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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 7=17.1887

— 30

Meeres sei, eine Wannengöttin, wie man dies nach
3kandinavischem Vorbilde ausdrücken würde, Und
Meerestöchter sind fast sämmtliche Frauengestalten
der Byliny und der slavischen Märchen, ebenso
wie in der Edda. Der Meereskönig denkt von sich
nicht schlechter wie vom Könige des Himmels, Ja
er hält sich vielleicht für einen gewaltigeren Machthaber.
 Manchesmal erscheint er auf der Erde mit
einem grossen Pflug, dem nur ein einziges Pferd
vorgespannt ist. Aber kein Reiter ist im Stande,
den ackernden Gott einzuholen, und würde er auch
den stärksten Helden zu Hilfe rufen, so gelänge es
diesem nicht, den Pflug von der Stelle zu rücken.
Und doch hebt ihn der gewaltige Ackersmann mit
einer Hand aus der Erde. Die zweite Stelle unter
den Mächtigsten nimmt nach Wofod sein ältester
Sohn ein, der Donnergott und Sommerkönig. Ob
er den Namen Perun wirklich getragen, oder ob
dies nur eine Bezeichnung seines wichtigsten Attributs,
 des Donnerkeils ist, lasse ich dahingestellt.
Im ruthenischen Volksliede heisst er Korolewycz
(Königssohn) oder noch einfacher Hrim (Donner).
Auch sein Sohn wird im Liede erwähnt, und zwar
unter dem Namen Pafykopa (Schoberbrenner). In
Jen Byliny hat er ebenso wie in manchen serbischen
Liedern den Namen des christlichen Blitzschleuderers
Elias (Ilia) geerbt. Die Sage von Piast ist in den
Byliny übrigens auch auf ihn übertragen und eine
Erinnerung an den Namen des Piast ist in dem
Umstande zu sehen, dass er oft als Bär, im Volksmunde
 Piastun, erscheint. Er ist von Geburt ein
lahmer Bauernsohn, der rothe Stiefel, einen rothen
Gürtel und eine rothe Mütze trägt. Regungslos liegt
er auf dem Ofen in seiner Hütte, als die heiligen
Gäste bei ihm eintreten und um Herberge bitten.
Aus Gastfreundschaft erhebt er sich und bringt den
Gästen Labung. Speise und Trank mehren sich auf
wunderbare Weise; auf der Gäste Geheiss trinkt er
selbst vom heiligen Meth und gewinnt dadurch übernatürliche
 Heldenstärke. Alsogleich begibt er sich
nach Krakau, zerstreut das Heer des Winterkönigs
und wird selbst zum König gewählt. Wir können
das soeben Erzählte ohne Bedenken als eine Variante
des Posener Mythus erklären. Der Donnergott erscheint
 auch hier als ein bauernbeschützender Greis
und als ein Todfeind der saatenzerstörenden Macht.
Nicht immer lebt er mit König Wofod im guten
Einvernehmen. Als der Donnergott einmal wegen
seiner bäuerlichen Tracht den letzten Platz beim
Gelage angewiesen erhält, entbrennt er in heftigstem

Zorne, begibt sich auf das Gehöft und schleudert
ait seinen Donnerkeilen die das Dach des Schlosses
chmückenden Kugeln hinab. Erbost lässt ihn Wofod
n einen tiefen Keller sperren. Bald jedoch reut ihn
‚ein Grimm. Sobald der Donnergott nämlich vom
\ngesicht der Erde verschwunden ist, zieht der
Nintergott mit- grosser Macht in’s Land. Diesmal
aeisst der Gemahl der Jagababa Kalin-Car
ınd stammt nicht aus Deutschland, sondern, dem
»steuropäischen Charakter der Sage entsprechend,
us Indien, dem fabelhaften Lande der Tamerlaniden.
Jas weisse Heer des Winterkönigs bedeckt alles
zefilde ringsum mit zahllosen Zelten, und die Macht
{ler Helden genügt nicht, den bösen „Hund“, den
Calin-Car zu besiegen. Endlich muss man den
Jonnergott aus seinem Kerker heraufholen, und
lieser bricht sofort die Macht des Winterkönigs.
Vor dem in den Byliny besungenen Götterınd
 Heldengeschlecht lebte ein noch gewaltigeres
uf Erden. Nach einem ruthenischen Märchen wurde
3s hinweggetilgt, in dem Augenblicke, als es nach
Citanenart die Karpathen aufthürmte, um den Himmel
u stürmen.
Nur ein Vater blieb mit seinem Sohne am Leben,
\ls sich die Wasser der Fluth verlaufen hatten und
yjeide von den Gipfeln der Czernahora herabstiegen,
 erblickte das Riesenkind mit Verwunderung
xın Gewürm, das sich in die Erde grub. Auf die
Trage des Sohnes antwortete der Vater, es sei dies
äner von den neuen Männern, der mit seinem Pfluge
lie Erde ackere. Da kein Riesenweib die Fluth überebt
 hatte, musste das Geschlecht aussterben, und
mr Zeit, da Wood herrschte, lebte nur mehr ein
inziger Riese, Swiatogor genannt. In meiner
Tindheit wurde mir erzählt, dass er unter der
‚riechisch-unirten Kirche in PobereZe, einem am
Jniester gelegenen Dorfe, begraben sei. Wirklich
verden dort einige — Mammuthknochen aufbewahrt.
\nders erzählen die Byliny. Der Donnerer ritt
ınmal in’s Gebirg, um den berühmten Swiatogor
‚u sehen. Er begegnete dem reitenden Riesen und
lieser hob ihn sammt seinem Pferde von der Erde
ınd steckte ihn in sein Tuch. Aber das Pferd des
Ziesen konnte die neue Last nicht tragen und dieser
‚elbst erkannte bald, der Zwerg müsse dem Heldenseschlechte
 entstammen. Bald verband innige Freundchaft
 den Swiatogor mit Ilia. Einmal wollte
ler Riese dem Donnerer die letste Ruhestätte zeigen,
lie er für sich bereit hielt. Swiatogor legte sich in
seinen ungeheueren Sarg und liess ihn durch den
            
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