Digitized Materials

Here you will find digitized editions of anthropological journals and monographs. For more information about the digitization project, please visit [here].

Search in

Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 7=17.1887

38

Die hervorragendste Gestalt des Krakauer Cyklus
ist „Krok“ oder „Krak“, d. h. Schritt (Gradivus),
dessen Name im ganzen slavischen Westen und bis
nach Skandinavien bekannt ist Wo immer man den
Krokmythus findet, findet man auch fast regelmässig
 den St. Veit-Cultus, so dass man annehmen
kann, ein zweiter Name Kroks sei Wit, d. h. der
Leuchtende, gewesen. Daraus hat dann der deutsche
Chronist aus leicht zu erklärender Unkenntniss den
nie dagewesenen Götternamen Swantewit (St. Veit)
gebildet. Man hört wohl hie und da von Kämpfen,
welche Krok mit bösen Mächten auszufechten hatte,
da er noch jung war; in der Regel erscheint er
bereits als ein älterer, segensreich über das Land
herrschender König. Da schlägt ein böser Drache,
Zmij oder Smok seinen Sitz in einer Höhle des
Burgfelsens auf. Das Ungeheuer verpestet mit seinem
Athem die Luft und fordert einen Tribut an Jünglingen
 und Jungfrauen, Nicht Krok selbst bezwingt
Jiesen Drachen. Nach einer wohl späteren, zünftig
mittelalterlichen Version soll ein Schusterjunge einen
mit Schwefel gefüllten Balg dem Ungethüm vorgeworfen
 und es auf diese Weise vergiftet haben.
Nach einer älteren Sage ziehen Krok’s beide Söhne
aus, um die dem Smok verfallenen Jungfrauen
zu befreien. Der ältere der beiden Brüder tödtet
das Ungeheuer; aber der jüngere Bruder Leszek,
von Eifersucht gepeinigt, tödtet meuchlings seinen
glücklicheren Bruder und schreibt sich selbst die
Heldenthat zu. Bald darauf stirbt Krok, nach einer
Version von eigener Hand wie Odin, Dem Andenken
des todten Königs zu Ehren feiert noch heute das
Volk an einem riesigen Feueraltar bei Krakau zur
Osterzeit Spiele. Die Erklärung des eben erzählten
Mythus wird sich später vielleicht von selbst ergeben.
Noch populärer als Krok ist seine Tochter Wanda,
Jie nach ihm in Krakau geherrscht haben soll. Denn
nicht Libussa, sondern Wanda erbt das Polenreich.
 Der Name Wanda ist wohl mit der Bezeichnung
 unda (Woge) identisch. Sie erscheint als
aine riesenhafte, jungfräuliche Göttin manchesmal
noch heute auf den Thürmen der Krakauer Königsburg.
 Sie wollte keinen Mann kennen. Ein deutscher,
d. h. böser, gewaltiger Fürst, den der Chronist
Rytigier nennt, wollte ihr seine Liebe aufdrängen.
Er kam mit seinem grossen, winterlichen Heere,
um die Wassergöttin in seine Gewalt zu bringen.
Aber da blickte Wanda, eine wahre Athena Tritogeneia,
 zürnend auf, und unter der Wirkung dieses
Blickes schmolz das ganze Heer zusammen, während

sich Rytigier selbst zu Tode biss. Wanda bestieg
än Boot und kehrte in die heimischen Gewässer,
n die Weichsel zurück. So lautet bei den alten
)hronikern der naive Mythus von der Jungfräulichen
Jöttin der fliessenden Gewässer und von ihrem
iegreichen Kampf gegen den Winter. Ein zweiter
Teueraltar bei Krakau trägt noch heute der Namen
Wanda’s. ,
Spätere Ueberlieferungen haben diese Sage zuerst
:lassicirt , dann romantisirt, so dass sie heute im
Volksmunde ziemlich abgeschmackt lautet. Nach
etzterer Fassung hätte sich eine sentimentale Königs-;ochter
 in einen schönen, deutschen Ritter verliebt;
joch habe sich das Volk dieser Verbindung widerjetzt.
 In Folge dessen habe Rytigier das Land
nit Krieg bedroht und Wanda habe freiwillig
len Tod in den Wellen der Weichsel gesucht, um
hr Land vor den Schrecknissen eines Krieges zu
bewahren.
Vielfach finden wir in polnischen Sagen die
Gestalt des Pfremysl und des schon erwähnten
‚eszek vor, doch ohne klare Localisirung. Premysl
soll durch eine Kriegslist Alexander den Grossen
rertrieben haben. Diese chronistische Erfindung ist
vohl nicht leicht zu deuten. — Leszek ist immer
in hinterlistiger, dabei glücklicher Lügner, der sich
stets mit fremdem Verdienst brüstet, bei Wettrennen
ınredliche Mittel anwendet, hundert dumme Streiche
‚erübt und am Ende doch den Sieg davonträgt.
3o wie die Natur des Krok wird uns auch die
Natur des Leszek in der Folge klarer werden.
In der Chronik Nzsror’s finden wir mancherlei
\nklänge an Kiewer Mythen; doch sind diese in
;o bedenklicher Weise mit historischen Thatsachen
rermischt, dass es schwer wird, Sage und wirkliche
"haten der normännischen Könige von Kiew zu
ınterscheiden. Aber den glücklichen Entdeckungen
les russischen Gelehrten Rysxıkow verdanken wir
seit den Zwanziger Jahren den Besitz zahlreicher,
ast in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltenen
Ciewer Heldensagen, die wir mit Recht eine
'avische Edda nennen können. Dieser Gelehrte
örte am Onegasee zufällig einen Rhapsoden, der
ıiner Bauernversammlung ein Lied vorsang. Form
ınd Inhalt dieses Liedes waren so auffallend, dass
ron nun an die russischen Forscher, aufgemuntert
lurch die ausserordentliche Entdeckung Rysxırow)s
n den Gouvernements Olonec und Archangelsk
leissig ähnlichen Liedern nachspürten. Und obwohl
ı1eute das Geschlecht der Rhapsoden auch dort, im
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.