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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 7=17.1887

DB

genden, ja aus fremden Welttheilen importirt. Die
Obsidiane hielt man für amerikanisches, die
Flinte für skandinavisches Fabrikat. Noch in
den Fünfzigerjahren erklärte ein namhafter siebenbürgischer
 Alterthumsforscher, dass unsere Steinwerkzeuge
 „wahrscheinlich altgermanischen
Ursprungs“ seien!), Uebrigens erschien die Ansicht
 von der ausländischen Provenienz gar nicht so
unwahrscheinlich. Den Archäologen, welche die Lehren
der -Geologen nicht berücksichtigten, schien es, als
wäre in unseren Steinwerkzeugen ein Material vertreten,
 das in unserem Vaterlande unbekannt ist.
Ueberdies zeigten sich die Steinwerkzeuge auch in
Gegenden, wo das Steinmaterial durchaus fehlt.
Dazu kommt, dass unsere Steinwerkzeuge den ausländischen
 und überseeischen Steinartefacten äusserlich
 auffallend gleichen, was gleichfalls die Meinung
von dem fremden Ursprung unserer Steinwerkzeuge
 unterstützen konnte.
Wie falsch jedoch diese Ansicht ist, zeigt sich
sofort, wenn man die anscheinenden Beweisgründe
näher untersucht. Auf Amerika, welches die Breite
des Oceans von Ungarn trennt, brauchen wir hier
kaum Rücksicht zu nehmen; vor Allem müssen wir
vielmehr untersuchen, was für ein Zusammenhang
 zwischen der ungarischen Steincultur
 und der der Nachbarländer besteht?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen
der ungarischen Steinzeit und der westund
 nordeuropäischen, und was für einen?
Offenbar kann die prähistorische Forschung diese
Frage blos unter strieter und sorgfältiger Anwendung
der vergleichenden Methode meritorisch und
zuverlässig entscheiden. Das ist jene Methode, welche
Cuvıer in der Zoologie, Nızsson aber in der Archäologie
 zuerst mit so grossem Erfolge einbürgerte und
deren Anwendung IroLyı schon vor Jahren urgirte ?).
Zu diesem Zwecke machte ich mich daher in den
Monaten Juli und August des Jahres 1883 auf eine
Studienreise in’s Ausland, um auf Grund vergleichender
Untersuchungen wenigstens die theilweise Lösung dieser
wichtigen culturgeschichtlichen Frage zu versuchen.
1) Aczner: Die röm. Alterthümer u. deutschen
Burgen in Siebenbürgen, pag. 37.
?) „Sowie jener namhafte Fortschritt, den seit Cuvrzr die
Naturlehre und neuestens auch die Sprachwissenschaft gemacht,
 das Resultat der vergleichenden Studien ist, so kann
auch die Archäologie nur auf diesem Wege ihr wissenschaftıiches
 System zuverlässiger begründen und vollkommener
entwickeln.“ (A magyar r6gis6gtan. Mitgetheilt in den
Kisebb Munk. I. 560.)

Meine Reise führte mich aus Schleswig-Holstein
iber den grossen Belt nach Seeland und dann über
ien Sund nach Schweden und Norwegen, endich
 über das Kattegat nach Jütland. Bei dieser
zelegenheit lernte ich folgende Gegenden kennen:
Schonen, Smaland, Götaland, Oesterland, Nerike,
Sodermanland, Uppland, Gestrikland, Dalarne, Westnanland,
 Wermeland, Romerike, Hedemarken, Osterialen,
 Guldal, Trondhjem, Fosen, Romsdalen, Nordı1ordlan,
 den Sogne-Fjord, Valdres, Hadeland, Ringeike,
 Buskerud, Smaalenend, Dalsland und Bohuslan.
)ie von mir eingehend studirten Sammlungen sind
lie von Kiel, Kopenhagen, Lund, Göteborg,
Stockholm, Upsala, Fahlun, Trondhjem,
Zergen uud Christiania. Man kann sagen, dass
n diesen Sammlungen das prähistorische Steinmatejal
 von Schleswig-Holstein, Dänemark, Schweden
ınd Norwegen beisammen zu finden ist. Auf Grund
lesselben glaube ich in der mir vorgesteckten Frage
ımsomehr ein zuverlässiges Urtheil fällen zu können,
ıls das Verständniss der in den erwähnten Sammungen
 ausgestellten Steinalterthümer durch das
lirecte Studium der Fundorte mir wesentlich erleichtert
 wurde 1).
Die Frage, deren Lösung ich mir bei dieser Geegenheit
 zur Aufgabe machte, ist folgende: Kann
lurch Vergleichung der ungarischen und
ı1ordeuropäischen Steinwerkzeuge die Zuzammengehörigkeit
 der Steincultur dieser
beiden grossenGegendenerwiesen werden?
Iat namentlich die mittlere Donaugegend
‘hre prähistorischen Steinsachen aus der
aordeuropäischen Gegend erhalten? Kann
nan behaupten, dass die mittlere Donauyegend
 eine selbstständige Steincultur
)besass? War dies der Fall, hatte diese
wieder Einfluss auf die nordeuropäische
Steincultur?
Die Wichtigkeit dieser Fragen geht eigentlich
auch daraus hervor, dass eben Skandinavien jener
Theil des Continents ist, an den sich die ungewöhnlichsten
 Traditionen knüpfen. Von der Nord- und

1) Wenn HıLpDeBRAND’s Behauptung richtig ist, dass nämlich
‚ein Alterthumsforscher, der seine Studien gründlich betreibt,
;hne detaillirte Terrainkarten, selbst geologische, nichts ausäichten
 kann“ (Das heidnische Zeitalter in Schweden.
J. MEzsTorF’sche Hamburger Ausgabe v. 1873, pag. 66), so
muss offenbar jener Forscher, welcher sich bemüht, die Gezend.
 selbst und deren, die urzeitliche Cultur bedingenden,
aatürlichen Einfluss aus directer Anschauung kennen zu
ernen, seine Arbeit um so besser vollführen.
            
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