Das Bauopfer bei den Südslaven.
Von
Dr. Friedrich S. Krauss.
Am tiefsten wurzelt im gläubigen Gemüthe der
Völker aller Zeiten, besonders jener, die auf einer
primitiven Culturstufe sich befinden, die mythische
Vorstellung von der Belebtheit eines jeden Gegenstandes
in der Natur. Mit anderen Worten, um mich
volksthümlich verständlicher auszudrücken, jedes Ding
in der Welt hat seinen besonderen Herrn als innewohnenden
Geist. Will der Mensch z..B. von dem
betreffenden Dinge Besitz nehmen, so muss er vorerst
mit dem unsichtbaren, als Geist gedachten Inhaber
desselben unterhandeln, ihm das Ding förmlich
Rechtens abkaufen. Der Ethnograph nennt solchen
Glauben Animismus.
Der Animismus ist so tief in der menschlichen
Natur begründet, dass man sein Vorhandensein bei
jedem Volke getrost voraussetzen darf. Primitive
Völker sind bei den einfachsten Elementen dieses
Glaubens stehen geblieben, während ihn culturell
{ortgeschrittenere‘ in mannigfacher Weise ausbildeten.
Der Animismus ist ja eine der ersten und wichtigsten
Grundlagen aller Mythologien und auch aller
religiösen Systeme.
Die Erscheinungsformen des Animismus sind im
Volksglauben der Völker von grösster Mannigfaltigkeit,
gewisse Formen sind aber überall vertreten.
Eine der allergewöhnlichsten ist das Bauopfer. Der
Grundgedanke ist bei allen Völkern wesentlich derselbe.
Einmal will man dem Geiste des Bodens das
Baurecht abkaufen, ihn versöhnen, das andere Mal
lem Neubau einen Schutzgeist beigeben. Man denkt
eben, wo der Körper weilt, dort muss auch sein
Geist hausen. Darum mauert man in den Neubau
ain lebendes Wesen als Schutzgeist ein, Wo humane
Anschauungen bei höherer Culturstufe vorwalten, wird
statt eines lebenden Bauopfers ein lebloser Gegenstand
als Symbol des Opfers in den Bau eingefügt.
Die Thatsache kann nicht angezweifelt werden.
Das Bauopfer im angedeuteten Sinne ist fast bei
allen bekannten Völkern alter und neuer Zeit nachveisbar.
Es liesse sich ohne grosse Mühe ein stattlich
3Züchlein darüber schreiben %).
Das Bauopfer bei den Südslaven bietet eigentlich
zeine neuen Anhaltspunkte zur Erklärung der Ericheinung
dar. Die einschlägigen Ueberlieferungen
ind beinahe ausnahmslos auch im deutschen Volks-:]lauben
vertreten. Mir obliegt demnach nur die Aufzabe,
das Vorkommen des Bauopfers bei den Südslaven
les Näheren darzustellen. Einige besondere Eigen-:hümlichkeiten
des slavischen Volksglaubens werden
hiebei doch auch zum Vorschein kommen.
Die Geister des Bodens müssen nach dem Volks-;lauben
des Südslaven auch dann gewonnen werden,
venn man ein Feld urbar macht oder ein gekauftes
irundstück als neues KEigenthum zum ersten Mal
jestellt. In solchem Falle pflegt noch gegenwärtig
ler Bosnier die Hälfte einer Silbermünze auf den
\cker zu: werfen, So meint man, werden Erdutschungen
verhütet. Die andere Hälfte der Münze
)jewahrt man sorgfältig auf, förmlich um allezeit
inen Beweis für das geleistete Opfer in der Hand
zu haben. Findet Jemand zufällig die halbe Münze
ıuf dem Acker, so soll er sie nicht mitnehmen, denn
sie wird für den Finder eine Unglücksmünze.
Eine jede neue Baulichkeit heischt ein Bauopfer,
Inser Correspondent Herr TomaA Dracıcevie berichtet
aus Bosnien an unsere Gesellschaft über den Opfer-»rauch
bei der Errichtung eines neuen Bienenhauses:
‚Damit dein Bienenstand wohl gedeihe, nimm vor
Allem, bevor du Bienen einwirthschaftest, ein kleines,
;äugendes Ferkel und einen Igel, und vergrabe sie
‚ebendig im Bienenhaus, gerade unterm Bienen-1)
Literaturnachweise bei J. Grımm, D. Mythologie II,
S. 1095—1097. JuLius LıererTt in:. Christenthum, Volksglaube
ınd Volksbrauch. Geschichtliche Entwicklung ihres Vorstellungsinhaltes,
Berlin 1882, S. 457—460. Am Ausführichsten
bei FeLıx LıeerRecET in: Zur Volkskunde. Alte und
neue Aufsätze, Heilbronn 1879, S, 284—296 (Die vergrabenen
Venschen).