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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 7=17.1887

- 185

Die Grabfelder aus der Völkerwanderungszeit
(„Hasselberg“ bei Butzow und zwei andere, etwa 350-—500
n. Chr., 9 Tafeln) enthalten vorwiegend Typen, die sich schon
während der Kaiserzeit entwickelt haben und zum Theil schon
bei Fohrde vorkommen, Dürftig und einförmig in ihrem Gehalte,
gehören sie doch wahrscheinlich derselben longobardischen Bevölkerung
 an, welche die Mark während der Kaiserzeit und
wohl schon früher bewohnte; nur dass eben jetzt der Kern der
Nation, die waffenfähige Mannschaft, in fernen Ländern dem
Kriegsglücke nachging und blos Weiber, Kinder und Greise
in der Heimat zurückgeblieben waren, Dieser Umstand bevreitete
 auch die nahe Herrschaft der von Südost her eindringenden
 slavischen Stämme vor. Diese Letzteren brachten
überall in den früher von Germanen besiedelten Landstrichen
sine sehr gleichmässige, aber auch sehr dürftige, nur in der
Anwendung der Töpferscheibe einen entschiedenen Fortschritt
bekundende Cultur zur Herrschaft, In mancher Hinsicht, wie
in Schiffbau und Seefahrt, einem Zweige, worin die Wenden
später grosse Erfolge hatten, scheinen die Germanen ihre
Lehrmeister gewesen zu sein. Gegen die früheren, hohen Vorstellungen
 von der Cultur der Urslaven ist es eine sehr bescheidene
 Ausbeute, die uns, Taf, 72, als wendischen Gräbern
antstammend, vorgestellt wird. Die Wenden begruben ihre
T’odten in der Regel ohne Beigaben, und die Reste der Ersteren
ind zumeist in der lösenden Erde verschwunden,
Hoernes.

68

Searabelli Gommi Flaminj, &. Stazione preistorica
 sul monte del Castellaccio presso Imola
scoperta et interamente esplorata. (Con 23 tavole
in litografia, delle quali 3 grandi colorate.) Imola
1887, 4°.
Der Hügel Castellaccio, in einer Krümmung des Rio
FPondazza bei Imola gelegen, erscheint wie geschaffen für eine
prähistorische Bevölkerung, die hier einen sicheren und geräumigen
 Ansiedlungsplatz vorfand. Seine breite Oberfläche
zeigt sich denn auch bedeckt mit Spuren eingerammter Holzpfähle,
 älteren und jüngeren Feuerstellen und Brandgruben;
hie und da sind auch Skelette (spätere Beisetzungen) zum
Vorschein gekommen. Die Pfahlsetzungen verrathen die Grundrisse
 zahlreicher, meist runder, seltener viereckiger Hütten
‚fondi di capanne). Das Bild der Schichten, in welchen die
verschiedenen Ueberreste erhalten sind, hat der Autor mit
grosser Treue aufgenommen, wie überhaupt die ganze Untersuchung
 von dem als Geologen hiezu trefflich vorgebildeten
Entdecker mit aller erdenklichen Sorgfalt ausgeführt worden
ist. Die Manufacte der Hüttenbewohner bezeugen eine Culturstufe,
 welche jenseits der Alpen etwa durch die Laibacher
Moorfunde vertreten ist, jedoch mit Ansätzen zur Cultur der
Terremare, welche aus jener älteren Stufe in Italien durch
Berührung mit einer höher entwickelten Völkerschaft hervorgegangen
 ist. Besonders instructiv für die Vergleichung
mit den älteren mitteleuropäischen Pfahlbaufunden sind die
Formen und Ornamente der Gefässe und kleinen Utensilien
aus Thon, der Geräthe aus Knochen und Hirschhorn, sowie
das spärliche Vorkommen von Bronze. Es ist ein Uebergang
zon. der neolithischen zur Bronzezeit, d. h. von der Cultur
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien, XVII. Bd. 1887.

ler Höhlen und Erdhütten zu jener der Terremare, oder anlers
 ausgedrückt, von der Zeit, in welcher die Menschen in
talien vorwiegend Berglandschaften bewohnten und von Jagd
nd Viehzucht lebten, zu derjenigen, in welcher sie die Ebenen
'esiedelten und Feldbau trieben. In Italien werden die Höhlenunde
 gewöhnlich den namenlosen Ureinwohnern, die fondi di
;apanne den Ligurern und die Terremare den Italikern zuge-'echnet.
 Der Autor zieht jedoch vor, die Bevölkerung des
Jastellaccio vorläufig unbenannt zu lassen, indem er sich
nit treffenden Worten gegen die voreilige Namengebung aus
\nlass jedes einzelnen Vorkommens ausspricht.
Hoernes.

69.

"euziou, Henri de. La ereation de ’homme et
les premiers äges de l’humanite, (Bibliotheque
scientifique populaire, publice sous la direction de
Jamille Flammarion.) Paris 1887.
In Werken, welche einem grösseren Publicum das Ge-;jammtergebniss
 der anthropologisch-prähistorischen Forschung
vermitteln sollen, ist schon oft und kühn gegen die Gebote,
welche die Wissenschaft auch populären Darstellungen auf-;rlegt,
 gesündigt worden. Aber so ausschweifend ist mit
liesem Materiale doch noch Niemand umgesprungen, in
solchem Grad und Umfang hat es noch Keiner zu „verarjeiten“
 gewagt, wie der obgenannte Herr in seinem 840 Lexi-:onoctavseiten
 starken, mit 350 Holzschnitten und 5 grossen
Tondruckbildern ausgestatteten Werke. Illustrativ-technisch
veit hinter der Gegenwart zurück, ist er dem Stande der
Nissenschaft jedoch um Aeonen vorausgeeilt und erzählt uns
Jinge, über welche die exacte Forschung wohl niemals Auf-‚schluss
 geben wird. Für ihn gibt es in der Urzeit unseres
jeschlechtes kein Räthsel mehr, Alles, was wir bisher als
ınerklärlich oder ungewiss mit Zweifeln betrachtet, tritt in
<laren festen Formen, wenn auch nur in schlechten Holz-;chnitten,
 vor uns hin. Unfähig, so viel neue Erkenntniss
nit einem Schlage aufzunehmen, haben wir in dem dicken
3uche lediglich geblättert und auch viele Dinge gefunden,
lie nur in Gott und dem Autor mit der Prähistorie zu-;iaammenhängen.
 Vielleicht thun wir jedoch dem Letzteren
Unrecht. Es könnte ja irgendwo darin stehen, dass das Ganze
aur ein schlechter Scherz sei. Und damit wäre er allerdings
antschuldigt. Hoernes.

70.

7idam, Dr. H. Ausgrabungen römischer Ueberreste
 in und um Gunzenhausen. (Separatabdruck
a. d. Festschrift zur Begrüssung des XVIII. Conzresses
 der Deutschen Anthropol. Gesellschaft in
Nürnberg.) Nürnberg 1887. Mit 7 Tafeln.
Diese sorgfältige Arbeit ist eine wichtige Ergänzung zu
JomAUsEN’s Prachtwerk „Der römische Grenzwall in Deutschand“
 und speciell zu F. OHLENSCHLAGER’S jüngster Schrift
‚Die röm. Grenzmark in Baiern“. ‚Als erstes Ergebniss der
Intersuchung eines 35 Km langen Stückes des Limes Rhaeicus,
 der ın Baiern eine Gesammtlänge von 115 Km hat, stellt
ich heraus, dass der Limes eine freistehende, gemörtelte Mauer
            
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