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3. Herr Dr. Moriz Winternitz gibt
Einige Bemerkungen über das Bauopfer bei den
Indern.
In der letzten Monatsversammlung unserer Gesellschaft
hat Herr Dr. Krauss zahlreiche Belege aus
Mythe und Brauch für das Bauopfer bei den Südalaven
erbracht. Es handelte sich hiebei darum, einerseits
aus Gebräuchen, welche als Ueberlebsel gelten
müssen, andererseits aus Märchen und Sagen die Spuren
eines ehemaligen Opfergebrauches nachzuweisen. JAKOB
Grimm !), EowAarD TyLor ”) und FreLix LIEBRECHT *)
mussten bei ihren Forschungen über diesen Gegenstand
denselben Weg einschlagen. Wenn ich mir nun
arlaube, das einmal angeschlagene Thema der Bauopfer
mit einigen Bemerkungen über Bauopfer bei den
[ndern fortzusetzen, so bin ich in der glücklichen
Lage, Ihnen directe Zeugnisse für Opfer, welche beim
Bau eines Hauses den Göttern, und insbesondere dem
Erdgeiste, welcher „der Herr des Bauplatzes“ ist, dargebracht
werden, vorlegen zu können. Bei den Indern
spielt ja das Opfer bis auf den heutigen Tag eine
sehr wichtige Rolle. Und die Vorschriften über Opfer,
welche sich in den uralten Ritualwerken der Inder
finden, sind auch heute noch in Kraft, Die altindische
Literatur, wenigstens die brahmanische, besteht wohl
zu zwei Drittheilen aus Werken über das Opfer, die
theils genaue Vorschriften über die Ausführung der
Opfer, theils mystische Speculationen über den Sinn
des Opfers enthalten. Wir haben daher auch über
wirkliche Bauopfer sichere Angaben und brauchen
ein solches nicht erst zu erschliessen. Freilich handelt
es sich dabei immer nur um Pflanzenopfer, höchstens
noch Thieropfer. Sowie wir aber zu dem Bauopfer in
der Gestalt von Menschenopfern kommen, stehen wir
auch bei den Indern, wie bei Germanen und Slaven,
auf dem Boden der Mythe und des Volksaberglaubens,
Frühzeitig, aber nie gründlich, ist in Indien das
Thieropfer durch das Pflanzenopfer verdrängt worden,
In einem berühmten Werke der altindischen Literatur,
in dem Aitareya-Brähmana, wird der Uebergang
vom blutigen. zum unblutigen Opfer sehr schön dargestellt
*‘). Die Götter, heisst es, wollten ein Opfer
haben; da schlachteten sie einen Mann; aber das Mark
(medha, das allein Werthvolle und Opferwürdige bei
einem Opferthier) entwich aus ihm und begab sich in
ein Pferd. So wurde das Pferd zum Opfer geeignet,
Die Götter schlachten das Pferd, aber das Mark ent-1)
J. Gaımmm, Deutsche Mythologie, 4. Ausgabe, II. Bd.,
S. 956 ff,
2) E. B. Tyior, Die Anfänge der Cultur. Deutsch von
N. W. SpengeL u, Fr. Posgxe. Leipzig 1873, I, 104 ff.
% F. Liesrecht, Zur Volkskunde. S. 284 ff.
*) The Aitareya Brahmana of the Rigveda, containing
the earliest speculations of the Brahmans on the meaning
of the sacrificlal prayers, and on the rites of the Vedic religion.
Edited (Sanscrit in Devanagari character), translated and
explained by M. Have. 2 vols. Bombay 1863. Siehe pag. 90 ff.
der Uebersetzung. Vergl. auch Räjendraläla Mitra, On
Human Sacrifices in Ancient India (im Journal Asiatic Society
of Bengal, Vol. XLV, Part I, 1876. pag. 76 seqq).
weicht und geht in einen Ochsen ein. Die Götter
;chlachten den Ochsen, aber das Mark entweicht in
in Schaf, Das Schaf wird geschlachtet, und der Opferheil,
der medha, begibt sich in eine Ziege, Und in
ler Ziege blieb er lange Zeit. „Darum ist unter den
ırwähnten Thieren die Ziege am geeignetsten: zum
)pfer.“ Da schlachteten die Götter die Ziege; das
fark ging hinaus aus der Ziege und verbarg sich in
ler Erde. „Alle jene Thiere, aus welchen der Opfertheil
ıntwichen ist, sind nicht geeignet zum Opfer, daher
‚oll man ihr Fleisch nicht geniessen,“
Nachdem also der Opfertheil in die Erde sich bezeben
hatte, umgaben ihn die Götter, dass er nicht
ntweichen konnte; er verwandelte sich dann in Reis . ...
Jaher ist der Opferkuchen, welcher beim „Thierıpfer“
(welches nunmehr blos noch den Namen hat)
largebracht wird, das Thier, welches getödtet wird.
)ie Strohhalme von dem Reis, aus dem der Kuchen
yesteht, sind die Haare des Thieres, die Reishülsen
ind das Fell, die kleinsten Theilchen sind das Blut,
ll die feinen Theilchen, zu welchen der Reis gemahlen
vird, um dann zu einer Teigmasse geknetet zu werden,
„ilden das Fleisch, und alles Andere, was noch wesentlich
ın dem Reis ist, sind die Knochen des Thieres. Wer
laher den Purodäßsa, den Opferkuchen, darbringt,
ler opfert die Opfersubstanz aller Thiere, die ja in
jem Reis enthalten ist, Es ist dies eine mystische
jeschichte des Opfers, die mit den Thatsachen ganz
übereinstimmt. *)
Die Opfer der Inder bestehen daher zumeist in
nem Mus von Reis oder auch Gerste. Nur für ausser-»rdentliche
Fälle (es werden als solche namentlich genannt:
Hochzeit, Empfang von Gästen und Manencult)
hat sich das Thieropfer länger erhalten. Wir finden
laher in den Grihyasütren”’), den Ritual-Lehr-„üchern
der Inder, welche auch die Vorschriften über den
3au eines Hauses enthalten, fast durchwegs nur das
pflanzliche Opfer erwähnt, Auf eine Ausnahme werde
ich Gelegenheit haben, aufmerksam zu machen.
1) Pferde- und Kuhopfer sind ebenso werthvoll als selten,
Jas Ziegenopfer hat sich am längsten von allen Thieropfern
arhalten. Auch bei den Germanen lassen sich die Stufen:
Menschenopfer, Pferdeopfer, Rinderopfer, dann : Eber-, Widder-,
Böcke-, Lamm- und Ziegenopfer verfolgen. Grımm, Deutsche
Mythologie, Bd. I, S. 35—43.
2) Folgende Werke sind benützt worden: Grihyasütränı,
Indische Hausregeln. Sanskrit und deutsch: herausg.
von Ap. F, Srtenzuer, I. Äsvaläyana. II. Päraskara. (Abhandlungen
für die Kunde des Morgenlandes, herausg. von der
Deutschen Morgenl. Gesellschaft, II, IV. und VI. Bd. 1864
bis 1877.) — Das Cänkhäyanagrihyam, Sanskr. u. deutsch
herausg. von H. OLDenserRe (Indische Studien, herausg. von
\ Weser, Bd. 15, Leipzig 1878). — Das Gobhilagrihyasütra,
herausg. und übersetzt von F. Knausr, Dorpat 1884
is 1886. — The Grihya-Sütras. Rules of Vedic Domestic
Jeremonies. Translated by Hermann OLDenBEerRG. Part. I:
jänkhäyana-Grihya-Sütra, Äsvaläyana-Grihya-Sütra, Päraszara-Grihya-Sütra,
Khädira-Grihya-Sütra. Oxford 1886. (The
3acred Books of the East, edited by F. MAx Mö_1LEr,
Vol. XXIX.) — Ausserdem habe ich noch das ÄApastambiya-}rihyasütra,
dessen von mir besorgte Ausgabe unter der
’resse ist, und das Mänava-Grihyasütra, von dem Herr
'rof. BüuLEer ein Manuseript besitzt; vergleichen können.