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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 6=16.1886

„+
SO

schaft Anprze’s, aus zahlreichen, oft schwer zugänglichen
Quellen das Material des behandelten Stoffes herauszufinden
and auf diesem, durch kritische Sichtung gefestigtem Fundanente
 das wohlgefügte Gebäude seiner Monographien aufzubauen.
 Vollständige Beherrschung der Literatur, Klarheit
und Uebersichtlichkeit der Darstellung, welche durch die
genauen Quellenangaben jede — und gerade auf diesem,
so oft von Dilettanten unsicher gemachten Gebiete, so nothwendige
 — Controle zulässt, sowie eine gewisse Sicherheit
und Eleganz der Schlussfolgerungen, welche trotzdem jeder
nüchternen, streng wissenschaftlichen Kritik Stand halten,
sind die schon so oft und immer wieder mit vollem Rechte
gerühmten Vorzüge dieses Autors. Dadurch steht jede seiner
Aeissigen und gediegenen Arbeiten hoch über jenen, den
heutigen Büchermarkt überschwemmenden, kritiklosen Comnilationen,
 welche durch einen gewissen wissenschaftlichen
Anstrich das sich gerade für derartige Lectüre lebhaft interessirende
 Publicum zu täuschen wissen. Es ist wahrlich keine
zo einfache Sache, aus der vielschaligen Frucht zahlloser, nur
zu oft mangelhafter und einander nicht selten direct widerzprechender
 Reisebeschreibungen den Kern unversehrt herauszuschälen
 und denselben auch dem in der Fachliteratur
minder Bewanderten in einer geniessbaren Form zu präsentiren.
 AnnreE besitzt diese glückliche Gabe und daher freuen
wir uns über jedes neue Werk, welches uns der unermüdliche
Jorscher schenkt.
In dem in Rede stehenden Werke schickt Anvree der
Darstellung über die heute noch bei manchen aussereuroaäischen
 Völkern im Schwange stehende Anthropophagie
gleichsam als Einleitung drei Capitel voraus. Das erste derselben
 behandelt die prähistorische Anthropophagie, von dem
wir nur dessen Kürze bedauern. Dieselbe hat auch zur Folge,
dass verschiedene, in dieses Thema einschlägige Beobachtungen
nicht erwähnt sind. Ich erwähne hier nur beispielsweise die
interessante Discussion über die Beobachtungen von AnTAnowırscH,
 welche derselbe bei Gelegenheit seiner Ausgrabungen
in vielen Tumuli Nordkaukasiens gemacht hat, auf dem
Tifliser Congresse im Jahre 1881. Das zweite Capitel: „Ueber-‚ebsel
 im Volksglauben“ nimmt mit demselben Recht, wie
lie vergleichende Mythologie den Stoff zum Wiederaufbau der
alten Götterwelt, die noch heute bei den verschiedenen Culturzölkern
 Europas verbreiteten Sagen und Märchen in Anspruch,
Rede zu stehen über die Verbreitung dieser merkwürdigen Sitte
in einer Zeitperiode dieser Völker, welche der geschichtlichen
Erinnerung vorangeht. An dasselbe reiht sich als drittes
Capitel: „Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie“,
 ein kurzer Nachweis verschiedener Stellen aus den
Schriften der alten, classischen Autoren, aus welchen unzweifelhaft
 das Vorhandensein dieser Sitte bei verschiedenen
Völkern, welche mit den Geschichtsvölkern des Alterthums
in Berührung gekommen sind, hervorgeht.
Die weiteren Capitel behandeln fortlaufend die gegenwärtige
 Verbreitung der Anthropophagie in Asien, Afrika,
Australien, den Inseln der Südsee und in Amerika. Sind auch
nicht alle Quellen benutzt worden, so sind die citirten doch
gut ausgewählt. In einem Schlusscapitel werden die Ergebnisse
 der Untersuchung zusammengefasst. Dieselben finden
sich — was die Ursachen und Beweggründe des Anthropophazismus
 anbelangt — in folgenden zwei Sätzen niedergelegt.
‚Aber der Hunger, der die physiologische Entschuldigung

ler Anthropophagie abgeben soll, ist in verhältnissmässig
venigen Fällen als die wirkliche Ursache derselben zu berachten“,
 und „Als die wesentlichsten Beweggründe zur
\nthropophagie stellen sich aber stets der Aberglaube — sei
>r religiöser oder sonstiger Art — und die Rachsucht dar
ınd diese beiden finden wir überall da verbreitet und zur
That treibend, wo der Kannibalismus vorhanden ist.“
Franz Heger.

Tuan Ignacio de Armas: Les eränes dits deformes.
Memoire Iu en Espagnol ä la Societ& Anthropologique
 de la Havane, le 1%® Novembre 1885.
L6 pp.
Eine polemische Schrift, welche sich gegen die dem
Terfasser hauptsächlich von Dr. MontAnr vertretene Hypothese,
lass die auf der Insel Cuba aufgefundenen deformirten alten
jchädel dem bekannten Caraibenstamm zuzuschreiben seien,
vendet. Der Verfasser beschäftigt sich an der Hand der
ıltesten spanischen Autoren und Chronisten, deren Berichte
;r mit grosser Umständlichkeit Kritisch erörtert, zunächst
nit der Frage nach den ursprünglichen Sitzen und dem
Terbreitungsgebiet des Caraibenstamms, bespricht sodann
lie Zeugnisse für und wider die Wahrscheinlichkeit des Vorzommens
 der Sitte, die Schädel der Neugebornen auf dem
jekannten künstlichen Wege zu deformiren, bei den Caraiben,
lie er in negativem Sinne entscheidet. Er gelangt aber weiterhin
vuch zu dem Satze, dass die alten Einwohner Amerikas vor
ler Eroberung überhaupt den Brauch, die Köpfe Neugeborner
‚u deformiren, nicht gekannt hätten — wo man dergleichen
xu beobachten meinte, sei es Schein, den die Natur selbst
nit ihren eigenthümlichen Bildungen hervorgebracht habe.
Jen Ethnologen sind aber in dieser Frage weit mehr Thatsachen,
 als dem Herrn Verfasser bekannt, und so wird sich
vuch die Lehre, dass das prähistorische, wie das historische
\merika, so weit es Thema des Ethnologen ist, künstliche
Terunstaltungen des Kinderschädels sehr häufig vorgenommen
ıat, nicht im Mindesten durch die Opposition des Verfassers
indern. Vom hohen Norden bis zum äussersten Süden des
Joppelcontinentes hat jene, vom Verfasser geleugnete Sitte
‚eherrscht, und die Beweisstücke dafür, speciell auch bezügich
 der Caraiben (von Cumana in Venezuela, der Antillen,
3Zahama und caribischen Inseln u. s. w.) sind im Besitze
zahlreicher europäischer Museen,
Dr. Mich. Haberlandt.

Much, Dr. Matthaeus. Die Kupferzeit in Europa und
ihr Verhältniss zur Cultur der Indogermanen.
Wien 1886. 187 pp. 8°. Sep.-Abdr. a. d. Mitth.
ler k. k, Centr.-Comm. für Kunst- und histor.
Denkm. Jahrg. 1885 und 1886.
Diese neueste Arbeit Muca’s ist wieder von derselben
ınerschöpflichen Liebe und Hingebung zu seinem Gegentande
 getragen, welche auch die früheren Arbeiten dieses
ınermüdlichen Urgeschichtsforschers auszeichnen, und muss,
vie wir gleich eingangs erwähnen wollen, in vielen Bezier
jungen zu den bemerkenswerthesten urgeschichtlichen Publi-;ationen
 dieses Jahres gezählt werden.
            
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