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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 7=17.1887

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grossen Leichtgläubigkeit gerade in diesen Dingen
die Thore öffnete.
Angesichts so vieler Möglichkeiten, sich über den
Thatbestand der Anthropophagie getäuscht zu sehen,
ist die Frage: Existirt überhaupt Anthropophagie
als weitverbreitete Sitte in irgend einem Gebiete?
nicht als müssig anzusehen. Es ist nicht lange her,
dass Fıxsom diese Frage für Neu-Guinea klar verneinte
 und dass Gmore Warrz die Anthropophagie
in Afrika für nahezu verschwunden erklärte. AzArRA
leugnete ihr Vorkommen in Südamerika. In Neusaledonien,
 auf den Palau-Inseln, im Mackenzie-Gebiet
wollten die frühesten Beobachter keine Spur von
Anthropophagie gesehen haben, während spätere ihr
Vorkommen behaupten. R. Anpres hat nun mit
vesonderer Aufmerksamkeit die directen Berichte der
Augenzeugen verfolgt und ausführlich vor den Leser
gebracht. Wer Gmore ScHwEINFURTE'S Schilderung
der Anthropophagie bei den Monbuttu und Njam-Njam,
oder Du Cuamzus’ früher angezweifelte, später mehrseitig
 bestätigte Nachrichten über die kannibalischen
Fan, oder die sich häufenden Belege, welche aus
Melanesien und Polynesien beigebracht werden, liest,
dem wird jeder Zweifel an dem Vorhandensein der
schrecklichen Sitte schwinden. Wenn die zahlreichen
halb oder ganz unsicheren Zeugnisse, welche daneben
vorgebracht werden, etwas mehr in den Hintergrund
gedrängt wären, würde diese Wirkung sich noch
zweifelloser geltend machen. Versuchen wir es, die
Gebiete ausgesprochener und in grossem Masse geübter
 Anthropophagie aneinander zu reihen, so finden
wir zunächst eine Anzahl derselben im westlichen
Central-Afrika von der Sierra Leone bis in das
Gebiet der Fan sich hinziehen, welche wahrscheinlich
 in Verbindung stehen mit den Ländern intensivster
 Menschenfresserei im oberen Westnil- und
Uelle-Gebiet. Manjuema und der nördliche Congo-Bogen
 fallen noch in diese Region hinein. Schwächere
Spuren der Anthropophagie reichen dagegen von Darfur
bis zu den nördlichen Betschuanen. Die Sitte tritt
in Asien kräftig entwickelt nur in Sumatra auf, um
dafür in Australien und auf den Inseln des Stillen
Oceans in verschiedenen Abstufungen fast allgegenwärtig
 sich zu zeigen. Sie war bei der Entdeckung
der Neuen Welt in Westindien, woher ja der Name
Kannibalen stammt, und im äquatorialen Südamerika
und im Hochlande von Mexico bis Peru verbreitet
und kam stellenweise auch im gemässigten Nordand
 Südamerika vor. Es fällt also ohne Zweifel das
Hauptgewicht in der Verbreitung der Anthropophagie

n die heissen Erdstriche, wenn auch Neuseeland
len Beweis liefert, dass eine grässlich ausgedehnte
JTebung der Anthropophagie in gemässigtem Klima
nöglich war, Südamerika und die Länder des Stillen
)ceans sind bis in die jüngste Zeit die Gebiete der
weitesten räumlichen Ausbreitung der Anthropo-)hagie
 gewesen. Die verschiedensten Grade der Aus-»ildung
 dieses Gebrauches liegen geographisch hart
ı1ebeneinander und man erkennt, dass die Extreme
lies Fortschrittes und Rückganges in Bezug auf die
Möglichkeit und Ursache ihrer Entstehung nicht
veit auseinander liegen,
Wenn nun die heutige geographische Verbreitung
ler Anthropophagie zeigt, dass in den Culturgebieten
ler Alten Welt, einschliesslich der Gebiete der Hirtenı10maden,
 dieselbe fehlt, so scheint die Art und
Weise des Rückganges darauf hinzudeuten, dass die
Jultur ohne Zwang, gleichsam durch den Einfluss
hrer Atmosphäre, eine zurückdrängende Wirkung
ibt. Hören wir, dass auf den Neu-Hebriden die
\nthropophagie zurückgehe an den Küsten jener
‚nseln, an welchen häufig Europäer verkehren, dass
sie auf Neuseeland schon 1835 selten war, dass sie
auf Tonga, einer in manchen Beziehungen schon
n der voreuropäischen Zeit höherstehenden Inselzruppe
 Polynesiens, zu MAxrıner’s Zeit verschwunden
war und nur stellenweise von Fidschi her wieder
yıngeführt ward, vernehmen wir, wie fast überall
ne Scheu sich kundgibt, sie vor den Weissen sehen
zu lassen, so gewinnt man den Eindruck, dass ein
‚eitweilig unterdrücktes Gefühl von Menschlichkeit
zich gegen sie in dem Augenblick erklärt, wo äussere
Jmstände dessen Hervortreten begünstigen, Sehr
)jemerkenswerth ist in dieser Beziehung die von
\nDrREE mitgetheilte Notiz BaAnansa’s über die Loyaitäts-Insulaner:
 „Seit einigen Jahren (der betreffende
\ufsatz erschien 1873) ist der Götzendienst verschwunden
 und mit ihm die Anthropophagie und
ılle Uebel, welche er mit sich bringt.“ Die Seltenheit
 der Anthropophagie an der von Arabern längst
jesuchten Ostküste Afrikas gehört wohl ebenfalls
ılerher. Die merkwürdige Thatsache des sporadischen
\uftretens und Fehlens der Anthropophagie in Gexieten,
 wo sie sonst fehlt oder beziehungsweise häufig
st, scheint nur so sich erklären zu lassen. Es wäre
ron grösstem Werth, wenn alle Thatsachen über
lie Ursachen und Umstände des Rückganges dieser
Insitte, wo es noch möglich, genau beobachtet und
verzeichnet würden. In der Literatur der Missionsjerichte
 würden noch manche Fälle zu finden sein,
            
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