zu dem Grade, dass neue Varietäten erzeugt werden.
Dem Verhältnisse entsprechend, dass einst die
Jolichocephalen und Mesocephalen vorherrschten,
vährend heute die Brachy- und Hyperbrachycephalen
N erster Reihe stehen, liegt die Vermuthung nahe,
lass in Folge „der transformirenden Tendenz, welche
sowohl in dem Organismus als in der Umgebung
jegt“ (KonLMmAnn), die einst so zahlreich gewesenen
Jolicho- und Mesocephalen in die Brachy- resp. Hyper-)rachycephalen
übergeführt wurden und noch werden,
Nach Jony!) scheint klar erwiesen zu sein, dass die
Dolichocephalie älter ist als die Brachycephalie.
Zu dieser Aussage wird man nicht nur durch die
Antwicklungsgeschichte, sondern auch noch. dadurch
aingeleitet, dass alle Schädelformen, in eine Reihe
zebracht, zeigen, dass vom extremen Dolichocephalen
%s zum extremen Hyperbrachycephalen allmälige
Jebergänge existiren und die einzelnen Typen keinesvegs
scharf geschieden sind.
Es liesse sich dann auf diese Weise erklären,
wieso es gekommen, dass einst die Langschädel in
Majorität waren und diese jetzt nun die Kurzschädel
nesitzen.
Die Veränderung, die der Schädel durch die
;ransformirenden Processe erreicht, betrifft haupt-‚ächlich
die Occipitalregion; das weit vorspringende,
yyramidenförmige Occiput ist im Laufe der Zeiten
zrossentheils verloren gegangen.
Es wäre gewiss von grossem Interesse, die emoryonalen
und kindlichen Schädel der einzelnen
Rassen in Beziehung auf die Formen zu untersuchen,
1) Der Mensch vor der Zeit der Metalle, Leipzig 1880. S.427,